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Vergnügt intelligente Emanzipation

Ein Porträt der Schauspielerin Julia Riedler

Teilhabe spielt für Julia Riedler eine große Rolle. Und wenn man langfristig zu ausgeglichenen Verhältnissen kommen will, darf es zwischendurch auch schon mal etwas extremer sein. So ist sie mittlerweile Mitglied der feministischen Münchner Burschenschaft Molestia, die ähnlich wie die Wiener Hysteria den reaktionär-chauvinistischen Männerbünden unter dem Motto «Patriarchat zerfotzen!» einen entlarvend ehrlichen Spiegel vorhält. Wie unverhofft anders sich dagegen ein durchweg weibliches Leitungsteam auf das Arbeitsklima am Theater auswirkt, hat sie erst kürzlich bei Leonie Böhms hinreißendem Empowerment-Play «Die Räuberinnen» miterleben und -bestimmen können. Schon bei der Konzeptionsprobe war den Beteiligten klar, dass hier etwas besonders ist. Noch genau erinnert sie sich an einen Moment, in dem sie sich Raum nehmen wollte, um etwas zu sagen, und dann merkte, «ich muss mir den Raum gar nicht nehmen, ich habe ihn schon. Alle hören mir zu, niemand will mir ins Wort fallen oder mich kleinhalten, und ich bekomme von vornherein Respekt. Und das ist so, weil da lauter Frauen miteinander reden. Vor dieser Erfahrung war mir das in dieser Deutlichkeit nicht bewusst.»

Umgekehrt schätzt Leonie Böhm an Riedler, mit der sie nach «Yung Faust» zum zweiten Mal zusammenarbeitet, den politisch motivierten Teamgeist und ihre besondere Fähigkeit zu freier Improvisation: «Julia denkt Spielen und Probieren als politische und emanzipatorische Praxis und sucht vehement nach einer eigenen Sprache und spielerischen Form, die ihre Werte und feministischen Ansichten transportieren. Dadurch entsteht ein ganz verbindliches inhaltliches Denken und Sprechen und eine große Klarheit darüber, was man da miteinander probiert. Jedes Mal, wenn wir uns wiederbegegnen, ist sie an einem anderen Punkt mit ihrer Auseinandersetzung, was die Zusammenarbeit für mich als Groupie und Freundin extrem reich macht.»

Was da zuletzt aus der Gemeinschaft von fünf mutigen Spielerinnen – Gro Swantje Kohlhof, Sophie Krauss, Eva Löbau, Julia Riedler und der Live-Musikerin Friederike Ernst – entstanden ist bis hin zum fröhlichen Nacktplanschen auf offener Bühne ganz ohne erotische oder gar pornografische Konnotation, macht nicht nur Spaß, sondern schneidert Schillers wüsten Outlaw-Revoluzzerstoff ganz lässig zu einem Vehikel vergnügt-intelligenter Emanzipation um. Das funktioniert vor allem auch, weil sich in der Gruppe leicht ähnliche Themen miteinander finden lassen. «Zum Beispiel haben wir alle bemerkt, dass wir uns von der eigenen Gefallsucht lösen wollen», erzählt Riedler. «Durch den männlichen Blick, den die Gesellschaft schon in der Erziehung von Kindern einnimmt, wächst die Frau so auf, dass sie immer gut aussehen und nett sein muss, damit sie was wert ist. Das war für uns alle Thema und wurde ein wichtiger Teil des feministischen Räuberinnenprogramms unserer Bande. In den Arbeiten von Leonie Böhm passiert das humorvoll und wirkt auch mal harmlos oder vertrottelt. Dahinter steht aber immer ein sehr dringliches persönliches Begehren. Während der Vorstellungen potenziert sich das im besten Falle bis zu den Zuschauer*innen, sodass uns teilweise 80-jährige Frauen Standing Ovations geben. Das berührt mich sehr.»

Das gesamte Porträt der Schauspielerin Julia Riedler von Silvia Stammen
finden Sie in der Juli-Ausgabe von Theater heute.