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Bauchmensch und Hasardeur

Maestro Valery Gergiev

Wer in Deutschland allzu große Nähe zu Vladimir Putin und dessen Politik zeigt, kann schon mal Probleme bekommen. Auch Valery Gergiev, der aus seiner Sympathie für den starken Mann im post-sowjetischen Russland kein Hehl macht, hatte die schon. Trotzdem wird er am 25. Juli mit der Premiere des «Tannhäuser» die diesjährigen Bayreuther Festspiele eröffnen. Wer ist dieser russische Dirigent?

Valery Gergiev: 1953 in Moskau geboren, Chef des Mariinsky Theaters und der Münchner Philharmoniker, Künstlerischer Leiter des Sankt Petersburger Festivals «Weiße Nächte», Dekan an der dortigen Universität, Frontmann des Pacific Music Festival in Sapporo und gesegnet mit noch ein paar anderen Posten – Gergiev ist ein Künstler des Augenblicks. Ein Bauchmensch und Hasardeur. Ein Charismatiker, der die Live-Luft braucht, der aus einem vollen Terminkalender, weniger aus Reflexion Kraft schöpft.

Auf der einen Seite sind da diese Gergiev-Dirigate, die nachhallen, Ohren öffnen, zum Diskurs einladen. Nicht nur in seinem Stammbiotop, bei Tschaikowsky, Schostakowitsch oder Rachmaninow, sondern auch bei Klassikern aus Mitteleuropa. Bei Bruckners Fünfter zum Beispiel, wie in dieser Saison bei den Münchner Philharmonikern in der dortigen Philharmonie zu erleben: ohne Weihrauch, detailbewusst, penibel auf Balance und auf das Fugen-Geäst im Finale bedacht, kein Überrumpelungsmanöver, sondern ein behutsamer, respektvoller Umgang mit der Partitur.

Und dann, am selben Ort, mit dem selben Orchester und beim selben Komponisten, die Beinahe-Katastrophe. In Bruckners Achten rasten die Tempi nie richtig ein. Ein typisches Instant-Dirigat à la Gergiev. Einsätze kleckern, ein Kulminationspunkt im Kopfsatz läuft völlig aus dem Ruder. Der Mann am Pult, die Nase fest in der Partitur, unternimmt nichts zur Rettung. Vielleicht auch, weil dies mit seiner so prätentiösen wie begrenzten Schlagtechnik, diesem charakteristischen Flattern und den kaum rhythmische Stabilität vermittelnden Armbewegungen, nicht möglich ist.

Gergievs eigentliche Lebensprojekte entstehen in seiner Heimat. Mit Vladimir Putin pflegt er dort ein so enges Verhältnis, dass Gergievs Position in der Musikwelt nachhaltig befleckt ist. Als er einmal beim London Symphony Orchestra «La damnation de Faust» dirigierte (damals war er dort noch Chef), ätzte der «Guardian» darüber, wie wunderbar sich dieses Berlioz-Stück doch eigne – schließlich erzähle es vom Pakt mit dem Teufel.

«Viele Russen verbinden Stabilität mit Putin», rechtfertigte sich Gergiev vor einigen Jahren in einem Interview. «Ich finde, die Menschen sollten nicht über ihn sprechen, ohne vorher einmal in Russland gewesen zu sein.» Und in der «New York Times» legt er nach: Russen verstünden nicht viel von Obama, und vielleicht verstünden die Menschen in den USA ebenso wenig von Putin. 

Wer so redet, begreift Putin wie viele andere dort nicht als großen Diktator, sondern als Stabilisator. Als jemanden, der das Land zu neuer Bedeutung und Größe geführt hat. Und viele, die Gergiev näher kennen, sind sich sicher: Seine Unterstützung des Präsidenten ist nicht nur taktisch motiviert – er denkt tatsächlich so. Großrussisch, nationalistisch, ohne Bewusstsein für Reaktionen aus dem Ausland. Er ist einer der Künstler, der sich in einem öffentlichen Aufruf für Putins Krim-Politik einsetzt und auf kritisches Nachfragen sagt, dieser Fall sei zu komplex, als dass er mit dem Begriff Annexion beschrieben werden könne.

Seitdem hat Gergiev gelernt, ist vorsichtiger geworden, ob aus Einsicht oder auf Druck seiner Arbeitgeber. Verbale Fehltritte in der Öffentlichkeit sind nicht mehr überliefert. An seinen Ansichten dürfte sich nichts geändert haben, er hält nun aber still. Wird über ihn geredet, rückt wieder die Musik ins Zentrum, so widersprüchlich die Abende auch ausfallen. Bei alledem begegnet einem Gergiev nie als Eiferer, als kalter, autoritär auftretender, arroganter Technokrat, im Gegenteil: Im persönlichen Gespräch ist er charmant, zuvorkommend, humorvoll, selbstironisch, vor allem redselig. Häufig passiert es, dass eine einzige Frage Schleusen öffnet. Rund 20 Minuten kann Gergiev dann sprechen, vom Hundertsten ins Tausende geraten. Dann hebt er an zu einer tour d’horizon, die gespeist ist aus seinen überbordenden Erfahrungen und Erlebnissen. Wer ihn in solchen Situationen erlebt, versteht, warum er von vielen Politikern bekommt, was er will – und auch von den Musikern.

Das ausführliche Porträt des russischen Dirigenten von Markus Thiel finden Sie in Opernwelt 7/2019.

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