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Rezensionen #3

Bayreuth, Karlsruhe, Salzburg

Foto: Enrico Nawrath

Bayreuth: Wagner «Parsifal»

Am 26. Juli, 1., 8., 14., 19., 25. August

Die Inszenierung bemüht aktuelle Bilder von Flüchtlingsnot (ein Junge tot am Wasserrand), religiösem Fanatismus (Klingsor peitscht sich selbst aus) und einer bedrohten Gemeinde irgendwo zwischen Syrien und Irak. UNO-Soldaten halten ihre Gewehre schützend im Anschlag. Wagners Blumenmädchen hasten mit schwarzen Gesichtsschleiern herein, entpuppen sich aber als bunte Bauchtanzgruppe. Frauenbilder? Religionskritik? Zeittransfer? Jenseits von Oberflächenreizen dreht Laufenberg das Rad um Jahrzehnte zurück. Seine Botschaften sind so schlicht wie die theatralischen Mittel. Die Inszenierung tut werktreu, ist es aber nicht. Dass zum Beispiel der leidende Gralskönig Amfortas als Christus dargestellt wird – samt Wundmalen und Dornenkrone – hat mit Wagners synkretistischem Religionsmix nichts zu tun. Und dass die Ortsangabe während der Verwandlungsmusik per Zoom nachgeliefert wird, hebelt einen Kernmoment der Partitur aus: Genau in diesen Minuten verdichtet Wagner das Phänomen des zu erlösenden Gottes. Nun aber liefert ein Zwischenvorhang Google Earth und Galaxien auf dem Niveau eines Bildschirmschoners.

Nicht nur gedanklich geht es unscharf zu. Die Personenführung bleibt hausbacken. An zentraler Stelle im zweiten Akt, wenn Kundry von ihrer Begegnung mit dem Heiland berichtet und Parsifal einweiht in ein Geflecht aus Schuldverstrickung und Erlösungsbegehren, steht die Sängerin allein auf der Bühne, adressiert hilflos das Publikum. Der Grund zeigt sich wenig später: Parsifal musste sich einfach umziehen. Neckisch war er in einem orientalischen Bad untergetaucht, hatte vom weiblichen Verführungspersonal Frotteehandtücher bekommen, nun steht er wieder im Tarnanzug vor uns. Die entscheidende dialogische Sequenz als Arien-Verschnitt, der davor liegende Erschütterungsausbruch des Titelhelden als szenisches Terzett, bei dem sich Amfortas (oder ist es ein anderer Ritter?) zwischen Kundrys Schenkeln vergnügen kann: Das muss einem erstmal einfallen. Im dritten Akt dann die Dreifaltigkeit abgestandenen Regietheaters: Rollstuhl, Kühlschrank und Mülltonne. Phallusartig ragt ein Gummibaum herein. Zum Karfreitagszauber tummeln sich nackte Evas unter einer Regendusche. Warum eigentlich keine Männer? Der Schluss verpufft kläglich zwischen Realismus und Möchtegern-Welttheater. Vorsorglich wird im Programmheft der Dalai Lama zitiert: Manchmal sei es besser, wenn wir keine Religion hätten. Nun entsorgen Männer und Frauen religiöse Symbole verschiedenster Provenienz im Sarg des Titurel. Die Lichter im Zuschauerraum gehen an. Wir sind gemeint. Ach so? Ach nee. 

Aus Stephan Möschs Rezension in Opernwelt 9-10/2016

https://www.bayreuther-festspiele.de/programm/auffuehrungen/parsifal/

 

 

Karlsruhe: Germinal Casado «Carmina Burana»

Am 22. Juli im Staatstheater

Ein halber Abend und am Ende doch ein ganzer. 1983 stellte Germinal Casado seiner Uraufführung das «Gloria» seiner Ballettmeisterin Madeleine Bart voran. Diesmal stehen die «Carmina Burana» allein auf dem Programm, werden dafür allerdings unter Leitung von Daniele Squeo live musiziert: hinter einem durchsichtigen Gazeschleier auf der Bühne, der das aufgemalte Schicksalsrad wie ein Al-Fresco-Bild erscheinen lässt – seinerzeit entworfen von Casado himself, der erst Grafikdesign und Kunstgeschichte studiert hatte, bevor er als 18-Jähriger zum Tanz fand.

Vor gut zwei Jahren ist der einstige Ballettdirektor des Badischen Staatstheaters gestorben: ein Anlass für die derzeitige Direktorin Birgit Keil, sich seiner zu erinnern – und das mit der Rekonstruktion eines Balletts, das er selbst zu seinen «besten Entwürfen» zählte: überschäumend vor Lebenslust, dabei streng geformt und voller Bravour. Natürlich lässt sich der Einfluss von Maurice Béjart erkennen, dessen Interpret er einst in «Le Sacre- du printemps» gewesen ist. Doch Casado gelingt es hier immer wieder, aus dem Schatten seines Meisters herauszutreten und die «musikalische Sintflut», wie er Orffs szenische Kantate charakterisiert, so zu bändigen, dass ihr mitreißender Schwung nicht verloren geht. Stark der Auftritt der Fortuna Imperatrix Mundi, die bei der Premiere von Bruna Andrade verkörpert wurde. Effektvoll das mönchische Männersolo «In Taberna» und nach wie vor voller Sinnesfreude der «Cour d’amours», auch wenn die Männer statt hautfarbener Lederslips jetzt schwarze Badehöschen tragen. Die Zeiten haben sich eben geändert. Casados «Carmina» begeistern noch immer.

