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Die Diva des Durchschnitts

Ein Nachruf auf Irm Herrmann

Irm Hermann, Hanna Schygulla, Margit Carstensen, Ingrid Caven, Brigitta Mira, Barbara Valentin oder Eva Mattes: Mit ihnen wollte Fassbinder eine «von Männern gemachte Gesellschaft zeigen, in der die Frauen nur so einen Wehrmechanismus haben, der ihnen natürlich auch eine gewisse Macht gibt, oder sogar eine große» – in der Familie, über Männer. «Kranke Verhältnisse», keine Frage, doch schon in den 1970ern brachte er die Frauenbewegung gegen sich auf, wenn er etwa konstatierte: «Man kann das, was man über eine Gesellschaft sagen will, anhand von Frauenfiguren einfach besser sagen. Weil Frauen die spannenderen Geschöpfe sind. Weil sie auf der einen Seite so unterdrückt sind, es auf der anderen Seite aber auch überhaupt nicht sind. Sie provozieren die Unterdrückung, die sie erleiden, und setzen sie als Terrormittel wieder ein. Dadurch sind sie die viel spannenderen Figuren als Männer. Männer sind so simpel. Mit Frauen kann man viel verrücktere Dinge machen als mit Männern. Frauen kann man so weinen lassen und schreien.»

Irm Hermann wurde von der Filmkritik stets auch (und selbst posthum noch) bedauert ob ihrer angeblich aufs Spießbürgerliche reduzierten Ausstrahlung und Verklemmtheit, Sprödigkeit oder Unnahbarkeit auf der Leinwand. Ihre vielen Nebenrollen bei Fassbinder gelten mitunter als Indikator für ein zu wenig virtuoses, als zu einseitig empfundenes Darstellungsvermögen. Dass sich gerade darin der Kern des menschlichen Dramas widerspiegelt, dass sie (und Fassbinder mit ihr) in Kälte oder Starre, Duldsamkeit oder Gemeinheit immer das Menschliche, den einzelnen Menschen und jeden Menschen suchte und fand und damit das «Bürgerliche», herzlich Kleine und unendlich Nebenrollenhafte, den Terror eben unserer grandios lächerlichen Existenz, wird dabei gelegent- bis geflissentlich übersehen oder verdrängt.

Den gesamten Nachruf auf Irm Herrmann von Matthias Pees
finden Sie in der Juli-Ausgabe von Theater heute.