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Rezensionen #4

Bayreuth, Oostende/Berlin/Weimar

Bayreuth: Wagner «Lohengrin»

Am 29. Juli, 2., 6., 10. August 2018

Es braut sich was zusammen. Unter schwerem Sturmgewölk liegt Brabant. Die Sonne, unsichtbar. Sie muss irgendwo links oben stehen. Drei Strahlen führen von dort nach rechts unten, zu jenem Punkt, von dem Lohengrin, dieser rätselhafte Pfundskerl, am Ende die Heimreise zu Papa Parsifal und dem Gral antreten wird. Sie streifen ein Trafohäuschen mit Isolatoren und Starkstromkabeln.

Aber was heißt hier Häuschen? Wie eine sakrale Stätte schimmert der Elektroturm mit seiner von Blitzen durchzogenen Rosette und jenen weiß lackierten Tarnkappenschwingen, die sich strahlend auf dem Dach aufrichten, als der «gottgesandte Mann», zum ersten Mal, noch ein Schattenwesen, die Stimme erhebt. Mit einem Kraftwerk, das Himmel und Erde kurzschließt, haben wir es zu tun, mit einer Art Relaisstation mysteriöser Energieströme, einem Hort des Numinosen. Alle Figuren, die in Wagners «romantischer Oper» über drei Aufzüge zwischen Wähnen, Wonnen und Wahn, heiliger Mission und Mittelalter-Hokuspokus oszillieren, treten aus diesem Gehäuse hervor: Elsa, die für den Tod des Bruders Gottfried verantwortlich sein soll; Friedrich von Telramund, der Mordklage gegen sie führt; Gattin Ortrud, die dabei die Strippen zieht; schließlich Elsas bis kurz vor ultimo namenloser Retter – Motto: keine Fragen, bitte. Selbst Heinrich, den deutschen König, eigentlich in tiefer Sorge um «des Reiches Ehr’», scheint von der Aura des rissigen Ziegelbaus infiziert.

Willkommen zur Magical Lohengrin Tour des Neo Rauch! Ein blaues Wunder hat der Leipziger Großmaler auf dem Bayreuther Festspielhügel angerührt, von dem sich zum Ende grelles Orange (die Brautgemach-Szene) und ein rollrasengrünes Männlein (der wiederauferstandene Gottfried) abheben. Rauch hat, gemeinsam mit seiner Frau Rosa Loy, genau das geliefert, was von Deutschlands (neben Gerhard Richter) bestbezahltem Tafelbildner zu erwarten war: eine ins Dreidimensionale vergrößerte, mit Lichteffekten (Reinhard Traub) garnierte und leibhaftigem Personal besiedelte Ausstellung seiner figurativen Kunst der Verfremdung. Kulissenzauber von der Palette sozusagen. Versehrte Landschaften, in die sich Schilfstauden vor Strommasten schieben, in der eine geflügelte Fantasy-Elite stilisiertes Biedermeier-Volk um den Finger wickelt. Ein raunendes Spiel durch Zeiten und Bilder: Das gestische Vokabular des deutschen Stummfilms ist nicht weit («Metropolis»), man stößt auf Spurenelemente der flämischen Porträtmalerei des 17. Jahrhunderts (die Halskrausen der hohen Herrschaften), assoziiert die Todestraumzonen eines Arnold Böcklin – etwa während des zweiten Akts, Ortruds Streit mit dem nach verlorenem Kampf geächteten Friedrich und die Begegnung mit der ihres siegreichen Ritters harrenden Elsa. Doch das aus Rundhorizont, Prospekten und einer transparenten, als Riesenleinwand fungierenden Erbstüll-Screen komponierte Panorama ist auch ein Ort der Sehnsucht – der stillen Hoffnung auf Erlösung von oben: hell leuchten die drei Strahlen, in glänzendem Weiß, als Lohengrin, die entschwindende Lichtgestalt, den verzücken Brabantern eine blendende Zukunft verheißt.

Der Regie bleibt da kaum mehr, als Solisten und Chor-Massen feierlich zu arrangieren. Yuval Sharon – er hatte die undankbare Aufgabe kurzfristig für den abgesprungenen Alvis Hermanis übernommen – beugte sich freimütig den Vorgaben des Rauch’schen Bilderbuchtheaters. Von der emanzipatorischen Power Elsas und Ortruds, die, aus dem rebellischen Geist des Vormärz, gegen blinde Gefolgschaft aufbegehren, ist zwar im (inhaltlich dürftigen) Programmheft die Rede, auf der Bühne aber nichts zu sehen. Stattdessen dominieren symmetrische Statik, zeremonielles Schreiten, Konzertaufstellung à la Wolfgang Wagner, oft geht der Blick in den mystischen Abgrund. Ganz zur Freude Christian Thielemanns, der das irisierende A-Dur-Vorspiel eigentümlich kantig nimmt, die Chöre im Premierenfieber mitunter nur schwer zusammenhalten kann, doch die Stimmen in jedem Takt perfekt auf dem Atem trägt.

