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Zwischen Verhältnismäßigkeit und Verschwörung

Christoph Türcke über Corona

Es ist ein Verschwörungsmythos, dass irgendjemand die Pandemie angezettelt habe, um davon zu profitieren. Umgekehrt! Seit es sie gibt, versuchen viele, sie auszuschlachten. Sie wirkt dabei als Verstärker von Tendenzen, die auch vorher schon da waren. Längst wollte Orbán Autokrat werden. Längst war die IT-Industrie auf die Digitalisierung von Schulen und Hochschulen aus, förderten Firmen das Homeoffice, wollten die Großen in Gastronomie und Tourismus die Kleinen schlucken. Das geht nun leichter. In Armutsgebieten verstärkt das Virus den Hunger, in Flüchtlingslagern und Schlachtbetrieben die Missstände. An all ihren Hotspots zeichnet die Pandemie das Erscheinungsbild des globalen Kapitalismus schärfer. Dass die WHO kein reiner Wohltätigkeitsverein ist; dass der Rat von Virologen allein für Shutdown-Maßnahmen nicht ausreicht; dass wirtschaftlicher Ruin schlimmer sein kann als Ansteckung; dass eine Corona-App weit mehr Kontrolldaten erbringt, als Ansteckungswege offenlegt: Dies alles ist keine Verschwörungstheorie. Im Gegenteil: Leute, die darauf hinweisen, sind wache Bürger. Sie wollen sich nicht grundlos Grundrechte nehmen lassen.

Das ändert aber nichts daran, dass «Abstand halten, wo immer möglich» gegenwärtig das einzig Vernünftige ist – und dennoch ein Eingriff in das Grundrecht der Bewegungsfreiheit. Das Vertrackte ist, dass politische Wachheit und Verschwörungsmentalität manchmal nicht leicht zu unterscheiden sind. Die Verschwörungsmythen um Corona wollen von unnötiger Angst befreien, indem sie macht- und geldgierige Panikmacher entlarven. Aber sie sind selber angstbesetzt: greifen nach der erstbesten Ursache, weil sie Ungewissheit nicht ertragen können. Das ist ein primitiv-kindlicher Reflex. Schon der mittelalterlichen Pest wurde sogleich der strafende Wille Gottes oder der böse Wille der Juden untergelegt. Heute müssen wieder Juden herhalten, aber auch Pharmakonzerne, die WHO, das RKI, Gates. Wo man Sündenböcke hat, hat man fassbar erscheinende Ursachen, die Sinn stiften, Orientierung und Halt versprechen. Doch Sündenböcke sind Pseudo-Ursachen. Sie erlauben keinen Zweifel. Seriöse Ursachenforschung hingegen ist vom Zweifel begleitet. Sie prüft, ob die Ursachen, die sich ihr aufdrängen, wirklich welche sind – und nimmt dafür Durststrecken der Ungewissheit in Kauf.

Den gesamten Beitrag finden Sie in der Juli-Ausgabe von tanz.