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Filme und Serien #1

«Mr Robot»; «Marvin ou La belle éducation»

«Mr Robot»

Wer spricht hier mit wem? Das bleibt lange offen bei «Mr. Robot», der ursprünglich vom US-Kabelsender USA Network gesendeten Hacker-Serie, die bald in ihre vierte Staffel geht. Die Hauptfigur Elliot Alderson (Rami Malek) adressiert den Zuschauer direkt per Voiceover – im Singular. Dieses eigentlich verpönte Stilmittel eröffnet das Spannungsfeld, in dem sich «Mr. Robot» bewegt: Meint er uns wirklich? Oder ist alles nur eine Täuschung?Was ist wahr, was Phantasie?

Produziert von der amerikanischen Firma «Anonymous-Content» öffnet die bemerkenswerte Serie eine Tür zur sonst kaum zugänglichen Welt der Hacker-Szene. Elliot ist Anfang 20, auf den Straßen New Yorks zieht der Misanthrop die Kapuze seines (unvermeidlichen) schwarzen Hoodies meist tief ins Gesicht: Die Außenwelt versucht er sich vom hageren Leib zu halten. Eine seiner wenigen Vertrauten ist Angela, eine Freundin aus Kindertagen, mit rätselhafter Tiefe gespielt von Portia Doubleday (u.a. bekannt als «Ersatz-Date» in Spike Jonzes «Her»). Beide arbeiten bei der IT-Sicherheitsfirma «Allsafe», darüber hinaus verbindet sie eine Gemeinsamkeit: Angelas Mutter und Elliots Vater sind unter rätselhaften Umständen an Leukämie erkrankt. Schuld daran soll Giftmüll des omnipräsenten Firmengiganten «E Corp» sein (Anleihen bei bekannten Silicon Valley-Giganten und Wall Street-Banken sind sicher nicht zufällig), doch ein Zusammenhang konnte nie bewiesen werden.

Regisseur und Serienerfinder Sam Esmail setzt dieses Rachemotiv als Handlungs-Auslöser. Doch das ist nur ein Teil des Ganzen. Über drei Staffeln arbeitet sich Elliott an E Corp (von ihm selbst «Evil Corp» genannt) ab, indem er gemeinsam mit wechselnden Verbündeten verschiedene Hacking-Aktionen plant und durchführt. Ihr Ziel ist dabei immer ein hehres: Die verkommene, von Partikularinteressen zerfressene Welt ein Stück weit besser zu machen. In einsamen Nächten am Rechner im kärglichen Apartment und aus der Hackerzentrale im ehemaligen Spieletablissements im New Yorker Vergnügungspark Coney Island taucht er in die Welt aus Daten und Netzwerken. Der Serie gelingt es dabei, die spröde Hacker-Tätigkeit jenseits von grünen Zahlenreihen à la Matrix zu visualisieren und attraktiv zu machen. Trotz der Dichte an Vokabeln wie «Honeypot», «Femtozelle», «Patch», «Callback», «Exploit» ; «USVs», «Rootkit», «crypto operations» oder «Backdoor» verstehen die Zuschauer die Effekte der kryptischen Befehle durch lyrisch anmutende Übersetzungen wie «Es ist fast so, als würde etwas lebendig werden.» Dabei sollen alle Kommandos, die in die Rechner gehackt werden, echte Befehle sein. Eine nette Idee: Jede Folge trägt den Titel nach Art einer Datei, bestehend aus der Episodennummer und einem mit Buchstaben durchsetzten Wort plus Endung (Beispiel: eps2.0_unm4sk-pt1.tc).Ganz nebenbei lernt das Publikum, wie es ausgediente Hardware datensicher entsorgt: Mit Bohrmaschine oder Zuhilfenahme einer Mikrowelle.

Neben den Genannten treten außerdem in Erscheinung: Elliots Schwester Darlene (herrlich betont verlottert: Carly Chaikin, u.a. «Suburgatory») und der Karrierist mit Aggressionsstörung Tyrell Wellick (Martin Wallström). Alle Schauspieler*innen brillieren in ihren Rollen. Wie auch der titelgebende Mr. Robot selbst, gespielt von Christian Slater, der 2016 für diese Rolle mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde. Er ist es, der Elliot für das Hackerteam fsociety anwirbt. Immer wieder taucht er wie aus dem Nichts auf, führt Dialoge mit Elliot, und weiß ihm auch oft zu sagen, wo es lang geht. Schnell wird klar: Vieles dreht sich um das ganz besondere Verhältnis zwischen Elliot und diesem mysteriösen Mr. Robot.

