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Auf der schwärzeren Seite

Der Bass Georg Zeppenfeld

Wie sehr mögen Sie eigentlich Ihre Stimme?
Ich mag sie. Ich habe eine ausgesprochen persönliche Beziehung zu ihr. Vielleicht zur Verdeutlichung: Es gibt sehr professionelle Sänger, die ihre Stimme handhaben wie ein Instrument. Damit tue ich mich schwer. Meine Stimme ist wie ein guter Freund. Wenn sie krank ist, dann geht’s mir auch schlecht. Weil ich diesen Zustand nicht gut ertragen kann. Das kann man unprofessionell finden, aber bei mir ist es so. Ich bin sehr unzufrieden, wenn mir etwas stimmlich nicht gelingt. Allerdings steht die Stimme während einer Aufführung im Dienst der Figur. Deshalb kann ich auch nicht ständig über ihren Zustand nachdenken, sie erfüllt einen Zweck. Wenn also der Zweck eines hohen Tons erfüllt ist, dann endet dieser Ton. Er ist kein Selbstzweck. Im italienischen Fach ist das zum Teil anders, gerade im Belcanto. Da dient die Oper dem Präsentieren der Stimme. Das muss ich für mich in Balance bringen – und dies macht mich wiederum kolossal neugierig.

Den Moment des Selbstvergessens auf der Bühne kennen Sie demnach nicht?
Ich erlaube mir diesen Moment nicht. Und ich kann mich nicht entsinnen, dass mir das mal passiert wäre; schon eher im Liedgesang oder im Konzert als während einer Bühnenaktion, wo alles miteinander zusammenhängt und wo größere Abhängigkeiten bestehen.

Lied und Konzert berühren Sie emotional stärker?
Ja. Beim Lied habe ich mehr Freiheit. Und im Konzert nehmen mich oft die Inhalte mehr mit. Auf der Opernbühne habe ich mehr Distanz zu den Dingen. Einfach weil es das Beziehungsgeflecht zu den Kollegen gibt und den Draht zum Dirigenten da unten. Da bin ich Teil eines Netzwerks. Und dieses muss funktionieren.

Gestehen Sie sich immer ein, wie Sie in der Aufführung waren? Oder wird doch alles, man denke nur an Bayreuth, von den Ovationen abgemildert?
Das versuche ich zu vermeiden. Außerdem bin ich da nicht sehr gefährdet. Meistens habe ich nach einer Aufführung genau die Punkte im Kopf, die ich nicht gut fand und die ich am nächsten Abend ändern will. Meine Frau, die keine Sängerin ist, hat diesbezüglich ein untrügliches Gespür und kann mir die Außensicht sehr gut spiegeln. Ich bin aber fast immer auf der schwärzeren Seite und kreide mir manchmal Dinge an, die man außen gar nicht so wahrgenommen hat. Wobei ich zugestehen muss: Der Bayreuther Applaus bietet einen Suchtmoment, denn er wird dort sehr gut gebündelt – die gute Akustik funktioniert in beide Richtungen. Ich kann diesen Applaus genießen, aber ihn schon trennen von dem, was gerade auf der Bühne passiert ist. Letztlich kämpfen wir doch immer um die letzten fünf Prozent, auch wenn sie manchmal vom Publikum gar nicht vermisst werden.

Das gesamte Interview von Markus Thiel lesen Sie in Opernwelt 6/23