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Filme und Serien #2

«Dietland»

«Dietland»

Fickbar zu sein ist das Ziel einer jeden Frau! Dünn, haarlos und schön geschminkt, immer darauf konzentriert, was sich der Mann der Träume wünscht. Und ständig bereit, sich daran anzupassen. Dieses Bild vermitteln zahlreiche Frauenzeitschriften weltweit. Auch Alicia Kettle, genannt Plum, die als Ghostwriterin für die Frauenzeitschrift «Daisy Chain» arbeitet. Sie beantwortet die zahlreichen Leserinnenbriefe an die Herausgeberin Kitty und sorgt mit ihren Antworten dafür, dass Kitty klug und gebildet wirkt. Die Sorgen der Frauen: Vergewaltigung in der Beziehung. Und Ritzen, Bulimie, Selbstmordgedanken – Selbsthass in all seinen schillernden Facetten. Plum will als Mensch, als Frau gesehen werden und nicht nur als fette Pflaume, darum spart sie auf eine Magenverkleinerung und bemüht sich mit «Waist Watchers», Gewicht zu verlieren, um endlich ebenso anerkannt und geliebt zu werden wie die anderen dünnen Frauen. 

Plötzlich werden Männer ermordet. Ihre Leichen fallen vom Himmel und landen auf viel befahrenen Straßen und vor Cafés. Das anonyme feministische Kollektiv «Jennifer» bekennt sich zu den Taten. Es tötet weltweit Männer, die sich demütigend und sexistisch gegenüber Frauen verhalten haben. Trotz der Gewalt und der moralisch verwerflichen Taten empowert «Jennifer» Frauen. Realitäten beginnen, sich auf den Kopf zu stellen: Frauen joggen angstfrei durch die Nacht, während Männer die Dunkelheit fürchten.

Auch Plum ermächtigt sich ihrer selbst: Die Psychologin Verena Baptist (Robin Weigert) bietet ihr 20.000 Dollar, wenn sie Teil ihres «New Baptist Plan» wird. Dadurch soll sie sich selbst zu schätzen lernen. Sich nicht mehr von der Gesellschaft in stereotype Muster pressen lassen. Und sich vor allem nicht mehr über ihr Gewicht und ihr Äußeres definieren. Die Psychologin, die in einer polyamoren Beziehung zu zwei Männern im Calliope-Haus lebt, hat ein ganz besonderes Programm dafür entwickelt: Neben Gesprächen mit ihr gehören dazu ein Umstyling und ein Ganzkörperwaxing (außer am Kopf). Außerdem muss Plum drei Männer daten. Um den Traum von ihrer Magenverkleinerung erfüllen zu können, lässt sich Plum darauf ein. Die Treffen mit den von Verena ausgewählten Männern sind entwürdigend. Der erste geht sofort wieder, nachdem er die übergewichtige Frau gesehen hat. Der zweite sieht das gemeinsame Date als sozialwissenschaftliche Studie: «ein dickes Mädchen daten». Und der Dritte nutzt fette Frauen als Fetisch und will sie ununterbrochen füttern. Als Plum nach dem letzten Date noch auf der Straße beschimpft wird, rastet sie aus und schlägt den sie anpöbelnden Mann: «Wer schert sich um die Konsequenzen, wenn ihm weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als einem Hund?». Wie Plums Radikalisierung wohl weitergeht? Ihre Stimme begleitet die Zuschauer*Innen aus dem Off, sie erzählt ihre Geschichte aus der Zukunft und hinterlässt immer wieder Hinweise auf Dinge, die noch passieren werden. Wenn ihre Emotionen besonders intensiv werden, verwandelt sich die Szenerie in einen Comic.

Joy Nashs «Plum» ist klug, stark und witzig und erfüllt damit zunächst das Klischee einer dicken Frau. Folge für Folge fächert sich der Charakter auf. Sie wird immer wütender und weniger bereit, sich Dinge gefallen zu lassen. Großartig auch Julianna Margulies in der Rolle der Herausgeberin Kitty Montgomery. Sie ist die Chefin aller Frauenzeitschriften des Verlages und verkörpert optisch alles, was Plum sich wünscht. Kitty verhält sich wie ein Mann: manipuliert, erpresst, beleidigt und belästigt die ihr untergebenen Männer sexuell.

Die Serie basiert auf Sarai Walkers 2015 erschienenem gleichnamigen Roman. Walker selbst ist Mitglied in der «fat activist community» und versucht unter anderem, das Attribut «fett» mit positiven Assoziationen zu belegen. Die Showrunnerin (die für den Stoff und seine Entwicklung Hauptverantwortliche) der Serie ist Marti Noxon, die das Drehbuch mit geschrieben und auch Regie geführt hat. Sie ist bekannt für «Buffy – die Vampirjägerin» und «unREAL» (Amazon Prime), ebenfalls Serien mit starken Frauenfiguren im Zentrum. «Dietland» läuft in Amerika beim Sender AMC, die Zusammenarbeit mit Amazon Prime ermöglicht es, dass fast zeitgleich auch in Deutschland (jeden Dienstag) die jeweils neuen Folgen zu sehen sind.

Elena Iris Fichtner