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Absurdes Theaterleben

Der polnische Regisseur Jan Klata über die Lage in seiner Heimat

Was zeigt man zurzeit auf polnischen Bühnen?
Es gibt zwei Wege. Zum einen den Rückzug ins Private. Die sogenannte «kleine Stabilisierung». Ich habe zuletzt in Prag gearbeitet, dort «Maß für Maß» und den «Faust» am Theater Divadlo pod Palmovkou inszeniert, und meine tschechischen Kolleg:innen erzählten mir, dass es bei ihnen nach 1968, nach dem Einmarsch russischer Panzer, eine Art innere Emigration gegeben habe. Eine Normalisierung. In Polen war es zu kommunistischen Zeiten im Übrigen ähnlich: Man flüchtete in die kleinen Themen, um den Bären nicht zu reizen, man sprach in Anspielungen. Der zweite Weg ist das nationale Programm: Stücke über polnische Helden, die verstoßenen Soldaten, polnische Klassiker, religiöse Geschichten.

In vielen Spielplänen habe ich auch Farcen gesehen. Sie selbst haben am Teatr Wybrzeze in Danzig «Der nackte Wahnsinn» von Michael Frayn inszeniert. Aber es war wohl nicht Ihre Absicht, das Publikum zum Lachen zu bringen. Im dritten Akt herrscht rundherum Krieg.
«Der nackte Wahnsinn» ist Front-Theater, wir sind bereit. Das war auch meine Antwort auf den Ukraine-Krieg. Wir haben auch Sondervorstellungen für Soldaten und Soldatinnen gegeben, dabei stellten wir fest, dass es in der polnischen Armee viele Pilotinnen gibt. Sie kamen in ihren Ausgeh-Uniformen ins Theater, aber manchmal bekamen wir die Nachricht, sie könnten nicht kommen, weil sie kurzfristig in Kampfbereitschaft versetzt wurden. Dies hing mit großen russischen Truppenkonzentrationen an der Grenze zu Polen im Kaliningrader Gebiet zusammen. Diese Panzer waren schon etwas früher in Litauen zu spüren, wo ich im Herbst 2021 im Klaipedos Dramos Teatras «Boris Godunow» inszenierte. Aber damals, im Sommer 2022, kam mir der Gedanke, falls der Krieg zu uns käme, könnten auch wir als Künstler zu etwas nützlich sein: Wir schlagen ein Zelt auf und spielen für unsere Jungs an der Front etwas Lustiges. Ich sage das jetzt etwas augenzwinkernd, aber der Eindruck, der Krieg sei sehr nahe, war im Sommer 2022 spürbar. 

«Der nackte Wahnsinn» war darüber hinaus meine Reaktion auf das immer absurder werdende Theaterleben in Polen. Das Stück handelt schließlich davon, dass den Schauspieler:innen der Sinn für ihre Arbeit gänzlich abhanden kommt. Das kennen wir. Die Schlinge von rechts zieht sich langsam zusammen, das Geld für Kultur, für die Theater, wird seit sieben Jahren immer knapper, und durch die Unterfinanzierung fällt alles auseinander. Deshalb bemühen sich immer mehr Theater, um überhaupt überleben zu können, um eine Förderung des Kulturministeriums, das gern gibt, aber nur, wenn es bei allem mitbestimmen darf. Intendant:innen, die ihre Autonomie verteidigen, verschwinden nach und nach und werden durch Karrieristen ersetzt, viele Regisseur:innen und Schauspieler:innen sind Personae non gratae, und es wird für sie immer schwieriger, Arbeit zu finden. Stattdessen bezuschusst das Ministerium mit den Geldern, die für Kultur vorgesehen sind, militante Gruppen wie den «Verein des Unabhängigkeitsmarsches», damit sie sich für ihre «patriotischen» Kundgebungen Beschallungsanlagen kaufen können.

Das gesamte Interview von Iwona Uberman lesen Sie in Theater heute 7/23