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Schwarz, Schwul, Swag

Kyle Abraham: Ballett und Männlichkeit

Weiblich, männlich, irgendetwas dazwischen oder auch ganz anders – das Thema wird überall heiß diskutiert. Aber nirgends steht es so im Kern einer ästhetischen Debatte wie im Tanz. Spätestens seit sich Startänzer Sergei Polunin (siehe tanz 1/19) auf Instagram um Kopf und Kragen postete mit archaischen Thesen zur (fehlenden) Männlichkeit im Ballett. Mehrheitlich sind die Tänzerinnen und Tänzer allerdings ganz anderer Meinung.

Erfrischend einfach sieht das zum Beispiel der Choreograf und Tänzer Kyle Abraham, der sagt: «Ich betrachte Dinge nicht als männlich oder weiblich, sondern eher in den Kategorien hart und weich. Männer wie Frauen – und Menschen, die sich sexuell außerhalb dieser Kategorien verorten – bewegen sich innerhalb des Spektrums hart/weich. Ich interessiere mich für also primär für Verletzlichkeit und toughness, für die harte Schale, die man in einer Performance – und im realen Leben – zu knacken hat.»

Wie das aussehen kann, war man schon in seiner Solo-Choreografie «Inventing Pookie Jenkins» (2006) zu entdecken. Dort trug er einen knöchellangen weißen Tüllrock, der mit seinem nackten Oberkörper kontrastierte – und wirkte wie ein muskulöser Boxer, der es versteht, ein romantisches Tutu in zarteste Schwingungen zu versetzen. Dann der Clou des Solos: Zwischen schöpfenden Armbewegungen, kreisendem Becken und schraubenden Drehungen des Oberkörpers kniete er unvermittelt nieder, um dem «Sterbenden Schwan» seine Reverenz zu erweisen.

Abrahams frühe Werke speisen sich aus seinen Erfahrungen als schwuler Teenager im von plakativer Männlichkeit geprägten Milieu der HipHop-Kultur: In «Live! The Realest MC» lässt Abraham ein männliches Tänzer-Trio eindrucksvoll zwischen casual sex und verstörender Brutalität oszillieren – kein Stück, bei dem sich ein Publikum entspannt zurücklehnen kann.

Das ausführliche Porträt des Tänzers und Choreografen von Wendy Perron finden Sie in tanz 7/2019.
Vier Arbeiten von Abraham sind in Stuttgart beim «Colours Festival» im Theaterhaus zu sehen (6., 7. Juli).

Außerdem in Tanz 7/19:

 

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