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Aus der Residenz in die Burg

Martin Kusej geht von München nach Wien

In der neuen Saison beginnt Martin Kušej am Burgtheater, der Station, die wohl schon immer ein Lebensziel war. «Neue Richtungen und Ästhetiken suchen, den üblichen Mainstream verlassen und mich noch einmal einem gewissen Risiko aussetzen», sei dabei sein Ziel. Was sehr gut zu seiner Bilanz am Münchner Residenztheater passt.

Wenn man Kušej wegen einer Haltung uneingeschränkt verteidigen möchte, dann ist es seine souveräne Fähigkeit, neben der eigenen Regiearbeit Platz für die künstlerische Autonomie anderer zu lassen, selbst wenn die eher konträr zum eigenen Interesse liegt oder gar so flapsig frech daherkommt wie bei Oliver Frljic, der in seinem vieldiskutierten Marstall-Einstand «Balkan macht frei» gleich eine ganze Riege deutscher Regieprominenz einem Amoklauf seines Bühnen-Alter-Egos zum Opfer fallen ließ.

Dabei hat Kušej seit seiner ersten Spielzeit sehr erfolgreiche Produktionen inszeniert wie die heißkalt sezierende Fassbinder-Adaption «Die bitteren Tränen der Petra von Kant» mit einer fulminant an sich selbst leidenden Bibiana Beglau, ein immer ausverkaufter Dauerbrenner auf dem Spielplan.

Zwei Jahre später gab Beglau in Kušejs säkularem Fight-Club-«Faust» mit Werner Wölbern in der Titelrolle eine nihilistische Mephista ohne Gott und mit noch blutigen Flügelnarben an den Schultern.

Daneben war nicht nur Frank Castorf von Beginn an und über die Jahre mit insgesamt fünf Inszenierungen zu Gast, zwei davon – «Reise ans Ende der Nacht» und «Baal» wurden zum Theatertreffen eingeladen –, sondern ebenso viele gefragte A-Liga-Regisseure des deutschsprachigen Theaterbetriebs, darunter Calixto Bieito, David Bösch, Andrea Breth, Herbert Fritsch, Alvis Hermanis, Andreas Kriegenburg oder Michael Thalheimer. Jüngere wie Robert Gerloff, Anne Lenk oder Bernhard Mikeska durften sich ausprobieren und weiterentwickeln.

Von Anfang stand an das eigene Ensemble im Zentrum der Spielplangestaltung, was bei einem Bestand von über 50 Spielern zwar eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber bekanntlich längst nicht immer so praktiziert wird. Vor allem für junge Spielerinnen und Spieler wie Nora Buzalka, Mathilde Bundschuh, Lilith Häßle, Marcel Heuperman, Franz Pätzold oder Tim Werths, die zum Teil gleich nach der Schauspielschule ans Resi kamen, ergaben sich so aufregende Möglichkeiten. Eine ganze Clique zieht nun mit Kušej weiter ans Burgtheater.

Die vollständige Bilanz zog Silvia Stammen im Gespräch
mit dem Chefdramaturgen Sebastian Huber in Theater heute 8-9/2019.