Das Erzähltempo der Serie ist hoch, denn Elliot ist schnell und ihm folgt die Dramaturgie. Man muss sich schon konzentrieren, um ihm folgen zu können, ansonsten gehen wichtige Informationen verloren. Elliots überdurchschnittliche Intelligenz hat ohnehin ihre Schattenseiten: Regelmäßig sitzt er auf der Couch seiner Psychotherapeutin, gewissen Substanzen ist er auch nicht abgeneigt. Womit er am wenigsten klar zu kommen scheint, ist er selbst. Die Serien-Dramaturgie folgt ganz und gar dem Innenleben seiner Hauptfigur: Stark assoziativ oder sogar dissoziativ springt sie durch Szenen und Situationen, bricht mit allen Konventionen der Figuren- und Szenenführung – und mutet dem Zuschauer eine Menge zu. Lässt man sich darauf ein, kann man die derzeit am spannendsten erzählte Serie auf dem Markt sehen. Sie ist so dicht und von solch hoher Komplexität, dass man beim erstmaligen Anschauen nicht alles verstehen kann. Doch das ist alles andere als ein Problem, denn «Mr. Robot» funktioniert auf vielen Ebenen. Darüber hinaus ist die Storyline sämtlicher bisher verfügbarer Staffeln aus einem Guss, auch in der dritten Staffel erfolgen noch Rückgriffe auf Folgen der ersten. Eine solche Sorgfalt und erzählerischer Überblick sind selten – man sieht, dass «Mr. Robot» in einem Writers Room entwickelt wurde. Auch Kameraführung und elektronisch-sphärische Musik (Mac Quayle) stehen dem in nichts nach. Besondere Erwähnung verdient der ästhetische Mut, den «Mr. Robot» beweist: Jede Folge ist in ihrer Anlage und ihrer Optik individuell, es wird kein einmal gefundenes Muster bedient, sogar bemerkenswerte Genre-Experimente finden statt. Ein Glücksfall für den sonst manchmal eintönigen Serienmarkt.

Mittlerweile ist bekannt, welche Macht Daten und die Macht über diese Macht besitzen. Digital ist die Welt ein Dorf und so tummeln sich bei «Mr. Robot» Hacker neben globalen Konzernen und obskuren Magnaten aus Fernost. In einer Welt, in der alles digitalisiert ist, jede Information, jeder Kredit und jede soziale Beziehung, hat derjenige die Macht, der Zugriff auf die Daten hat und diese zu manipulieren versteht. Und so verwundert es auch nicht, dass Elliots «fsociety» (in ihren Bekennervideos ähnlich maskiert wie Anonymous) bald in Konflikt gerät mit Hacker-Konkurrenten, Firmen, Staaten, Gestalten aus dem Untergrund und dem FBI. Selbstverständlich gerät dabei auch unser «System» unter Beschuss, spätestens in der Finanzkrise 2008 konnte man sehen, wie leicht das System aus gegenseitigen Versicherungen ohne substantiellen Boden ins Wanken geraten kann. So ist «Mr. Robot» viel mehr als bloß eine Serie über Hacker-Nerds: Sie ist eine Serie über das, was unsere Welt im Innersten zusammenhält. Oder eben nicht.

Dirk Baumann

«Mr. Robot», abrufbar u.a. über Amazon Prime, 3 Staffeln

«Marvin ou La belle éducation»

Gerade noch hat der Theaterprof Abel (Vincent Macaigne) auf einem Podium von seiner schwierigen Kindheit als schwuler Junge in einem Arbeiterhaushalt erzählt: Er wurde nicht nur in der Schule ausgegrenzt, sondern musste auch in seiner eigenen Familie in die «innere Emigration» gehen. Selbst rassistisch gehänselte Kinder, behauptet er, hätten es leichter gehabt, weil sie wenigstens zuhause Trost hätten finden können. Schauspielstudent Marvin Bijou (Finnegan Oldfield), der sich bald schon umbenennen wird in Martin Clément, hat währenddessen erschüttert im Publikum gesessen. Nach der Veranstaltung steht er herum wie Falschgeld, will Abel etwas sagen, ist, aber zu schüchtern. Er überwindet sich schließlich und stößt hervor: «Ich bin – wie Sie!» und bricht in heftiges, raues Schluchzen aus.

Es ist der erste Moment, an dem über Jahre angestaute Trauer, Scham und Wut über Demütigungen aus Marvin herausbrechen (etwas später folgt in einer Rückblende ein weiterer, als der Teenager Marvin seinen saufenden Vater gegen die Sprüche einer Schulfreundin mit Fäusten verteidigt). Umso irritierender ist Abels distanzierte Reaktion auf den Ausbruch, der – Konventionen hin oder her – nach einer tröstenden Geste schreit: Kühl, fast befremdet steht er vor dem Heulenden und sagt oberlehrerhaft «Dann machen Sie etwas daraus!». Abels qua Geburt bourgeoiser Lebensgefährte Pierre (Sharif Andoura) löst die Situation schließlich auf, indem er Marvin auf einen Drink einlädt. Das ältere Paar «adoptiert» später den Jüngeren, bringt ihm das Austernessen bei, überhaupt den bildungsbürgerlichen Lifestyle mit geschmackvollen Altbauwohnungen, guten Weinen und geistreicher Konversation.

