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Der zweite Vater der Zauberflöte

Emanuel Schikaneder

Von Benjamin-Gunnar Cohrs

«Die Zauberflöte» gilt als Meisterwerk Mozarts, ihr Librettist – in Personalunion auch Regisseur, Produzent und Papageno der Erstaufführung – wird fast übersehen. Wer war dieser Emanuel Schikaneder, auf den heute allenfalls noch ein bisschen Glanz vom Licht seines alle überstrahlenden Freundes Mozart fällt? Schikaneder, so schrieb Hermann Abert im Vorwort zur Partitur der Zauberflöte, «war ein richtiger Sohn jener Zeit, wo Schwindler und bedeutende Köpfe dicht beieinander wohnten. Auf der einen Seite vereinigte er in sich alle Züge des geborenen Vagabunden, Gutmütigkeit, Mutterwitz, renommistisches Komödiantentum und eine unglaubliche moralische Skrupellosigkeit unter der Maske des humorvollen Biedermanns, auf der anderen Seite aber hatte er einen genialen Blick für alles Bühnenwirksame, um den ihn mancher gebildete Dramatiker hätte beneiden können. Seine Theaterstücke waren grobe literarische Kost, aber sie schlugen jederzeit ein, und unvergessen bleibt ihm auch sein erfolgreiches Eintreten für Shakespeare (er war ein gefeierter Hamlet) und für das aufblühende deutsche klassische Drama.»

Johann Josef Schickeneder, geboren am 1. September 1751 in Straubing, war ein echtes Multitalent: Schauspieler und Sänger, Autor, Regisseur und Theaterdirektor; er verfasste gut 100 Theaterstücke und Libretti und komponierte sogar eigene Opern. 1777 schloss er sich dem Moser’schen Tourneetheater an. Rasch nahm die Gruppe erste Stücke von ihm ins Repertoire, die Schickeneder bald auch selbst inszenierte. Im selben Jahr heiratete er die sechs Jahre ältere Schauspielerin Maria Magdalena Arth. Beide legten sich Künstlernamen zu: Emanuel und Eleonore Schikaneder. 1780 gastierte Schikaneder längere Zeit in Salzburg und freundete sich mit der Familie Mozart an. So lernten sich das Musik- und das Theater-Genie kennen.

Im Oktober 1784 – zur gleichen Zeit, als Mozart seine Mitgliedschaft in der Wiener Freimaurer-Loge «Zur Wohlthätigkeit» beantragte – begann Schikaneder, seine Tätigkeiten in Wien zu intensivieren. Am 12. November schrieb Das Wiener Blättchen: «Freytags den 5. öffneten die Herren Schikaneder und Kumpf mit ihrer Gesellschaft deutscher Schauspieler und Sänger ihre Schaubühne. Es wurde das beliebte Singspiel Die Entführung aus dem Serail aufgeführet und die Gesellschaft ärndete den verdienten allgemeinen Beyfall ein.» Bei dieser Aufführung von Mozarts Meisterwerk im Kärntnertor-Theater war sogar Kaiser Joseph II. anwesend. Schikaneders Aufführungen waren auch finanziell so erfolgreich, dass der Kaiser selbst anregte, dort während der Saison eine feste Truppe einzurichten. Schikaneder und seine Truppe stolperten freilich bald über die Zensur: Für den 3. Februar 1785 hatten sie die Erstaufführung der deutschen Fassung von Beaumarchais‘ obrigkeitskritischer Komödie Die Hochzeit des Figaro vorbereitet, die der Kaiser «anstößig» fand. Er verbot die Aufführung, Schikaneder musste seine Truppe aufgeben. Es dürfte ihn wenig getröstet haben, ab dem 1. März 1785 an das Hoftheater engagiert zu werden, wo er einer der sechs bestbezahlten Schauspieler war. Für die Nachwelt hatte diese musikalische Staatsaffäre immerhin ein Gutes: Mozart wurde auf den Figaro-Stoff aufmerksam und begann im Herbst 1785 mit der Komposition einer seiner bedeutendsten Opern. Etwa zur gleichen Zeit verließ Eleonore Schikaneder ihren Mann – sie hatte eine Affäre mit dem Schauspieler Johann Friedel begonnen. Schmollend zog sich Schikaneder mit den Resten seiner alten Truppe nach Regensburg zurück. Die abtrünnige Gattin und ihr Lover engagierten sich bald für ein neues Theater, das auf Antrag des Theaterdirektors Christian Rossbach ab 1787 im Freygebäude auf der Wieden errichtet wurde. Dabei handelte es sich um das einstige Landgut des Grafen Starhemberg, das vom Kaiser für steuerfrei erklärt worden war. Entsprechend waren die Profite. Die größte und einträglichste Wohnanlage Wiens umfasste 225 Wohnungen und sechs Höfe, und 1785 berichtete die Oberdeutsche Staatszeitung: «Dieses ungeheure Haus ist selbst ein Städtchen en Miniature: fasst eine Kirche, eine Apotheke, beynahe alle Handwerker und Künstler in seinem Umfang ein, kurzum, alles was man in einer Stadt braucht.» Friedel und Eleonore übernahmen im März 1788 die Leitung des neuen Theaters auf der Wieden, Friedel starb jedoch bereits am 31. März 1789 an Schwindsucht. Eleonore hatte er zu seiner Universalerbin eingesetzt. Sie versöhnte sich flugs mit ihrem Gatten, und Schikaneder trat an Friedels Stelle. 

