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Der Dirigent ist kein Verkehrspolizist

Ein Gespräch mit Antonello Manacorda

Sie kannten einen Großteil des Repertoires aus der Perspektive des Konzertmeisters. Warum haben Sie trotzdem noch Dirigieren studiert?
Ich war noch nicht so weit. Heutzutage scheint es so einfach zu sein, viele Instrumentalisten sagen einfach: «Jetzt dirigiere ich auch.» Aber so einfach ist das eben nicht. Ich weiß das, weil ich als Konzertmeister sehr viel retten musste, wenn vor uns ein schlechter Dirigent stand. Die Gefahr besteht darin, dass man als Quereinsteiger ohne Technik dirigiert, vielleicht auch ohne gesunde Menschenkenntnis, ohne psychologisches Feingefühl. Das alles aber braucht man, um diese Arbeit gut zu machen. Dirigent zu sein, ist ein verblüffender Job. Und eigentlich lässt sich kaum beschreiben, wie man das Können erwirbt. Es hat so viel mehr mit der Person zu tun als die meisten anderen Berufe. Den Takt schlagen kann jeder.

Wie kam es später zu der Zusammenarbeit mit Jorma Panula in Helsinki?
Simon Rattle hatte ihn mir empfohlen. Ich kam mit Beethovens erster Sinfonie, ohne je vorher ernsthaft dirigiert zu haben. Ich war der Einzige, der keinerlei Erfahrung hatte, aber Panula sagte: «Du interessierst mich.» Er hat anscheinend etwas gesehen, was man nicht lernen kann. Außer mir hat er niemanden genommen. Und das bestimmt nicht, weil ich so toll war. Sondern weil ich musikalisch schon geformt war.

Ihre Zeichengebung ist präzise, ihre Körpersprache sehr konzentriert, aber unspektakulär. Sie dirigieren nicht «für die Galerie», wie es so schön heißt. Aber es ist körperlich spürbar, dass Sie anscheinend völlig durchdrungen von der Musik sind.
Ja, jede Zelle vibriert mit der Musik. Das ist vielleicht der Unterschied zu einem Dirigenten, der sich eher als Verkehrspolizist versteht. Und das spürt man schon bei Anfängern. Das hat Panula offenbar auch bei mir bemerkt, so wie ich es inzwischen bei Vorsingen feststelle. Schon in dem Moment, wenn der Sänger zum Klavier geht, weiß ich, ob er konzentriert ist und eine Vorstellung von dem hat, was er will. Das ist das Tolle an unserer Arbeit: dass sie eigentlich zu 200 Prozent aus menschlicher Arbeit besteht. Und dass vieles eben nicht zu erklären ist.

Das gesamte Gespräch von Regine Müller
finden Sie in der Juli-Ausgabe von Opernwelt.