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Filme und Serien #4

«Sicario: Day of the Soldado»

«Sicario: Day of the Soldado»

An den «war on drugs» haben wir uns mittlerweile gewöhnt, er dauert ja auch schon länger als der Dreißigjährige Krieg, und ein Ende ist nicht in Sicht. Ist es überhaupt möglich mit dieser realexistierenden Menschheit, die bekanntlich aus sehr krummem Holze gemacht ist? Gewöhnt haben wir uns aber auch an Filme über dieses Thema – «Traffic» (2000) und «American Gangster» (2007) und «Sicario» (2015) waren Höhepunkte dieses florierenden Genres in den letzten Jahren.

Nun also eine Fortsetzung, «Sicario: Day of the Soldado» (2018)? Musste das sein? Mit einem neuen Regisseur? Und ohne die weibliche Hauptfigur, die dem ersten Film doch ein wenig Hoffnung, ein wenig Menschlichkeit verliehen hatte, wie die deutsche Filmkritik leise klagend monierte? Kann das gut gehen?

Sehr gut sogar. «Sicario 2» ist besser als sein Vorgänger, ehrlicher, konsequenter, er zeigt keinen Ausweg, findet keine Ausflucht aus dem großen Schlamassel, in dem wir uns mittlerweile befinden. Die Kartelle haben sich fortentwickelt und ihre Produktpalette erweitert, neben den klassischen Drogen und Waffen handeln sie nun mit Menschen – Migranten sind im Angebot, Flüchtlinge, Asylsuchende, ganz egal, Hauptsache sie bezahlen, manchmal sind auch Terroristen dabei, die die Kartelle über Mexiko in die USA schleusen, dieses vielgehasste Land der Sehnsucht.

Als solcherart in die Vereinigten Staaten gekommenen Übeltäter einen Supermarkt, ausgerechnet im beschaulichen Kansas!, in die Luft jagen, versteht Uncle Sam nun gar keinen Spaß mehr, und wie nach 9/11 darf man zusehen, wie die rechtlichen, die rechtsstaatlichen Beschränkungen porös werden, fallen. Jetzt wird es schmutzig, keine Regeln, alles ist erlaubt, so erklärt es ein grimmiger, entschlossener Minister dem CIA-Mann fürs sehr Grobe, Matt Graver (Josh Brolin). Und der geht nun zum zweiten Mal mit seinem Lieblingssöldner Alejandro Gillick (Benicio del Toro) und einem 150-Millionen-Dollar-Budget für Männer und Material auf den Kriegspfad, unternimmt eine Art Strafexpedition: Um die Kartelle gegeneinander auszuspielen, in einen Bandenkrieg zu hetzen, entführen sie, als konkurrierende Gangster auftretend, die sechzehnjährige Tochter (Isabela Moner) eines der Superbosse des Verbrechens, aus Mexiko in die USA, durchaus mit dem gewünschten Effekt – doch bei der Rückführung der Geisel läuft alles schief, viel Blut und tote mexikanische Polizisten, da bekommen die eben noch so entschlossenen US-Politiker kalte Füße, wollen von der ganzen schmutzigen Sache nichts mehr wissen, sofort abbrechen! Das entführte Mädchen soll zur Sicherheit gleich mit liquidiert werden. Und wenn wir dann noch erfahren, dass ausgerechnet ihr Vater damals Gillicks Frau und Tochter hat umbringen lassen, ist ihr Leben eigentlich keinen Pfifferling mehr wert …

Der Regisseur Stefano Sollima hat bei der Filmkritik keinen so exzellenten Ruf wie sein Vorgänger Denis Villeneuve, aber ich habe an der geradlinigen, effektiven Erzählweise (Kamera Dariusz Wolski) nichts auszusetzen gefunden, und blutrünstiger, grobschlächtiger als der erste Teil ist die Fortsetzung auch nicht. Die Musik von Hildur Gudnadottir ist eindrucksvoll, beklemmend, ein bisschen fett allenfalls und etwas sehr flächendeckend.

Dass «Sicario 2» aber so bemerkenswert geworden ist, liegt in der Hauptsache an Taylor Sheridans großartigem Drehbuch (von ihm stammen auch die Drehbücher für «Sicario», «Hell or High Water», «Wind River»). Er erzählt eben keine Geschichte, die sich an Plot Points und den ewigen Gesetzen Hollywoods mit besonderer Berücksichtigung von Regeln für Fortsetzungen orientiert, sondern setzt schlicht auf die innere Logik der Handlung, die deshalb fast vorhersehbar ist, aber dem Publikum auch suggeriert, dass es UNGEFÄHR SO in Wirklichkeit zugehen könnte. Natürlich vergessen wir nie, dass dies Kino ist, aber es wirkt nicht wie bloß ausgedacht zum Spaßvergnügen, um das Publikum zu überraschen und bei Laune zu halten.

Anders herum: Es sind die gängigen Klischees – ehrliches Frontschwein versus aalglatter Politiker, melancholischer Auftragskiller versus feiger Bürokrat –, die hier entschlossen, ohne jeden Schnickschnack, mit großem Geschick und filmhistorischer Kenntnis inszeniert werden. So entsteht, fast nebenbei, der Eindruck eines gewissen Realismus. Und dann gibt es immer wieder eindringliche, geradezu mythische Bilder: die wie aus Granit gehauenen Visagen von del Toro und Brolin; die Hubschrauber, Flüchtlinge festnagelnd im Banne der Suchscheinwerfer; der Junge, der den Gefangenen nicht exekutiert und deshalb selber exekutiert wird; die Wagenkolonne, in Höllentempo durch die mexikanische Wüste rasend – da könnten sogar die Apokalyptischen Reiter neidisch werden und überlegen, ob sie nicht auf Humvee umsteigen sollten.

Dem Film wurde vorgehalten, er sei respektlos gegenüber Mexiko. Das stimmt, aber ist er nicht noch respektloser gegenüber den Vereinigten Staaten? «Sicario 2» ist ein sehr guter Actionfilm, ein Film über den blutigen, schrecklichen, lächerlichen Krieg gegen Drogen, Terror, das Böse schlechthin, und dahinter ist er ein Film über Anomie, über eine Zeit – ist sie schon da, oder kommt sie erst noch? –, in der der Rechtsstaat zerbricht, verdunstet, jedenfalls keine große Rolle mehr spielt, je nach Bedrohungslage. Insofern ist es auch ein Film über die Trump-Ära oder unsere Angst davor.

Die USA, obwohl sie als von «law and order» sich abkoppelnder Staat vorgeführt werden, scheinen immer noch das kleinere Übel zu sein, für die Protagonisten im Film, aber auch für das Kinopublikum, verglichen jedenfalls mit dem von Korruption und Verbrechen paralysierten Mexiko (auf dem Korruptionsindex Nummer 135, die USA Nummer 16) – ab wann spricht man eigentlich von «failed states»? –, und man fragt sich beklommen, ob wenigstens das so bleiben wird.

Kurt Scheel