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Fett oder MET?

Die Sopranistin Lisette Oropesa hat sich entschieden

In den USA hat sie die bestdotierten Preise für Nachwuchsstimmen gewonnen. Seit ihrer Marguerite in Meyerbeers «Huguenots» an der Pariser Oper steht die lyrische Koloratursopranistin auch in Europa hoch im Kurs.

Frau Oropesa, seit einer Weile geben Sie auf YouTube Tipps für junge Sänger.
Ich habe viele Fragen auf Instagram, Twitter und Facebook von jungen Sängern bekommen. Ich antworte immer persönlich, aber häufig handelt es sich um ähnliche Fragen. Wenn ich jemand damit helfen kann, freue ich mich. Aber ich versuche immer, ehrlich auch über schwierige Dinge zu sprechen. Die Videos werden oft angeschaut, manche Gesangslehrer schicken sie sogar ihren Studenten.

Was hat sich aus Ihrer Sicht für junge Sänger in den vergangenen Jahren am meisten verändert?
Durch das Internet sind viel mehr Augen auf uns gerichtet als zu Zeiten, in denen wir nur in Zeitungen besprochen wurden oder Menschen privat im Restaurant über uns sprachen. Das ist gut, weil es bedeutet, dass die Oper Menschen erreicht, aber wir bekommen jetzt auch viel Kritik aus Quellen, hinter denen keine Experten stehen. Damit richtig umzugehen, ist sehr schwierig. Man braucht die Präsenz in den sozialen Netzwerken, aber man muss lernen, nicht mit jedem zu reden. Manchmal kann man jemanden glücklich machen, indem man mit ihm spricht. Aber es gibt auch Leute, die dich einfach nur zerstören wollen. Die Erwartung an Sänger ist generell höher als früher: Man soll ein guter Darsteller sein, glaubwürdig auf der Bühne, gut aussehen, eine große Stimme haben – und alles muss sofort perfekt sein. Man hat keine Zeit mehr, sich zu entwickeln. Die Leute haben die Callas oder die Caballé auf ihrem Smartphone und wollen, dass du mit 25 so klingst wie sie.

In einem Interview haben Sie beklagt, dass Opernsängerinnen heute immer schlank sein müssten.
Ja, meistens, auch wenn es ein bisschen vom Repertoire abhängt. Die Männer übrigens auch. Ich war früher sehr viel schwerer, und man hat mir eigentlich die ganze Zeit gesagt, ich sei zu dick. Also habe ich schon während meiner Zeit an der Met etwas dagegen unternommen, weil ich anders keine Arbeit gefunden hätte. Ich habe alles in meinem Leben geändert. Heute bin ich froh, dass ich es getan habe, weil ich besser singe, besser aussehe und mich besser fühle. Aber so etwas von außen zu hören, war schwierig. Ich sage das nie jungen Sängern, egal wie dick sie sind, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass es wehtut. Ich musste wirklich jede Art von Kritik verkraften, von der Frisur über meine Kleider bis hin zu den Schuhen. Das Erste, was die Leute hören, ist dein Aussehen. Bei Vorsingen wird schon geurteilt, bevor man auch nur eine Note gesungen hat.

Lässt sich das ändern?
Ich wünschte mir, dass wir das hinter uns lassen könnten, aber Oper ist nun mal Theater, man singt nicht hinter einem Vorhang. Also schauen die Leute dich an, die Regisseure, das Publikum, die Kritiker, wo soll man da anfangen? Kritiker schreiben manchmal furchtbare Dinge, wenn sie nicht mögen, wie ein Sänger aussieht. Auch Leute aus dem Publikum kommen immer wieder auf mich zu und sagen freudestrahlend: «Ich bin so froh, dass Sie nicht fett sind.» Soll man deshalb mehr korpulente Sänger auf die Bühne stellen, damit die Wahrnehmung sich ändert? Vielleicht, aber dann kaufen diese Leute keine Eintrittskarten. Es ist wie im Fernsehen, in den Magazinen, in den sozialen Netzwerken: eine einzige Schönheitslotterie.

Das gesamte Interview von Michael Stallknecht
finden Sie in Opernwelt 8/2019.