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Filme und Serien #3

«Maria by Callas»

«Maria by Callas»

«Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze. Drum muß er geizen mit der Gegenwart. Den Augenblick, der sein ist, ganz erfüllen. Muß seine Mitwelt mächtig sich versichern.» Als Friedrich Schiller dies im Prolog zu «Wallensteins Lager» (1798) schrieb, konnte er natürlich nicht ahnen, dass hundert Jahre später Film wie Schallplatte «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» (Walter Benjamin) dokumentieren sollten. Bis dahin galt das Theater als eine vergängliche Kunst, die sich im hier und jetzt ereignet. Doch nun lässt sich der überragende Konzert-oder Opern-Abend konservieren oder gar völlig synthetisieren. Befürchtete Benjamin in der medialen Reproduktion den Verlust der einmaligen «Aura», so sah Sergiu Celibidache in den «blöden (LP)Pfannkuchen» vollends den Verrat am wahren Leben der Musik. Während Glenn Gould sein Heil einzig im Studio fand – im Gegensatz zum Horror der Opern-Sensationsgier.

Doch so polar einfach liegt die Sache nicht, Kunst und Technik sind interaktiv untrennbar, bis hin zum Bild von Ei und Henne. Hat Caruso von der frühen Platte profitiert oder diese von ihm? Analog verhält es sich mit Maria Callas. Die wenigsten sind ihr noch «live» begegnet: In ihren Aufnahmen, auch Fotos, wurde sie zur legendären Jahrhundert-Sängerin, zum Inbegriff großer, nicht nur vokaler, auch dramatischer Opern-Kunst. Am 16. September 1977 starb sie, erst dreiundfünzigjährig, in Paris. Aus der primadonna assoluta wurde die Inkarnation der großen romantischen Liebenden Bellinis, Cherubinis, Donizettis und Verdis, ja die Märtyrerin ihrer Kunst. Und so wie die Belcanto-Heroinen Kunst- und reale Leidens-Figuren waren, so wurde aus dem Idol La Callas die Untergangs-Ikone.

Dementsprechend ist kaum eine andere Künstlerin so sehr dem Widerspiel von Verklärung und Sensation, Skandal, Affäre ausgesetzt. Olymp oder Boulevard-Klatsch-Spalten. Neues gibt es da kaum zu entdecken. Paradoxien freilich bleiben. Stand sie exemplarisch auch für die Luxus-Welt der Großen, Mächtigen, Reichen und Schönen, so hatte sie selbst am Klassik-Millionen-Geschäft weniger Anteil.

Die drei Callas-Gesichter – die Belcanto-Heilige und die Society-Diva, aber auch Schmerzens-Frau – erhellend zusammenzufügen, ist dem Franzosen Tom Volf gelungen, indem er der Versuchung zum «Biopic», zum Biographie-Spielfilm, widerstand. «Maria by Callas» ist eine Montage von Originalen, Fotos, Filmen, Arien-Aufnahmen, Texten, Briefen. Vor allem aber: Die Göttin spricht, oft im Interview, über sich und andere – und erweist sich als sprachgewandt, interessiert, sogar witzig, ja schlagfertig. Weder Dulderin noch «Tigerin». Volfs Konzept, Maria/Callas quasi als innere und äußere Person zu Wort kommen zu lassen, funktioniert, und manche Bilder (Pasolini in Badehose) sind unerwartet.

Callas und die Männer: Am meisten geliebt hat sie wohl den großen Luchino Visconti, ihr ebenbürtig, aber anders orientiert. Während die Liaison mit Onassis sadomasochistische Züge trug. Zehn komplette Arien sind zu hören und zu sehen, Ensemble-Aufnahmen fehlen leider. Das reiche dokumentarische Material führt zu mancher Wiederholung, und Volfs innige Verehrung lässt kritischeren Perspektiven kaum Raum. Auf die Frage nach der für sie «wahren» Oper sagt sie nur: Belcanto – Rossini, Bellini, Donizetti. Giftig immerhin reagiert sie auf den Met-Dissens mit Rudolf Bing: ewig gleiche Stücke, verstaubte Inszenierungen, stets neue Partner. Was bei den Szenen in Mailand, Rom, Paris, New York und London auffällt: Die große Opernwelt der fünfziger und sechziger Jahre war eine des High Society-Wirtschafts­wunders. So berückend der Gesang immer noch klingt, eine Prise «Sunset Boulevard» hätte zumindest nicht geschadet. Trotzdem: Nicht nur für Callas-Fans ist «Maria by Callas» bewegend.

Gerhard R. Koch