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Rezensionen 7. Juni

Dresden: Ossorgin «Eine Straße in Moskau»

Am 11. Juni im Staatsschauspiel

Wenn es um die ganz großen Menschheitsfragen geht, ist ein gewisses Pathos durchaus angebracht, findet jedenfalls die ewig jugendfrische Tanja. «Ich möchte, dass unser Leben ein lichter Traum von der Zukunft ist, von einem nie endenden Glück», agitiert sie großäugig ihren Kompagnon Wassja und kann gar nicht verstehen, dass der dem Fortgang der Geschichte etwas skeptischer entgegensieht. «Denken Sie doch einmal nach vorn», ermahnt Tanja den kleinlaut an ihrer Seite klemmenden Zukunftsspaßverderber mit der Fröhlichkeit eines Selbstoptimierungscoachs. 

Schwer zu sagen, wann und wo die beiden eigentlich unterwegs sind. Man sieht sie im Großen Haus des Staatsschauspiels Dresden auf einer Videoleinwand; mutmaßlich in einer Art fliegendem Auto oder einer Weltraumkapsel. Jedenfalls sprechen sie aus einer nicht näher definierten Zukunft heraus, in der dank bahnbrechender technologischer Entwicklungen der Himmel auf Erden angeblich zum Greifen nahe ist. Es gibt da nur noch ein paar mi­nimale Mühen der Ebenen, räumt Tanja sinn­gemäß ein; wirklich Kleinigkeiten, zum Beispiel das Wohnungsproblem und ähnliche Margi­nalien, die sich im weitesten Sinne unter der sozialen Frage gruppieren ließen, wie die Spezies in möglichst fairer Weise zusammenzuleben gedenkt.

Genau diese Frage hatte der Abend schon knappe vier Stunden zuvor in den imposanten Bühnenraum gestellt. Statt in futuristischen Fahrzeugen hockte Tanja zu diesem Zeitpunkt zwar mit Wassja unter dem Schreibtisch ihres Großvaters, des Moskauer Vogelkunde-Professors Iwan Alexandrowitsch, und versuchte, sich vor den ringsum einschlagenden Granaten in Schutz zu bringen. Aber die «soziale Frage» stand bereits auf der Agenda, und zwar mit kommunistischer Dringlichkeit: Michail Ossorgins Roman «Eine Straße in Moskau», den Sebastian Baumgarten zusammen mit dem Dramaturgen Jörg Bochow fürs Dresdner Staatsschauspiel adaptiert und bis in diese unklare Video-Zukunft hineingeführt hat, beginnt mit dem Ersten Weltkrieg und beschreibt die Folgezeit vom Russischen Bürgerkrieg über die Oktoberrevolution bis ins Jahr 1920. 

Dabei ist Ossorgins Roman insofern ungewöhnlich, als er jenen historischen – und histo­risch gescheiterten – Versuch, die besagte soziale Frage qua (Macht-)Umverteilung von oben nach unten zu lösen, nicht aus der Sicht der vorübergehenden Sieger der Geschichte beschreibt, sondern aus der Perspektive der Opfer. Der Haushalt des Ornithologie-Professors auf der Siwzew Wrashek, einer literarisch berühmten Straße im Zentrum Moskaus, in der nicht nur Tolstoi, sondern auch das Personal von Boris Pasternaks «Doktor Schiwago» wohnte, fungiert als soziologischer Mikrokosmos und Inbegriff all dessen, was die aufstrebenden Diktatoren des Proletariats im besten Fall überflüssig finden und im schlimmsten martialisch vernichten.

Kein Wunder, dass der Autor Ossorgin in der Sowjetunion tabuisiert war: Als Mitglied der Sozialrevolutionären Partei hatte er sich 1905 zwar aktiv an der Russischen Revolution beteiligt und in seiner Wohnung illegale Treffen organisiert. Nach der Oktoberrevolution kritisierte er allerdings auch das neue System und war bereits mehrfach von der Geheimpolizei Tscheka verhaftet worden, bevor man ihn 1922 auf Geheiß Lenins mit dreißig weiteren Intellektuellen zwangsaussiedelte. Der besagte Roman «Siwzew Wrashek» erschien 1929 in Paris und unter dem Titel «Der Wolf kreist. Ein Roman aus Moskau» im selben Jahr auch in einer deutschen Version. Seit 2015 liegt eine hoch gelobte Neu-Übersetzung (von Ursula Keller) vor, die dem Werk noch einmal einen Popularitätsschub verliehen hat.

Baumgartens Theaterabend, der auf dieser Übersetzung basiert, beginnt in einem Salon-Ambiente, wie man es auch von literarischen Kollegen à la Tolstoi kennt. Die philosophischen Zankäpfel und zeitdiagnostischen Debatten, die hier speziell zum 17. Geburtstag der Haus-Enkelin Tanja übers Sofatischchen gehen, sind zwar ein paar Jahrzehnte später angesiedelt als ihre Vorläufer aus «Krieg und Frieden». Der Cast allerdings gestaltet sich, wiewohl fürs Theater bereits angemessen ausgedünnt, ähnlich üppig – wofür Baumgarten eine ebenso kurzweilige wie effiziente Verübersichtlichungsmethode findet: Er stellt das Personal zu Beginn einfach in einer Art Stummfilm-Intro vor. Davon abgesehen haben er und Bochow sich tatsächlich der Mühe unterzogen, die epische Textvorlage vollständig ins dramatische Genre zu überführen und dialogisch aufzulösen, was ja in der theatralen Unterdisziplin der Romanadaption fast schon wieder Avantgarde ist.

