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Rezensionen Juli 2021

Foto: Estelle Hanania/Kaserne Basel

Robert Walser: Der Teich in Basel

Vom ersten Fuß, den Adèle Haenel in Slow-Mo auf die Bühne setzt, und vom ersten Moment, in dem Ruth Vega Fernandez Zeitlupen-Schritt für Schritt in ihrem Rücken lauert, herrscht hier eine Atmosphäre der Angst, eine Lust auf Häme, wie sie nur in Familien vorkommt, die einander bis aufs Blut gereizt und bis ins Innerste verwundet haben.

Bei Robert Walser geht es um Fritz, den böse Gesichter quälen, erstens die Mutter, zweitens die große Schwester und drittens der Rest der Welt. Fritz «möchte fast lieber nirgends mehr sein, als so da sein». Betonung liegt auf: fast lieber nirgends. Denn Fritz sagt zwar, er gehe ins Wasser, aber er täuscht einen Selbstmord im Teich nur vor. Um den anderen eins auszuwischen. Um zu testen, ob Geschwister und Mutter dann ein Gefühl aufbringen für ihn, oder wieder nur Gleichgültigkeit. Das ist seine Rache. «Nichts kann ich recht machen, ich mag mich anstellen, wie ich will. Gut, wenn sie’s so haben wollen, sollen sie», sagt er sich. Und wenn das noch Stolz ist, dann in der trotzigsten, erbärmlichsten, verzweifeltsten Form. Fritz ist ein Kind. Er kann nicht anders.

Adèle Haenel macht aus dieser Figur eine Frau, durch deren jungen Körper viele Stimmen zucken. Schizophren, vorsichtig ausgedrückt. In ihren selbstanklägerischen Monologen krümmt sie sich wie ein wurmzerfressener Baumstumpf, ein Ächzen und Stöhnen umschwirrt sie, und dazu dieser satanische Schatten von Schwester, leibhaftig eine Andere, und droht und stichelt doch aus Fritzens Mund. Dasselbe mit der Mutter, die raucht und kalt schweigt, und das ist noch besser so, denn wenn sie spricht, klingt das wie Teufelszeug vom Tonband, rückwärts abgespielt.

Gisèle Vienne und ihren Darstellerinnen gelingt ein unheimlich intensiver Zugriff auf eine desolate Familienkonstellation. Der Fake-Suizid im Teich ist, aufmerksamkeitsökonomisch gesehen, ein Reinfall. Auch ein Auftritt des Vaters löst nichts. Und so huschen am Ende so viele Gesichter über Adèle Haenels Gesicht, dass man kaum mitzählen und Fritz fast lieber nirgends anderswohin empfehlen kann als in die Jugendpsychiatrie. «Besser eine andere Geschichte», denkt Fritz noch. Was anderes erzählen. Zu spät.

Die gesamte Rezension von Stephan Reuter lesen Sie in Theater heute 7/21