Am 12. Juli 1789 wurde das Haus mit der Uraufführung von Schikaneders Posse «Der dumme Gärtner aus dem Gebirge oder die zween Anton» wiedereröffnet. Eine überaus erfolgreiche Saison begann. Das Theater soll nach zeitgenössischen Beschreibungen über siebenhundert Plätze gehabt haben. Es gab kleine und große Logen, Parkett und zwei Galerien. Das Personal war umfangreich: Schikaneders und Friedels Darsteller schlossen sich zu einem großen Ensemble zusammen. Dazu kamen mehr als 20 Choristen und ein Orchester aus 35 Musikern. Als Kapellmeister und Hauskomponist wurde Johann Baptist Henneberg (1768 – 1822) verpflichtet, als Finanzier und Gesellschafter Joseph Edler von Bauernfeld gewonnen. Mozart, dessen Schwägerin Josefa Hofer am Wiedner Theater spielte, besuchte oft die Aufführungen. Das Haus florierte, doch gab es Konkurrenz – insbesondere das von Karl Marinelli geleitete kaiserliche Theater in der Leopoldstadt. Nachdem Joseph II. im Januar 1790 gestorben war, nutzten daher Schikaneder und Bauernfeld die Gelegenheit, sich an seinen Nachfolger Leopold II. mit der Bitte zu wenden, «einen Adler im Schilde mit der Ueberschrift K. privilegiertes Schauspielhaus zu führen». Bauernfeld begründete den Antrag mit den «grossen Kosten, welche so eine Unternehmung fordert, wie auch in allergnädigster Erwägung, dass es dem Ruhme der Hauptstadt nicht gleichgültig seyn dürfte, in zwei Vorstädten, wo eine mit der andern wetteifert, ein mit gut gewählten Stücken, und Decorationen versehenes Theater zu finden». Der Kaiser gewährte die Gunst am 21. Juni. Das Haus durfte sich fortan «K. K. priv. Wiedner Theater» nennen. 

Gespielt wurden Komödien und Dramen zeitgenössischer Poeten, inklusive solcher aus Schikaneders Feder. Besonders erfolgreich waren die Oper «Oberon König der Elfen» von Paul Wranitzky und die erst vor wenigen Jahren wiederentdeckte Oper «Der Stein der Weisen oder die Zauberinsel» von Benedikt Schack (dem späteren Tamino), die Einlage-Nummern von Mozart enthält. Doch der Erfolg des Hauses rief auch Neider auf den Plan, vielleicht sogar Marinelli selbst. Im Februar 1791 kursierte das Gerücht, das Wiedner Theater stünde kurz vor der Pleite. Schikaneder wehrte sich mit einer in der Wiener Zeitung mehrmals veröffentlichten Versicherung, wonach «alle das Theater betreffende Ausgaben wöchentlich und ohne Aufschub gezahlet werden». Märchen aus dem Gartenhaus Freilich waren die Zeiten hart, die Lebenshaltungskosten stiegen. Theater-Gesellschafter Bauernfeld machte so hohe Schulden, das am 13. August 1791 schließlich von Amts wegen öffentlich seine Insolvenz erklärt wurde, wonach «niemand mit ersagten Joseph v. Bauernfeld eigene Geschäfte eingehen, Contracte abschliessen, oder demselben ein Darlehen leisten soll». Ungeachtet der Versicherung Schikaneders standen auch seine eigenen Finanzen schlecht – und ebenso die von Mozart: Der setzte am 15. Januar 1791 sogar eine Kleinanzeige in die Wiener Zeitung, um seine Orgel zu verkaufen. Schikaneders Vorschlag, eine neue Märchenoper zu schreiben, kam Mozart daher gerade recht: Gattin Konstanze, die mit ihrem sechsten Kind schwanger war, weilte in Baden. Er brauchte Ablenkung und komponierte die Oper im Frühjahr und Sommer 1791, in einem Gartenhäuschen neben dem Theater, das Schikaneder ihm zur Verfügung gestellt hatte. An den Wochenenden besuchte er Frau und Kind. Als Franz Xaver Wolfgang Mozart am 26. Juli geboren wurde, war die Oper weitgehend beendet; nur die Instrumentation war noch nicht fertiggestellt. Schikaneders Truppe begann zu proben. Die Uraufführung verzögerte sich allerdings, da Mozart noch ein Auftrag dazwischen kam: die Oper «Titus» für die Krönung Kaiser Leopolds II. zum böhmischen König in Prag. Die Premiere der «Zauberflöte» wurde für den 30. September angesetzt. Die letzten Stücke – Priestermarsch und Ouvertüre – wurden erst zwei Tage vorher fertig. Mozart übernahm die musikalische Leitung, Schikaneder die Rolle des Papageno; Mozarts Freund Schack sang den Tamino, seine Schwägerin Josefa die Königin der Nacht. Die Zauberflöte war ein voller Erfolg: Sie füllte dem Theater die Kasse und wurde bald schon andernorts nachgespielt – was vor allem an ihrem märchenhaften Ambiente und der rasanten Handlung mit vielen überraschenden Wendungen lag.

