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In der Tinte liegt die Wahrheit

Wie Mozart komponierte

Von Eckhard Weber

«Komponirt ist schon alles – aber geschrieben noch nicht», teilt Wolfgang Amadeus Mozart seinem Vater über die Arbeit an der Oper «Idomeneo» am 30. Dezember 1780 mit. Die Briefstelle führte zur weit verbreiteten Vorstellung, Mozart habe seine Partituren fast nebenbei und in einem Rutsch geschrieben, denn im Kopf sei ja schon alles ausgeführt gewesen. «Zu allen Zeiten ist man auch nicht aufgelegt zum arbeiten, hinschmieren könnte ich freylich den ganzen tag fort; aber so eine sach kommt in die welt hinaus, und da will ich halt daß ich mich nicht schämen darf, wenn mein Namm draufsteht», heißt es dagegen in einem anderen Brief an den Vater, was wohl eher der historischen Wahrheit entspricht. Denn dass der Komponist allzeit vor musikalischen Einfällen übersprudelte und ihm alles leicht von der Hand ging, gehört ins Reich der Legende. Dies belegt die Handschrift einer seiner populärsten Nummern: Deutlich sieht man, dass Mozart die Stimmen für die «Rachearie» der Königin der Nacht aus der Zauberflöte in verschieden schattierten Tinten niedergeschrieben hat.

Mozarts üblicher Arbeitsprozess verlief in zwei Phasen: Mit dunkler Tinte fixierte er zunächst die «Kontur», die melodietragenden Stimmen, hier die oberen Violinen und die Singstimme, sowie den harmonisch wichtigen Bassverlauf. In einem zweiten Arbeitsgang wurden dann die Füllstimmen, Imitationen und Verdoppelungen ausgeschrieben. Dazu verwendete Mozart mit Wasser gestreckte, hellere Tinte. Diese zweite Phase der Arbeit an der Partitur schloss sich nicht immer unmittelbar an die erste an. Im Fall der Zauberflöte ist brieflich verbürgt, dass Mozart die niedergeschriebene «Kontur» der einzelnen Nummern seinem Schüler und Assistenten Franz Xaver Süßmayr gab, der davon Kopien erstellte, während sich der Meister bereits den nächsten Nummern widmete. 

Acht Jahre nach Mozarts Tod verkaufte Constanze sämtliche Handschriften ihres Mannes dem Offenbacher Verleger und Komponisten Johann Anton André für 3.150 Gulden – nachdem der Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel aus Kostengründen abgewunken hatte. André gab zahlreiche Erstdrucke heraus, das Zauberflöten-Autograph vererbte er seinem Sohn Julius, Pianist, Organist, Komponist und Bearbeiter vieler Werke Mozarts. Von dem erwarb es der Dresdner Bankier Eduard Sputh, der es der Königlichen Bibliothek in Berlin, der heutigen Staatsbibliothek, als Schenkung anbot. Der Haken an der Sache: Sputh war bankrott und tauchte kurz darauf unter – das Autograph gehörte nun zur Sputh‘schen Konkursmasse. Der Berliner Bankier Ferdinand Jacques sprang in die Bresche und gab 2.500 Taler, mit denen die Bibliothek die Handschrift 1866 rechtsgültig erwerben konnte. Während des Zweiten Weltkrieges ausgelagert, gelangte die Partitur in die Universitätsbibliothek Krakau. Seit 1977 befindet sich die Zauberflöte wieder Unter den Linden in Berlin – wie auch die Autographe von Idomeneo, Le nozze di Figaro, Così fan tutte, Entführung aus dem Serail, Tito, der c-moll-Messe und der Jupiter-Sinfonie.

Aus des Meisters eigener Feder: Der Beginn der «Rachearie», des berühmten Bravourstücks der Königin der Nacht aus der Zauberflöte. Heute gehört die 1791 geschriebene Partitur der Berliner Staatsbibliothek – und ist damit Teil der bei weitem größten Mozart-Handschriftensammlung der Welt.