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Rezensionen 7. Juni

Hagen: Wagner «Tristan und Isolde»

Am 10. Juni im Theater

Es ist so abgedroschen, von einem Wunder zu sprechen! Aber wer die vielen Kürzungen verfolgt hat, unter denen das Theater und das Philharmonische Orchester Hagen zu leiden hatten, ist schon verblüfft. Klar, an vielen kleinen und mittleren Musiktheatern wird Hervorragendes geleistet. Aber was bei Wagners «Tristan und Isolde» unter Leitung von GMD Joe Trafton aus dem Graben klingt, hat eine Fülle, eine Subtilität und Feinheit des Klangs, auch eine eruptive Leidenschaft, die begeistert. Nur zum Schluss, am Ende von Isoldes Liebestod, geht es mit dem Dirigenten etwas durch, überdecken die Klangfluten die fabelhafte Sängerin. Aber das ist marginal angesichts der vorausgegangenen fulminanten fünf Stunden.

Aus dem Ensemble heraus sind – mit Ausnahme von Dong-Won Seo als klangschöner, zurückhaltender König Marke – nur die kleinen Rollen besetzt. Auch bei den Gästen überrascht, welche Qualität sich Hagen immer noch leisten kann. Magdalena Anna Hofmann ist eine sensationelle Isolde, schattenreich und leuchtend, nachdenklich und mitreißend, darstellerisch in jedem Moment absolut glaubwürdig. Auch Khatuna Mikaberidze als Brangäne und Zoltán Nyári als Tristan teilen sich die Kräfte klug ein, klingen nie brüchig oder ermüdet, auch wenn es nach einem Fortissimo ins Piano geht. Wieland Satter übertreibt es als Kurwenal zunächst ein wenig, findet dann aber zu einer kraftvoll-biegsamen Stimmführung.

Regisseur Jochen Biganzoli versucht einen großen Wurf, der zumindest im dritten Akt gelingt. Die Bühne ist ein Kastenhaus, jeder Sänger bewohnt seine eigenen vier Wände, aus denen keiner herauskommt. Es gibt also keine Begegnungen, auch im ersten Akt bleibt eine Wand zwischen Tristan und Isolde. Alle führenden Figuren sind pausenlos auf der Bühne. König Marke legt sich, während das Schiff sich nähert, immer wieder ins Bett, probiert sein Krönchen auf, steht schließlich geschniegelt da zum Empfang. Während Brangäne, wenn sie nichts zu singen hat, dem Alkohol frönt, depressiv in der Wanne liegt, als werde sie gleich Schluss machen, sprich: einen Föhn ins Wasser tauchen.

Zwei Akte lang gibt es Durchhänger. Biganzoli gelingt keine konsequente Stilisierung wie Christoph Marthaler, für das realistische Spiel fehlen die Ideen. Manchmal flüchtet sich der Regisseur in Plattitüden, etwa wenn Kurwenal einen Reichsadler auf der Brust entblößt und den Arm zum Hitler-Gruß erhebt. Auch Tristan lässt er mit dem Zaunpfahl winken. Erst betrachtet er, ganz Narziss, eine überdimensionale Fotografie von sich selbst. Dann wird er zum Aktionsmaler, saut mit roter Farbe rum, pinselt «Ich» und «Du» an die Wände, übermalt schließlich das «Ich». Das Ego löst sich auf im Zeichen der Liebe. Ach ja.

Doch um was für eine Liebe geht es hier? Das Körperliche fehlt ja völlig, die isolierten Menschen leben in ihren Fantasievorstellungen, von den anderen wie von sich selbst. Das ist im Kern eine überzeugende zeitgenössische Deutung des «Tristan» und zeigt beim Dahinsiechen, dem Hoffen und Leiden im dritten Akt, durchaus szenische Wirkung. Doch über die gesamte Distanz trägt nur die Charakterisierung Isoldes als schwarz gekleidete Intellektuelle. Magdalena Anna Hofmann bekritzelt die Wände ihres Zimmers mit allerlei Zitaten und Zeichnungen. Sie versucht immerhin noch, eine unübersichtliche Welt zu verstehen, die Marke längst in den Schlaf und Brangäne in den Suff treibt.

Gleichwie – das Hagener Haus hat in Sachen Regie viel gewagt. Mangelnden Anspruch kann man Intendant Francis Hüsers wahrlich nicht vorwerfen. Auch wenn nicht alles so gelingt, um die hochgesteckten Maßstäbe immer zu erreichen. Musikalisch freilich glückt Außerordentliches.

Stefan Keim

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