Die Geburtstagsgäste, Tänzer und Diskutanten, die Familienmitglieder, Hausangestellten und -musiker, die hier also im expressionistischen Murnau-Stil eingeführt werden, decken natürlich einen Bevölkerungsquerschnitt ab, der sich idealtypisch zum Geschichtspanorama eignet – welches Baumgarten denn auch sehr plastisch (und für seine Verhältnisse dekonstruktionsarm) auffächert. Zwar hat er eine Art methodische Selbstreflexionsebene eingeführt, in der der Theaterabend als heutiges Filmset behauptet und das behandelte Historien-Sujet in geschichtsphilosophische Aufarbeitungs- und sozialtheoretische Gegenwartskontexte gesetzt wird. Die haben – wiewohl sie szenisch definitiv zu den schwächeren Parts gehören – inhaltlich bisweilen durchaus anregenden Charakter, können das ultimative Problem, die «soziale Frage», aber logischerweise auch nur mehr oder weniger intelligent aufwerfen statt lösen. Von diesen kurzen Selbstreflexions-Intermezzi abgesehen, zeigt Baumgartens einfallsreiche Inszenierung die besagte «Straße in Moskau» im allerbesten Sinne als das, was sie ist; nämlich ein intelligent-informativer Historienschinken mit Härtefall-Garantie.  

Der ewig transformatorischen (und in einigen wesentlichen Fragen eben zugleich erstaunlich statischen) Historie angemessen, hat die Bühnen- und Kostümbildnerin Christina Schmitt einen multifunktionalen Sperrholzturm in die Mitte des Szenarios gebaut, der je nach (Dreh-) Bühnenwinkel Oppositionellen-Wohnung, Apparatschik-Büro, Tscheka-Folterkammer oder Banja sein kann, das russische Sauna-Äquivalent: Kontexte, in denen man die Figuren mehr oder weniger beschädigt wiedertrifft, die man beim Geburtstag der Ornithologen-Enkelin Tanja kennengelernt hatte.

Dieser 17-jährige Fixstern des Abends trotzt in Gestalt von Luise Aschenbrenner 230 Minuten lang gleichbleibend gütig und opportunismusfern den Zumutungen der (neuen) Zeit, wobei es sicher nicht von Nachteil ist, dass sie allseits umschwärmt wird. Der intellektuell durchaus über-, erotisch allerdings deutlich untertourige Lieblingsstudent ihres Vaters, Wassja (Lukas Rüppel), hat gegenüber dem gold­lockigen Jung-Offizier Stolnikow folgerichtig das Nachsehen. Ein taktisch geschickt einge­fädelter Engtanz während des Fronturlaubs schafft verheißungsvolle Perspektiven – bis Stolnikow wenige Szenen später auf einem fahr­baren Bett als «Stumpf» an die Rampe geschoben wird: Der einstige Salon-Beau, dem wegen einer Kriegsverletzung beide Arme und Beine amputiert werden mussten, ist zu einem zynischen Pflegefall frühvergreist, den Moritz Kienemann grandios aggressiv-depressiv aufs Szenario brüllt. 

Den einstmals prollig-verdrucksten Weltkriegsdeserteur und Bolschewisten Andrej (Betty Freudenberg) indes – den Bruder der bei Nadja Stübinger in geradezu liebevoller Bodenständigkeit auftrumpfenden Professoren-Haushälterin Dunja –, haben die Zeiten von ganz unten nach ganz oben gespült. Traute er sich früher bestenfalls zwecks konspirativen Almosenempfangs zur Schwester in die Herrschaftsküche, hält er jetzt als «Vorsitzender des Bezirkssowjets» breitbeinig Hof unter der personifizierten Revolution selbst und frönt seiner speziellen Kulturvokabular-Legasthenie: Ein überlebensgroßer, dreiköpfiger roter Drache ziert sein Büro, dessen Augen bei besonderen Stilblüten aus dem realsozialistischen Proletarier-Repertoire extraordinär rot aufleuchten. 

Tanja und ihr gleichmütig durch die Jahre trottelnder Großvater (Holger Hübner) haben Glück: Sie verlieren lediglich ihr Eigentum und müssen die Salon-Treffen auf lose Bücherstapel verlagern, behalten aber ihr Leben (und offenbar auch weitestgehend sich selbst). Wesentlich härter trifft es den Philosophen Astafjew, der von einem sensationellen Thomas Wodianka (als Gast) in einer Mischung aus sarkastischer Systemverachtung, persönlicher Getroffenheit, affektiv aufflackerndem Angriffswillen und einer wahrhaft stoischen Gelassenheit gespielt wird, die der philosophischen Profession wirklich alle Ehre macht. Astafjew muss sein Restleben zwischen der bolschewistischen Revolution und seiner finalen Exekution als Berufsclown fristen. Und allein dafür, wie er diesen Job nutzt, um die historischen Verhältnisse mit einer bitterbösen Deklamation von Ernst Jandls «schtzngrmm» auf den Punkt zu bringen, hätte sich die Dresdner «Straße in Moskau» schon gelohnt.

Christine Wahl

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