Im Mittelpunkt die Frau
«Ophelia» von Sarah Nemtsov in Saarbrücken
«Ophelia» von Sarah Nemtsov auf ein Libretto von Mirko Bonné, uraufgeführt am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken, ist ein erschütterndes, ideen- und allusionsreiches Musiktheater der totalen Grenzüberschreitung: ein überschäumend-verstörendes, zwischen massiver perkussiver Intervention (das Schlagwerk dominiert im Graben) und schnarrenden Dissonanzen changierendes Palimpsest in zwölf Bildern; ein Stück, das sich – nicht zuletzt auch dank der hochkonzentrierten Wiedergabe durch das Saarländische Staatsorchester und den mit analytischer Präzision die Abläufe disponierenden Dirigenten Stefan Neubert – zweieinviertel Stunden lang in die Ohren hineinfräst wie eine Kreissäge; ein Stück, das man nur in wenigen, von wild in die Lüfte mäandernden Vokalisen gesäumten Momenten «genießen» und dem man nie entweichen kann, weil es einen gleichsam an die Kandare nimmt und nicht mehr loslässt. Ein Stück der Intensitäten, insistierend und irisierend, enervierend und expressiv, grell und schrill, mit einem Wort: eine wahre Zerreißprobe.
Im Mittelpunkt die Frau: Ophelia. Doch es gibt sie nicht nur einmal, als Figur im Reich zwischen Leben und Tod. Ophelia hat drei «Schwestern» – eine zweite, dritte, vierte Ophelia. Sie alle gehören zu den Toten, die durch ihre Träume spuken (die meist Albträume sind), durch ihre Visionen (die in der Mehrzahl angstgesteuerte Visionen vom Gefangensein sind, von einer vergeblichen Liebe, von einem verpfuschten Leben), durch ihre wildwuchernden Obsessionen. Ein Wunder ist das nicht. Schon das Vor-Bild, dieses wundersame Rätselwerk der Kunst, ist ja an Grausamkeit nicht zu überbieten. Kein Schauspiel Shakespeares, in dem am Ende mehr Leichen auf der Bühne liegen; keines, in dem die Geister der Toten eine derart dominierende Rolle spielen. In den üppig-fantasievollen Kostümen von Julia Rösler ersteht das elisabethanische Zeitalter wieder auf; und dass sie alle verrückt geworden sind, auch daran kann kein Zweifel bestehen. Eva-Maria Höckmayr verortet «Ophelia« mehr im Unterbewussten als im Realen, mehr im Dante’schen Höllenreich als in der sogenannten wirklichen Welt. Das ist nicht nur deswegen sinnvoll und in seiner poetischen Eindringlichkeit überwältigend, weil Librettist Bonné neben Bruchstücken aus Shakespeares «Hamlet» auch Verse Dantes zitiert, sondern weil die Untoten, die Geister begleitet werden von einem Schattenchor, der sein Unwesen hauptsächlich auf einer Drehscheibe treibt, einem dunklen Ort im Reich der Nyx, der mit seltsamen Gefäßen und einem Spiegel versehen ist. In der Folge dringt der Chor mehrfach mit seinen schwarzen, Körper und Gesicht komplett verhüllenden Gewändern in das Zimmer ein, als wolle er die erste Ophelia (Valda Wilson mit beeindruckender schauspielerischer wie stimmlicher Energie) verschlingen.
Die aber wehrt sich gegen die Fremdbestimmung. Zwar weiß sie, dass Hamlet (der große «Schauspieler», virtuos verkörpert vom Schauspieler Christian Claus) unerreichbar für sie ist – der Spiegel trennt sie voneinander und ebenso die Tatsache, dass er Teil der Geisterschar ist. Doch mit aller auch vokalen, in höchste Koloratursopran-Sphären reichenden Macht strebt sie zurück ins Leben. Diese Ophelia will nicht länger Teil einer verrotteten «Gesellschaft» sein, fremdgesteuertes Objekt obskur-verruchter Begierden, nein: Diese Ophelia will sich emanzipieren, loslösen, autonom sein: ein Blumenkind. Ganz so einfach ist das allerdings nicht angesichts der Übermacht des von Höckmayr bild- und assoziationsreich inszenierten Irrsinns, der um sie herum wütet. Allein Gertrude würde ausreichen, um jedem vernunftbegabten Menschenkind den Verstand zu rauben. Eine Tim-Burton-Figur, in Shakespeares Kosmos versetzt, mit ihren roten Haaren als Hexe «definiert», wunderbar ins Groteske gedeutet, gespielt und gesungen von Liudmila Lokaichuk. Kaum minder durchgeknallt Rosenstern, eine charmante Kreuzung aus den tragikomischen «Hamlet»-Figuren Rosenkranz und Güldenstern. Auch er, der aussieht wie Don Quichotte (allerdings im Kostüm einer Dragqueen), gibt sich jede nur erdenkliche Mühe, anders zu sein (was Georg A. Bochow mit großem Vergnügen und delikatem Countertenor eindrucksvoll gelingt) und wird darin nach Kräften und mit Nonsens-Witz assistiert vom Grauen König (sonor: Alois Neu), Polonius (fundiert: Markus Jaursch), Claudius (stimmvoll: Hiroshi Matsui) und dem leicht verpeilten und dabei doch irgendwie sympathischen Laertes (sehr prägnant: Mezzosopranistin Melissa Zgouridi).
Eine famose Ensembleleistung, die einhergeht mit einer nachgerade kongenialen musikalischen Interpretation. Aber auch ein nicht gar so kleines Regie-Kunststück ist hier zu konstatieren. Denn Eva-Maria Höckmayr gelingt das nahezu Unmögliche: Sie verknüpft das Überbordend-Verrückte, Abseitig-Unbotmäßige der Partitur, so manche Versponnenheit des Librettos und vor allem die vielen unterschiedlichen Ebenen dieses viele Grenzen überschreitenden Musiktheaters zu einem Reigen faszinierender Bilder. Diese «Ophelia» vergisst man so schnell nicht.
Den vollständigen Beitrag von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 7/23