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Rezension

Foto: Costin Radu

Gelsenkirchen: Breiner «Sommernachtstraum»

Am 16. und 21. Juni im Musiktheater im Revier

Der Schlaf der Vernunft gebiert bekanntlich Ungeheuer – genauso geschieht es vier jungen Adligen und der Elfenkönigin Titania in William Shakespeares dämmrigem Feenwald. Wenn sie nach tiefem Schlaf erwachen, ist nichts mehr, wie es vorher war. Sie lieben nicht mehr mit zarter Romantik, sondern mit hemmungslosem Begehren. Sie grabschen, knutschen, jagen das Geliebte, schwitzen und krallen sich in sein Fleisch – ganz egal, welche Körperpartie, gleichgültig ob im Kopf- oder Fußstand. Sie lieben, wen sie nie zuvor geliebt haben. Eine andere Frau und – man fasst es nicht – einen Esel.

Shakespeares verrückteste Komödie, der «Sommernachtstraum», ist mit Feen, Kobolden, Fabelwesen bestückt und schon deshalb ein Fest für Choreografen. Es gibt da nur ein Problem: Felix Mendelssohn Bartholdys wunderbare Komposition von 1842 füllt keinen Handlungsballett-Abend. Deshalb haben sich Choreografen wie George Balanchine, Heinz Spoerli oder John Neumeier mit allerlei modernistischen Ergänzungen beholfen. Dagegen hat sich Bridget Breiner für ihre Abschiedsinszenierung am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier für einen Swing-Shakespeare entschieden: Stücke von Duke Ellingtons Album «Such Sweet Thunder» setzen wilde Anarchie gegen den eleganten Charme von Mendelssohn. Dazu summt, flirrt und echot live gespielte Akkordeon- und Klaviermusik von Marko Kassl und Annette Reifig, und all das fügt sich verblüffend gut zu den verschiedenen Welten der bös-lustigen Liebesposse, für die Bühnenbildner Jürgen Kirner ein so effizient verwandelbares wie vieldeutiges Bühnenbild geschaffen hat: eine Art riesigen Radarschirm aus geflochtenen Halmen. Die Skulptur ist eine Art Hitzeschild und schützt den Käfig voller Liebesnarren wie ein asiatischer Kegelhut. Vor allem aber schwebt sie wie ein großes Auge über den Tänzern, zoomt ganz nah an die hormontolle Jugend heran und umkreist sie derart eng, dass keine Herzenswallung und keine Körperregung unentdeckt bleibt. Die nächtlich gurrende, raschelnde Natur ist in Wahrheit auch nur ein überwachter Sektor, über den Elfenkönig Oberon (getanzt von Paul Calderone) als melancholisch verfinsterter Big Brother gebietet.

Vor sieben Jahren kam Bridget Breiner ans Gelsenkirchener Haus, nun verabschiedet sich die Ballettchefin und zieht weiter nach Karlsruhe: eine etabliertere Ballettstadt, ein größeres Ensemble. Sie folgt dort auf Birgit Keil, während Giuseppe Spota ihren Revier-Posten übernimmt. Auf dem Breiner ein breit gefächertes choreografisches Spektrum gezeigt hat – abstrakt, aufklärerisch, tragisch und dabei stets sehr gefühlvoll. Zum Schluss ihrer Amtszeit beweist sie nun: Lust an der Klamotte. In ihrem Zauberwald spuken Feen als braune, knorrige Äste um die Menschen herum. Shakespeares Handwerker, die Mimen sein wollen, erliegen allesamt der Mimikry und verwandeln sich in Maus, Eichhörnchen, Biber und Vogel. Und der zauberhafte Puck von Tänzerin Hitomi Kuhara ist nicht, wie oft im Schauspiel, ein sadistischer Quälgeist, sondern ein hyperaktiver, gummigelenkiger Troll mit Hobbitfüßen, der etwas zu begeistert mit Oberons Wunderblume herumwedelt und alle ganz wuschig macht. So irrlichtern Breiners spielwütige Tänzer mit viel Tempo und Charme durch diesen schwül-lüsternen Traum und beweisen ganz nebenbei, dass man sich mit Standard-Posen des Balletts auch ziemlich handfest prügeln kann. Am Ende sind alle Paare richtig sortiert, ist die Romantik wiederhergestellt und die Liebe eine Himmelsmacht. Oder vielleicht ja doch bloß ein Koboldspuk?

Nicole Strecker

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