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Rezensionen 21. Juni

Kiel: Ivanenko, Reischl «Creations»

Am 27. Juni im Opernhaus

Sanfte Dünung. Eine Welle beginnt in den Fingerspitzen, gleitet durch den linken Arm in den Oberkörper, hebt den Kopf leicht an, wandert weiter auf die rechte Seite und springt von dort aus auf den nächsten Tänzer über. Siebzehn Körper erfasst die Welle nacheinander, und während der letzte von ihnen noch pulsiert, ist am Beginn längst wieder Ruhe eingekehrt, ein mildes Heben und Senken. Ein schönes, organisches Einstiegsbild hat Yaroslav Ivanenko für «Following a Bird»  choreografiert, das den zweiteiligen Ballettabend «Creations» am Kieler Opernhaus eröffnet. Dabei ist hier ein ganzer Ensemblekörper am Start, eine strukturierte Formation. Als Keito Yamamoto ausbricht, sich inmitten der gebückten Schar aufrichtet, legt ihr der Nachbar sacht die Hand auf die Schulter. Als wolle er sagen: «Ruhig. Schon okay. Komm wieder runter.» Und Yamamoto kommt wieder runter.

Ivanenko, seit acht Jahren Ballettdirektor an der Förde, weiß um die Fallen der Neoklassik. Die geforderte tänzerische Perfektion leistet häufig einem unkritischen Ästhetizismus Vorschub. Im Zweifelsfall zieht sie einen gut funktionierenden Tänzer dem widerspenstigen Charakter vor. Bei «Following a Bird» arbeitet Ivanenko auf zwei Ebenen: Seine 40-minütige Choreografie gibt dem Neoklassik-Liebhaber, was er will, und spielt zugleich unentwegt mit der Möglichkeit des Ausbruchs. Der zwar nicht stattfindet, aber als anarchische Hoffnung mitschwingt.

Ganz geschmackssicher läuft das Spiel mit der Konvention nicht ab. Wenn Yamamoto und Christopher Carduck einen Pas de deux in stereotypen Geschlechterrollen tanzen und Miyeon Eom dazu Ezio Bossos Wohlklang aus dem Piano perlen lässt, bis sich das Klavier in Bewegung setzt und zum Mittänzer wird – dann ist die Grenze zum Kitsch überschritten. Ein Fehltritt, den Ivanenko gleich wieder auffängt: mit testosterongesteuerten Passagen zu Akkordeonklängen von Kimmo Pojohnen, nicht sonderlich originell, aber stückdienlich.

Der zweite Teil der «Creations» heißt «(h)ruof» und stammt vom künftigen Regensburger Ballettchef Georg Reischl, der eine spröde Schlagzeugkomposition von Vincent Glanzmann umsetzt. Die gleichen Tänzer wie bei Ivanenko zeigen weiterhin ästhetisierte Bewegung, Spitzentanz, Gender-umrisse. Aber der Rückgriff aufs Ritual, auf den balinesischen Kecaktanz, auf archaische Formen (die sich auch im althochdeutschen Titel finden) schafft eine Distanz, die sich nicht mehr einfach wegkonsumieren lässt. Gerade in der Mischung aus «Following a Bird» und «(h)ruof»  gelingt dem tänzerisch tadellosen Kieler Ensemble ein Kunststück, das man nicht unterschätzen sollte: Es bedient einerseits die Konvention schöner Körper und hinterfragt sie andererseits. Das Publikum jedenfalls ist zu Recht aus dem Häuschen. 

Falk Schreiber

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