Dass Thielemann vor zwei Jahren an der Dresdner Semperoper dem polnischen Tenor Piotr Beczala zu einem weithin akklamierten Lohengrin-Debüt verhalf, erwies sich nun als doppelter Glücksfall: Weil der eigentlich gebuchte Franzose Roberto Alagna drei Wochen vor der Eröffnung der 107. Richard-Wagner-Festspiele ausstieg, kam mit Beczala ein lyrisch grundierter, ins Dramatische drängender Gestalter zum Zuge, der über eine reiche Farbpalette verfügt, freilich auch (noch) an Grenzen stößt – unter dem Strich eine in ihrer intuitiven, natürlichen Anmutung und klugen Anlage brillante Vorstellung. Anja Harteros – für Anna Netrebko eingesprungen, die ihre erste Elsa ebenfalls in Dresden sang und den Bayreuth-Einstand auf 2019 verschoben hat – brauchte zwei Akte, bis die Töne zu blühen und die anfangs überdehnten Vokale Kontur zu gewinnen begannen. War es Nervosität? Deuten die Verhärtungen, die Schärfen, das vokal «Gemachte», vor allem im ersten Akt, auf Überlastung? Waltraud Meier, die nach 18 Jahren Hügel-Abstinenz ins glutheiße Festspielhaus zurückgekehrt war, wurde schon deshalb frenetisch gefeiert. Als Ortrud, einst eine ihrer Paraderollen, hat die jetzt 62-Jährige sich freilich keinen Gefallen getan. Man hört vor allem die Anstrengung, den eisernen Willen, die Sache durchzustehen – schrill, forciert klingt die Höhe, nicht selten leidet die Intonation. Unter Hochdruck trägt auch Beczalas Landsmann Tomasz Konieczny den Bariton-Grimm des Grafen von Telramund vor. Den stärksten Eindruck hinterlässt Georg Zeppenfeld als bassgewaltiger König Heinrich: Ihm gelingt ein souveränes, stets textverständliches, plastisches Charakterporträt mit rein stimmlichen Mitteln. Das ist viel in einer Produktion, die sich vor allem um das Meistermaler-Dekor dreht.

Albrecht Thiemann 

www.bayreuther-festspiele.de

Auf Tour: Gruwez «The Sea Within»

Am 1. August in Oostende, 17. bis 19. August in Berlin, 22., 23. August in Weimar

Ein Quantensprung, mitten hinein in stürmische See: Lisbeth Gruwez schickt nicht weniger als zehn Tänzerinnen auf Erkundungstour, zum Eintauchen in das eigene Innerste. Da wogen Monsterwellen, da trifft man auf verdrängte Albträume. Und doch entsteht da auch viel Harmonie, wenn die Akteurinnen miteinander verschmelzen, zu einem Magma, einer Landschaft, einem feiernden Kollektiv. Gruwez setzt alles auf eine Karte – wer wagt, gewinnt. So verdoppelt sie ihr bisher größtes Team, zu dem sie in «AH|HA» noch selbst gehörte, und regelt nun alles von außen. Derweil erkunden die Interpretinnen ihre intime Beziehung zur Natur, zum eigenen Atem, zum Herzschlag und zur Gemeinschaft.

«The Sea Within» beginnt wie auf dem Meeresboden, wo Cherish Menzo, die schon bei Nicole Beutler und Eszter Salamon in Erscheinung trat, mit einem prägnanten Solo die Dimensionen von Zeit und Schwerkraft verschiebt. Und sobald alle zehn wie Meerespflanzen in der Strömung auf dem salzseefarbenen Boden ihren Platz gefunden haben, entsteht wie aus dem Nichts eine Welle, getragen von der Taiwanesin Chen-Wei Lee, vor Kurzem noch eine zentrale Figur in Ohad Naharins Batsheva Dance Company. Auch Charlotte Petersen (tanzmainz) ist mit ihrer Kraft, Leichtigkeit, Größe und ihrem kurzen Haar eine markante Figur, ganz im Sinne von Gruwez’ Suche nach Persönlichkeiten, die Stärke und Fragilität ausstrahlen.

Zusammen haben die Frauen fünf Bewegungszustände der Natur erkundet – das Stakkato, das Fließen, die immobile Bewegung, die Harmonie und das Chaos – sodass Einzelne ihre besonderen Fähigkeiten ins Spiel bringen können und die Gruppe trotzdem maximale Kraft entfaltet. Daher auch die fast unmerklichen Übergänge zwischen Harmonie und Euphorie, von Stille zu Aggression. «The Sea Within» will niemanden von einer Idee überzeugen, will kein Frauenbild dekonstruieren oder installieren. Und ist gerade deshalb alles andere als ein Tropfen im Ozean der Choreografien.

Thomas Hahn

https://www.voetvolk.be/projects/sea-within/