Hartmut Regitz

http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/info/2583/

Foto: Salzburger Festspiele / Matthias Horn

Salzburg: Hofmannsthal «Jedermann»

Am 22., 24., 26. 30 Juli, 1., 6., 9., 11., 12., 14., 16., 19., 21., 27. August

Michael Sturmingers «Jedermann» ist in der Gegenwart angesiedelt, die modernistische Bühne (Renate Martin und Andreas Donhauser) stellt ein weißes Loft mit Kingsize-Bett dar, in dem sich Jedermann eingangs fläzt und dann ein wenig Trompete spielt. Um ihn herum die Reste der letzten Nacht, leere Flaschen, halbvolle Rotweingläser, Alkoholleichen. Merke: Vor dem Fest ist nach dem Fest. Hausherr Jedermann trägt Seidenkimono, Pornobrille und schwere Goldketten – neureich vor dem Herren. Der Geldbeutel aus dem Originalstück ist hier ein Alukoffer, und der verzweifelt um seine Existenz bettelnde Schuldknecht (Fritz Egger) trägt den Business-Anzug eines Bankers, der sich verspekuliert hat.

Der Text wurde kräftig eingekürzt – mit 95 Minuten Spieldauer ist dies der kompakteste «Jedermann» aller Zeiten –, zum Teil auch verändert und umgeschrieben. Jedermann ist hier zum Beispiel nicht 40, sondern 50 Jahre alt (was nicht nur beim aktuellen Titeldarsteller realistischer erscheint), und bei dem «Haus der Lüste», das er bauen will, handelt es sich um den Dom, vor dessen Fassade gespielt wird: «Das Dach kommt weg, die Heiligen – alles weg!» Der Tod (Peter Lohmeyer) ist eine Frau, und statt Jedermann ans Herz zu greifen, küsst er ihn. Danach kippt die Bühne nach vorne und reißt das Geschirr in den Abgrund; der sterbende Jedermann wird in ein profanes Krankenhausbett gelegt.

Tobias Moretti, der schon in der Stückl-Inszenierung vier Sommer lang als Teufel dabei war, ist als Jedermann eine treffende Besetzung: ein jovialer, viriler, zynischer Machertyp, dessen Fall dann umso härter ausfällt. Klar wird in dieser Inszenierung endlich auch, warum dieser Mann vor seiner Mutter so viel Angst hat: Sie wird von Edith Clever gespielt, da zeigt auch das stärkste Alphatier Nerven. Als Buhlschaft wiederum ist Stefanie Reinsperger die unkonventionellste Wahl seit Sophie Rois. Wer sich von der Besetzung eine Offenbarung erhofft hat, wird allerdings enttäuscht: Die Buhlschaft ist nun mal keine besonders spannende Rolle. Moderat modern zeigt die Inszenierung das Stück so direkt und einfach, wie es ist, und so unkatholisch wie möglich: Ein Mann, der alles zu haben glaubt, muss im Angesicht des Todes erkennen, dass er vor dem Nichts steht. Auch der Glaube (Johannes Silberschneider) macht aus der finalen Vergebung kein großes Drama. Noch lapidarer als Sturminger und Moretti hat es einst nur Georg Ringsgwandl auf den Punkt gebracht: «Du konnst da nix mitnehma.»

Grundsätzlich hat der Ehrgeiz, einen neuen «Jedermann» erfinden zu wollen, etwas Rührendes. Nötig wäre es nämlich nicht. Der Domplatz wäre bestimmt genauso ausverkauft, wenn dort noch die alte Reinhardt-Inszenierung gegeben würde. Nach wie vor ist der «Jedermann» eine sichere Nummer und spielt so viel Geld ein, dass man den Rest des Schauspielprogramms damit locker finanzieren kann, nein: muss. Die Subventionen werden nämlich für die kostspielige Oper benötigt. Und die meisten Gäste kommen nun einmal hauptsächlich wegen der Opern und der Konzerte nach Salzburg. Das Sprechtheater muss versuchen, sich daneben zu behaupten – und das mit vergleichsweise begrenztem finanziellen Aufwand. Das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele zu gestalten, ist also ein kniffliger Job.

Aus dem Bericht von Wolfgang Kralicek in Theater heute 10/2017

https://www.salzburgerfestspiele.at/schauspiel/jedermann-2018