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Was ist an Lulu so sexy?

Mariame Clément über Rollenklischees

Wann wird die Gleichberechtigung von Frauen und Männern erreicht sein? Jedenfalls nicht, solange man Regisseurinnen noch fragen kann, ob an sie andere Erwartungen gestellt werden als an männliche Kollegen. Im Opernwelt-Interview antwortet die französische Regisseurin Mariame Clément:

Erwartet man von Ihnen eine «weibliche» Sicht auf eine «Salome», «Lulu», «Carmen», eine «Verkaufte Braut»? Und spielen Sie mit dieser Erwartungshaltung?
Beides ist richtig. Es gibt diese vage Erwartung, und ich mache mir Gedanken darüber, wie ich damit spielen kann. Die Frage ist nur: Was ist das eigentlich, «weibliches» Inszenieren? Ich weiß nicht, ob meine Art, an die Stücke heranzugehen, eine «weibliche» ist, aber ich spüre natürlich, dass ich mich mit den Frauenfiguren oft stärker identifiziere als mit den männlichen Protagonisten. Und ich gehe davon aus, dass meine männlichen Kollegen das entsprechend sehen. Der große Unterschied ist, dass dieser männliche Blickwinkel über so lange Zeit so dominant war, dass quasi alle weiblichen Rollen, und damit Weiblichkeit in der Oper, zu 99 Prozent von Männern definiert wurden. Wenn beispielsweise Salome als femme fatale mit verführerischen Schleiern gezeigt wird, habe ich damit ein Problem: Wer behauptet eigentlich, dass Salome eine femme fatale ist?

Sie ist keine.
Eben. Doch wenn man sich die Aufführungspraxis anschaut, erscheint Salome als Verführerin; sie ist die «Perverse» und nicht Herodes, ihr Stiefvater. Das Hinterfragen dieser Konstellation bringt eine neue Tiefe im Werkzugang, die man sowohl im Libretto als auch in der Musik findet. Feminismus und Werktreue stehen sich da überhaupt nicht im Wege. Ein rein «männlicher» Blick liefe Gefahr, das subjektive Erleben der weiblichen Protagonisten zu vernachlässigen beziehungsweise aus rein männlicher Sicht darzustellen. Das möchte ich überwinden. Im Sommer 2018 habe ich in Santiago de Chile Alban Bergs «Lulu» inszeniert. Ich war bei einer musikalischen Probe, und der Dirigent gab Anweisungen, die alle darauf zielten, dass Lulu irgendwie sexy wirken soll – Anweisungen, wie sie sich zu verhalten habe und auch, wie sie sich dabei fühlen solle.

Das ausführliche Interview mit der Regisseurin finden Sie in Opernwelt 7/2019.

Am 17. Juli startet Massenets «Don Quixote» in Mariame Cléments Regie bei den Bregenzer Festspielen.

Außerdem in Opernwelt 07/19:

Lichtwelten – Stockhausen in Amsterdam
Klangzauber – Wagner in Nürnberg
Engelszungen – Rameau in Zürich
Jubiläumsgala – Wiens Staatsoper feiert Strauss