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Rezensionen 21. Juni

Düsseldorf: Ingmar Bergman «Fanny und Alexander»

Am 21. Juni und 11. Juli im Schauspielhaus

Die Bühne ist schmucklos grau-weiß, ein riesiger Kubus ragt schräg auf die Bühne, dreht sich und wird zum düsteren Saal im Bischofssitz (Bühne: Oliver Helf). In Stephan Kimmigs Bühnenversion von Ingmar Bergmans Film «Fanny und Alexander» (1982) wird die Innenwelt erforscht. Hier wird das Theater verteidigt: «Verkleidung macht mitfühlend. Das Theater ist eine ebenso gute Kirche wie der Dom», sagt Onkel Flip (der hier die Rolle des Antiquitätenhändlers Isaac aus dem Film übernommen hat).

Bergmans autobiografisch gefärbte Geschichte von den Kindern, die, nachdem ihr Vater ausrechnet als der Geist von Hamlets Vater auf der Bühne gestorben ist, mit ihrer Mutter Emilie zu dem fürchterlichen Bischof Vergérus ziehen, von dort fliehen, bis der böse Kirchenmann schließlich einem Zimmerbrand zum Opfer fällt, und Emilie wieder ihren Beruf als Schauspielerin ausübt, ist eine Hommage an das Theater, die sich zeitweise ins Kino verirrt hatte.

Kimmig lässt drei Kinder spielen, wie auch bei Bergman ursprünglich vorgesehen. Und Lea Ruckpaul spielt den zehnjährigen Knaben Alexander mit erstaunlicher spielerischer Energie, jugendlichen Brüchen, impulsiver Beweglichkeit, mit einer kindlichen Mischung aus Verschlagenheit und Naivität. Gegenüber der ebenso dreistündigen Filmfassung werden aber auch die erwachsenen Hauptfiguren vertieft. Es gibt Monologe Emilies (Minna Wündrich), in der sie erklärt, warum sie diesen Schraubstock von Mann geheiratet hat und wie sie sich von ihm löst. Sie ist zärtlich verspielt und fürsorglich mit ihren Kindern.

Wie verquer diese Beziehung zwischen Kirche und Theater ist, zeigt sie, wenn sie zustimmt, als Bischof Vergérus von ihr fordert, ihr bisheriges Schauspielerinnenleben hinter sich zu lassen, aber dann aufstampft und im Gegenzug fordert: «Küss mich!» – vergeblich. Dieser Bischof ist ein moderner Mensch, ein kalter Karrierist, immer beherrscht, bis zur plötzlichen Explosion. Man kann aber nicht verstehen, warum er «aus Liebe» seinen Stiefsohn auspeitscht. Ein schwedischer lutherischer Bischof ist hier und heute eine schwer vorstellbare Figur. Aber seine ganze Gefährlichkeit wird nur spürbar, wenn sie vom religiösen Dogmatismus untermauert ist. Davon ist bei Christian Erdmann keine Spur. Seine Pose als gekreuzigter Erlöser ist die pure Selbstverliebtheit eines Egomanen.

Kimmigs Inszenierung bedient die Theatermittel routiniert: Filip (Wolfgang Reinbacher) und Großmutter Helena (Karin Pfammatter) sprechen aus den Scheinwerfernischen im Zuschauerraum des Schauspielhauses, die heimlichen Gespräche und Spiele der Kinder werden mit einer Kamera groß auf die Wand des Bühnenkastens projiziert, ihre kindlichen Fantasien mit Puppen dargestellt. Der Bühnenboden hebt sich, um auf der Unterbühne das Versteck der Kinder bei Onkel Filip zu zeigen. Man versteht nicht mehr, warum «Fanny und Alexander» ein Film sein soll. So viel Theater. Kein Second-Hand-Muff. Nur Theater aus erster Hand, konventionell zugeschnitten, mit modernen Applikationen.

Gerhard Preußer

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