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Rezensionen 7. Juni

Wiesbaden, Darmstadt: Plegge «Liliom»

Am 12. Juni in Wiesbaden, Großes Haus, am 27. Juni in Darmstadt, Großes Haus

Das Hessische Staatsballett, von den Staatstheatern in Wiesbaden und Darmstadt gemeinsam getragen, hat sich in fünf Spielzeiten geschickt positioniert. Tanzkurator Bruno Heynderickx sorgt für eine schöne Bandbreite an Gastspielen, Direktor Tim Plegge ist in der Hauptsache für abendfüllende Handlungsballette zuständig und überzeugte bisher mit den unterschiedlichsten Stoffen, von «Kaspar Hauser» bis zum «Sommernachtstraum». Plegge versteht es, seine Bewegungssprache je nach Sujet von rau und eckig bis fließend-geschmeidig einzufärben und gleichzeitig präzise Handlungslinien zu ziehen. Mit Geschichten scheint er sich leichter zu tun als mit abstrakten Ideen. 

Nunmehr hat Tim Plegge «Liliom»- nach dem Theaterstück von Ferenc Molnár inszeniert: Ein Underdog stolpert die Leiter weiter hinunter, lässt sich zu einem Überfall verleiten, nimmt sich das Leben. Die treue Liebe Julies kann ihn nicht retten; Plegge zeigt Liliom als einen auf Stress mit Gewalt reagierenden Mann. Aber immerhin kommt er in den Himmel – wenn auch einen ziemlich schrägen Himmel – und darf für einen Tag wieder zurück auf die Erde, an dem er seine Tochter kennenlernt. 

Das Bühnenbild Andreas Auerbachs deutet auf Molnárs Spuren einen Rummelplatz mit Fahrgeschäften, Riesenrad und Autoscooter an. Liliom jobbt hier, bis er auch diesen Job verliert. Im Umfeld positioniert Plegge klar umrissene Typen: eine Chefin wie eine Domina, einen dunkel-verdächtigen Freund, getanzt von dem «Faust»-bepreisten Ramon John, zwei tollpatschige Gendarmen wie aus einem Film mit Louis de Funès. Auch die jenseitigen Beamten sind ein Spaß, Clémentine Herveux gibt mit blonder Perücke und Sonnenbrille und als strenge «Konzipistin» im «Amt für Todesangelegenheiten» den ironischen Ton an. 

John Neumeier hat «Liliom» 2011 in Hamburg choreografiert, doch berühmt geworden ist vor allem die Musical-Adaption «Carousel» (1945) von Rodgers und Hammerstein. Plegge setzt weniger stark auf Herz und Schmerz, schon gar nicht auf den Schlusssong «You’ll Never Walk -Alone», er hat sich für eine nuancierte und einleuchtende Musikmischung von Rachmaninow über Schostakowitsch bis Schnittke und Martinu entschieden. Das gibt ihm freiere Hand, lässt ihn Stimmungen setzen. Die er variiert – von chaplineskem Gendarmen-Gehampel bis zu einer auf Spitze getanzten, schwungvoll-eleganten Ballszene bei der Hochzeit von Julies Freundin Marie. Die Feier stellt Liliom als Außenseiter, als aus der Gesellschaft Gefallenen heraus. 

Daniel Alwell und Sayaka Kado tanzen Liliom und Julie – herausragende Solisten eines insgesamt starken Ensembles. Die beiden verlieben sich so behutsam wie freudig ineinander. Und nehmen Abschied in einem überaus berührenden, stilsicheren Pas de deux.

Sylvia Staude

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