Eigentlich jedoch ist diese Oper ein Gedanken-Konstrukt, dessen gewaltige Dimensionen dem Publikum bis heute weitgehend verborgen bleiben: Der Musikwissenschaftler Hans-Josef Irmen weist in seinem Buch Mozart – Mitglied geheimer Gesellschaften (1991) nach, in welch großem Umfang Rituale, Symbole und Anliegen der Freimaurer dort in musikalischer Geheimschrift eingearbeitet sind. So ist beispielsweise kein Titelblatt in Worten erhalten. Irmen fand jedoch heraus, dass Mozart den Titel im Manuskript der Ouvertüre zahlenalphabetisch verschlüsselt hat. Dabei zählt man A = 1, B = 2 usw. (I / J = 9, U / V = 20, Z = 24). Zählt man nun alle Noten der ersten Violine in der Adagio-Einleitung (Takt 1–17), kommt man auf 129 Noten; das bedeutet 24 + 1 + 20 + 2 + 5 + 17 + 6 + 11 + 14 + 5 + 19 + 5, also ZAUBERFLOETE. Der Bass hat 87 Noten, entsprechend MOZART (12 + 14 + 24 + 1 + 17 + 19 = 87). Ähnlich lassen sich die anderen Instrumental-Stimmen entschlüsseln. Durch die geschickte Verwendung verschiedener Wiederholungszeichen, der so genannten Faulenzer, hat Mozart dabei sichergestellt, dass jeweils nur die real notierten Töne gezählt werden können. Aus modernen Notenausgaben, die alle Faulenzer auflösen und in Noten ausschreiben, ist der geheime Code natürlich nicht mehr zu eruieren  ... Das von Irmen ausgeknobelte „Titelblatt in Tönen“ lautet: «Zauberfloete. Neues Singspiel in zwey Aufzügen. Poeten: Ludwig Gieseke, Schikaneder der Jüngere. Compositeur: Wolfgang Amadé Mozart, Kapellmeister in wirklichen k. k. Diensten.» Die ganze Partitur ist durchsetzt mit solchen Chiffren! 

Mozart hatte selbst nicht mehr viel vom Erfolg seiner Oper. Er starb sieben Wochen nach der Uraufführung. Schikaneder hingegen setzte seinen Höhenflug noch lange fort. Seine Einnahmen stiegen in den folgenden zehn Jahren so sehr, dass er mit Hilfe des Kaufmanns Bartholomäus Zitterbarth ein neues, größeres Haus bauen lassen konnte – das «Theater an der Wien», errichtet vom Baumeister Franz Jäger nach Plänen des Hofarchitekten Rosenstängl. Schikaneder eröffnete es am 13. Juni 1801 mit Franz Teybers Oper «Alexander». Das alte Theater auf der Wieden wurde zu einem Wohnblock umgebaut. Dann jedoch begann Schikaneders Stern zu sinken: 1804 musste er das Haus an seinen Rivalen Peter von Braun verkaufen, wurde umgehend entlassen und ging nach Brünn, später nach Steyr. 1811 verlor Schikaneder durch eine staatliche Geld-Entwertung sein letztes Vermögen, er starb ein Jahr später geistig umnachtet in Wien.