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Rezensionen 21. Juni

Nürnberg: Wagner «Lohengrin»

Im 29. Juni im Opernhaus

Was tun mit Gottfried, dem abwesenden, vermeintlich von Elsa getöteten Kind, das am Ende wundersam stumm wieder auftaucht? Ein Fall für Statisten zwischen sechs und 16? Hans Neuenfels ließ diese Erlöserfigur in Bayreuth als Homunkulus auftreten, Yuval Sharon als giftgrünen Plüschanzugmann. In Nürnberg trägt Brabants neuer Führer Minidutt, Fellkragen, löchrige Hose, Netzhemd, alles in Schwarz. Man kennt ihn gut: Es ist Friedrich von Telramund, auferstanden von den Toten, um zum bedrohlichen A-Dur-Crescendo auf dem Eichenthron Platz zu nehmen.

Ein letztes Mal greift da Lohengrins Papa in die Handlung ein, weil dem Sohn die erste Reise im Dienste des Grals zur mission impossible wird. Parzival ist stumm und ständig präsent in dieser Aufführung, ebenso wie Widersacher Wotan. Zum Brautchor darf der auf leerer Bühne ein Riesenschwein verspeisen und sich in die Besinnungslosigkeit saufen. Wer «Game of Thrones» und sonstige Fantasy-Abenteuer kennt, ist bei Regisseur David Hermann, Ausstatter Jo Schramm und der wunderbaren Kostümbildnerin Katharina Tasch in besten Händen. Doch wer glaubt, das Team nutze die Ästhetik wie viele andere nur, um dem Stück die Luft herauszulassen, Pathos mit Ironie zu brechen, begibt sich auf die falsche Fährte.

Tatsächlich bleibt der Abend ein paarmal im Illustrativen stecken, im bloßen Monty-Python-Witzeln. Doch die neu gewonnene «Lohengrin»-Leichtigkeit nutzen Hermann und sein Team auch für intelligente Analyse. Keine bloße Schablonen-Parade ist das, hier wird an der Charakterschärfung gearbeitet. Am besten zeigt sich das weniger im bildmächtigen Großformat, sondern in kleinen Momenten. Viel Hintersinniges gibt es zu beobachten. Die Verunsicherung des Titelhelden beim ersten Kuss (Vater Parzival wurde in der Parallelsituation dank Kundry schließlich welthellsichtig), das kurze Erschrecken über sich selbst nach dem «Ich liebe dich». Die animalische Beziehung Ortrud/Telramund, die um eine stumme Dienerin zum pikanten Dreier erweitert wird. Oder auch die Befangenheit des Brautgemachs: Die der Szene innewohnende Komik wird nicht mühevoll überspielt, sondern als Kommunikationsproblem nach außen gewendet – Hermanns Regie erinnert hier an Jossi Wielers dritten Stuttgarter «Siegfried»-Akt.

Dazu passt, dass die Bühne gerade nicht mit Fantasy-Zubehör vollgestellt ist. Der so einfache wie frappierende (und technisch knifflige) Einfall: Es gibt einen Wald aus hängenden Stangen. Der weht im Wind, taugt damit als Schwanenwunder, ordnet sich, sobald der Gralsritter erscheint. Innen- und Außenwirkungen sind möglich, ebenso heimliche Beobachtungen durchs Gitter oder Aussperrungen. Lohengrin, das wird hier offenbar, ist von Vätern und neuen, vermeintlichen Freunden verlassen. Auf eine raffinierte Weise holt die Aufführung damit Wagner-Fremde ins Stück und bietet Insidern doch genug Gedankenfutter. Letztlich, das zeigt gerade das Ende, ist es dem Jubel-Mob der heruntergekommenen Brabanter egal, wem sie huldigen – Hauptsache, Störenfriede wie die ständig alles hinterfragende Elsa werden entsorgt.

Die ist bei Emily Newton folgerichtig weniger liebreizende, bedauernswerte Jungfrau, sondern eine sehr aktive, wie ein Tier im Holzverschlag gehaltene Opposition; der herbe, etwas matte Charaktersopran korreliert damit. Überhaupt gibt es einige bemerkenswerte Besetzungen. Allen voran Sangmin Lee, der den Telramund – bei aller Baritonschwärze und scharfem Deklamationsprofil – tatsächlich singt und viele Zwischentöne findet. Eric Laporte ist dazu auch vokaler Gegenpol, gestaltet den Lohengrin mit heller, gut fokussierter Stimme. Die Partie hat er sich, kleine Sparmaßnahmen inklusive, gut zurechtgelegt. Martina Dike als Ortrud-Biest geht dafür auf volles Risiko, Karl-Heinz Lehner gibt König Heinrich mit grauem Raufaser-Bass.

Grenzen übertreten müssen sie alle nicht, weil unten Joana Mallwitz steht. Mit der heiklen Nürnberger Akustik, die durch Wagners Blechpanzer schnell überfordert sein könnte, geht sie intelligent um. Immer ist da auch im Tutti eine Rundung des Klangs, immer bleiben Schichtungen und Mixturen erkennbar. Wie die Staatsphilharmonie Nürnberg das alles umsetzt, klingt nach einem Liebesbeweis für die Chefin. Die technische und klangliche Weiterentwicklung des Orchesters hört man überdeutlich.

Schnell ist die Generalmusikdirektorin im «Lohengrin», aber nie gehetzt. Dichte und Detailfülle, das führt Mallwitz vor, lassen sich verbinden mit einem Brio, das im Finale alles über die Ziellinie und in den Abgrund treibt. Einmal ein kurzes, nachdenkliches Decrescendo im Vorspiel, die volkstümlichen Akzente im schnellen Teil von Elsas Monolog, die genau formulierten Bläserlinien später beim Münster-Gang: Die Dirigentin ist, man hört es auch an anderen Stellen, tief in die Partitur eingetaucht. Ihre Erkenntnisse und Ergebnisse streckt sie einem allerdings nicht ständig und begeistert entgegen.

Was also glückt, ist eine Balance zwischen Mikro-Finesse und Makro-Aufriss. Sehr natürlich klingt dieser «Lohengrin», logisch in seiner Tempo-Matrix, präzise auch in den Chor-Nummern. Und wenn es einmal wackelt, ist Joana Mallwitz blitzschnell zur Stelle. Wie sie etwa mit kurzen Handbewegungen das Ensemble im ersten Finale wieder auf Kurs bringt, verrät bestechendes Kapellmeisterhandwerk. In der kommenden Saison wird sie in Nürnberg Verdis «Don Carlos», Brittens «Peter Grimes» und ein Strawinsky-Ballett herausbringen. Die Wetten, an welches Opernhaus die 33-Jährige nach Vertragsablauf weiterziehen könnte, laufen schon.

Markus Thiel

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