Nach einem ersten Anlauf von André Téchiné, der dann auf ein anderes Projekt umschwenkte, übernahm die französische Regisseurin Anne Fontaine die Adaption von Édouard Louis’ Debutroman «Das Ende von Eddy». Gemeinsam mit Pierre Tridivic hat sie das Szenario leicht verschoben: Aus Eddy Bellegueulle ist Marvin Bijou geworden, seine Familie kommt nicht mehr aus Nordfrankreich, sondern den Vogesen, aus den Pariser Intellektuellen Didier Éribon und Geoffroy de Lagasnerie wurden Theaterprofessor Abel und Landschaftsarchitekt Pierre.

In einer dichten, mitunter fast überladenen Verflechtung verschiedener Zeitebenen – seine Kindheit und Jugend in den Vogesen, der Bruch mit der Familie, seine ersten Erfolge als junger Künstler, die Versöhnung mit dem Vater – mit Vor-und Rückblenden sowie Theatertraumbildern erzählt Anne Fontaine Marvins Geschichte als die einer märchenhafte Rettung des homosexuellen Arbeiterkindes durch bürgerliche Kräfte: Hätte ihn nicht die Schuldirektorin Clement (nach der er sich später umbenennt) gespielt von Cathérine Mouchet, in die Theater-AG gesteckt und immer wieder unterstützt, wäre er nicht nach Paris gegangen, hätte er nicht Abel und Pierre getroffen, durch die er dem reichen Jungsverführer Roland (Charles Bering) begegnet, der ihm neue Zähne spendiert und ihn mit Isabelle Huppert bekannt macht, der er als Testament mit auf den Weg gibt, sich um Marvin zu kümmern, weshalb sie in seiner Debutinszenierung – ein ziemlicher Pathos-Alptraum in der rotbeleuchteten, mit knöcheltiefem Wasser bedeckten Rotunde der Bouffes du Nord – seine Mutter spielt.

Es ist wahrlich ein Sumpf, aus dem der kleine Marvin (Jules Porier) geborgen werden muss – eine Welt aus Carrefour-Pommes und billigem Bier, mit homophoben Sprüchen am Wohnküchentisch, einem arbeitslosen, feigen Vater (sehr toll: Grégoire Gadebas), dem man auch als Erwachsenen noch ansieht, dass er von seinem Vater verprügelt wurde und der trotzdem Marvins Weg auf die Theaterschule zu sabotieren versucht, sowie einer überforderten Mutter (Catherine Salée), die dem Sohn recht ungerührt erzählt, dass sie ihn eigentlich abtreiben wollte. Ein Kirmesbesuch der Bijous skizziert die Psychokonstellation der Familie: Vater trinkt, Mutter tanzt und will sich einmal amüsieren; die Kinder sind, wie so oft, sich selbst überlassen, wobei Marvin auf den kleinen Bruder aufpassen soll: Der klaut heimlich Süßigkeiten und setzt sich damit in die Kirche ab. Und Marvin, der ihn überall sucht, wird natürlich verantwortlich gemacht. So etwas wie proletarische Nestwärme sucht man in dieser als darwinistisch portätierten Unterschicht, in der jeder auf seine Kosten zu kommen versucht, vergebens.

Obwohl es überaus eindeutig die Bourgeoisie ist, die Marvin mit ihrer «belle éducation» den Weg in eine nach ihren Maßstäben erfolgreiche, aber auch emanzipierte Zukunft ebnet, bleibt Herzenswärme auch hier aus. Schwer zu sagen, ob Fontaine das bewusst einsetzt oder ob es ihr einfach unterläuft. Weder die Selbstverständlichkeit, mit der Roland sich den Sex mit dem Jüngeren «erkauft», bis er ihn durch andere ersetzt, noch die kühle Eleganz, die die protegierenden Frauen von Madame Clèment bis Isabell Huppert auszeichnet, können diesen Mangel ausgleichen. Selbst Pierre verlässt irgendwann Abel «aus Langeweile». Als Marvin, der zu diesem Zeitpunkt schon Martin heißt, Abel nach der Trennung allein in seiner Wohnung trifft, gibt er sich nicht mit dessen Versuch zufrieden, diesen Einschnitt herunterzuspielen. Er hakt nach, bis Abel in Tränen ausbricht. Kaum zu glauben, dass Martin ihn in den Arm nehmen kann.

Eva Behrendt