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Überraschende Ansichten

Der DJ, Dramaturg und Festivalchef Tobias Staab

Ich frage ihn, was wohl jeder fragen würde: Ist er nun eher Dramaturg? Künstler? Kurator? «Eigentlich bin ich Journalist», sagt er. «Ich wollte als Jugendlicher zum Film, machte ein Praktikum in einer kleinen Fernsehklitsche in Stuttgart, die für 3Sat und später für n-tv Programm machte. Dort habe ich quasi das Handwerk gelernt: Schneiden am Avid-Media-Composer und die Redaktion. Es war eine so kleine Firma, da musste man alles selber machen. Aber es ging mir fürchterlich schlecht beim Fernsehen, weil ich merkte, dass das Fließbandarbeit war, bei der es überhaupt nicht um Inhalt ging. Ich kündigte. Und mit all dem Geld, das ich damals verdiente – das war relativ viel für einen 20-Jährigen, der keine Zeit zum Ausgeben hatte –, bin ich ein Jahr lang nach Neuseeland und weiter nach Südostasien gereist und habe nichts gemacht, außer fürs Leben gelernt. Auch schön. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken und gemerkt, dass ich gern etwas Sinnvolles studieren würde. Kunstgeschichte oder Theaterwissenschaft, auch Philosophie.

Sein Studium in München verdiente er sich ohne Unterstützung, als Journalist und Herausgeber des Fanzines «Super Paper», das mittlerweile seinen Platz in der Grafischen Sammlung der Pinakothek der Moderne gefunden hat. Er organisierte die Öffentlichkeitsarbeit des Münchner Clubs «Die Registratur», eine Plattform subkultureller musikalischer Strömungen. Und er war (und ist) DJ, was Geld bringt: «Eine Kunst, in der ich mich austoben kann.» Die Musik wurde seine Welt, die elektronische, also digitale, nicht die klassische, die einen graduierten Studenten mit Hang zur Musik garantiert in die Operndramaturgie geführt hätte. Schlank, den Blick gern geradeaus gerichtet mit einem zarten Lächeln auf den Lippen, ohne Spur von Überheblichkeit, ein Neugieriger, der die Welt von allen Seiten aus betrachtet – dieser Mann kam dann doch noch zur Oper. Zusammen mit der Regisseurin Lotte van den Berg wird er 2024 an der Bayerischen Staatsoper Regie führen bei «Matsukaze» des Komponisten Toshio Hosokawa, und eben war er als Dramaturg bei «Tristan und Isolde» am Opera Ballet Vlaanderen in Antwerpen beschäftigt:

«Ich bin einfach ein musikalischer Mensch. Ich freue mich, wenn Musik auf der Bühne wichtig und zentral ist. Ich mag es auch, dass es bei der Oper Regeln gibt, die unhintergehbar sind. Du sollst keine Note auslassen. Ich mag es, dass die Partitur sakrosankt ist, dass man den Dirigenten als Dialogpartner braucht, dass man wirklich gute Instrumente benötigt, und gute Argumente, um etwas an einer Oper zu ändern. Ich mag es, dass sie so heilig ist, dass das Publikum herzlich buht, weil es eine ganz klare Vorstellung davon hat, was es sehen oder hören will. Das ist doch interessant, dass es so viele Emotionen in einer Kunstform gibt, bei der man nicht nur immer sagt: ‹Ah, jetzt hat er auf die Bühne gepisst und gliedert sich damit ein in die Tradition der Avantgarde›. In der Oper ärgert man sich noch wirklich.»

Den vollständigen Beitrag von Arnd Wesemann lesen Sie in tanz 7/23

(Portrait: Luis Zeno Kuhn)