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Rezensionen 31. Mai

Zürich: Dürrenmatt «Justiz»

Am 6., 16., 17., 19., 21. Juni im Schauspielhaus

Die piekfeine «Kronenhalle» mit weißen Tischtüchern und Kunst an den Wänden, der etwas weniger schicke, dafür architektonisch cool geschwungene Kiosk am Bellevue-Platz, die primärfar­benen Kuben von Le Corbusiers «Heidi-Weber-Haus» im Seefeld und ein Pornokino von der Langstraße: Aleksandar Denic spielt mit seiner Drehbühne im Pfauen ganz auf Zürich, ein mit sich zufriedenes, hedonistisch top aufdatiertes Zürich, und Frank Castorf wird in den kommenden fünfeinhalb Stunden seinerseits dranbleiben. So helvetisch war Castorf nie und Dürrenmatt selten: schweizerdeutsche Passagen, ein wenig Alberei mit Schweizer Diminutiven («Gip­feli», «Zipfeli» …), kaum Fremdtext, und wenn, ist er von Dürrenmatt selbst. Einzig Alexander Scheer gestattet sich einen Ausreißer mit einem Song von Gundermann: «Unten in der Kanalisation / da üben schon wieder die Ratten Karate.»

Scheer spielt hauptsächlich den Binnen-Erzähler in Dürrenmatts Roman, einen zunächst halbwegs ambitionierten, jedoch völlig mittellosen Rechtsanwalt mit dem sprechenden Namen Spät, der über den Ambivalenzen von Recht im juristischen und Gerechtigkeit im moralischen Verstand ebendiesen verliert und zum völlig aussichtslosen Mordversuch ansetzt, um auf eigene Faust Gerechtigkeit herzustellen, beziehungsweise was er dafür hält.

Scheer ist dafür insofern eine Idealbesetzung, als er der Figur genau jene jungenhafte Abgebrühtheit mitzugeben weiß, die die Weltverzweiflung naiv hält. «Die Welt wird verschweizern oder untergehen», sagt Dürrenmatt. Späts intendiertes Opfer ist der eigene Auftraggeber, jener Kantonsrat Kohler, der in der «Kronenhalle» vor aller Augen einen Germanistikprofessor erschießt. Er wird verhaftet und verurteilt, im Zuchthaus bestellt er Spät zu sich, um den Fall noch mal aufzurollen unter der Vorgabe, er sei unschuldig.

Kohlers (respektive Dürrenmatts) Trick ist, dass er die Anfangstat dermaßen offensichtlich begeht, dass keiner auf die Idee kommt, auch mal seriös Spuren zu sichern. So lässt sich vor Gericht alles in Uneindeutigkeit auflösen und die Evidenz ins Gegenteil verkehren – was Späts Gegenspieler, der schmierige Staranwalt Stüssi, denn auch zuverlässig durchzieht. Denn Spät ist inzwischen abgesprungen und setzt Kohler fanatisch nach, um an ihm den Sühnemord zu begehen. Bis sich herausstellt, dass Kohlers Tat die raffiniert eingefädelte Vergeltung für eine verjährte Vergewaltigung war – wenn nicht noch Gruseligeres. Dürrenmatt wäre nicht Dürrenmatt, triebe er die Geisterbahn von Recht und Moral nicht immer noch eine aberwitzige Kurve weiter und entzöge jedem ethischen Naturempfinden den Boden. Seine Metapher ist das Billard: «A la bande» lässt er Kohler seinen Plan spielen, die Kugeln rollen indirekt, nach dem Anstoß wie von selbst ins Ziel.

Dürrenmatt und Castorf haben sich eindeutig was zu sagen. Der Regisseur peitscht die Zürcher Darsteller*innen mit Lust in das kriminalistische Dickicht des Romans, in dieses heillose Dürrenmattsche Durcheinander, aus dem keiner heraus findet, am wenigsten der Zuschauer.

Robert Hunger-Bühlers Kohler pirscht sich mit undurchsichtigen Bewegungen an Spät her­an; Nicolas Rosats Stüssi dagegen ist von aufrichtig fröhlichster Skrupellosigkeit. Ueli Jäggi leitet sehr elegant die Schweizer Kriegsgüterindustrie aus der humanitären Tradition ab – Waffen sind doch, recht betrachtet, nichts weiter als verstärkte Prothesen … Es ist frappierend, wie genau Dürrenmatts Analysen auch heute noch treffen, gerade was die Schweiz in ihren wirtschaftlichen Zusammenhängen angeht. 

Ein Highlight sind Jan Bülows monologische Ausführungen zum Thema Mist aus der Bühnenerzählung «Herkules und der Stall des Augias», die wie die meisten Dürrenmatt-Stücke auf eben dieser Bühne im Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde: «Es stinkt in unserem Land, dass es nicht zum Aushalten ist. Der Mist steht so hoch, dass man überhaupt nur noch Mist sieht. Letztes Jahr sah man noch die Hausdächer, nun sieht man auch die nimmer. Wir sind total vermistet. Vermistet. Bis zum Hals. Und drüber. Verdreckt und verschissen, versunken und verstunken.»

Julia Kreusch ist einerseits die obszön grinsende Gartenzwergin, die möglicherweise hinter allem steckt, anderseits sind ihr die eher lyrischen Momente in der allgemeinen Hektik anvertraut mit Passagen aus Dürrenmatts sehr zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Schweizer-psalm-Gedichten – als «Schweizerpsalm» ist die zu Dürrenmatts Lebzeiten eingeführte neue Landeshymne überschrieben – und der biblischen Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin («Wer unter euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein»).

Und Alexander Scheer rollt sich wie eine phi­losophierende Billardkugel durch die Pfützen in der Regengasse. Dürrenmatt hat sich schwer getan mit «Justiz». Er hat den Roman in den 50er Jahren begonnen, dann weggelegt und erst 1985 auf Drängen seines Verlegers für die Werkausgabe fertig gestellt, «ich hatte keine Ahnung mehr, wie ich die Handlung geplant hatte», schreibt er im Nachwort. Manche Widersprüchlichkeit im Text mag damit zusammenhängen; auch der Spagat zwischen satirischer Lokalposse und metaphysischer Erwägung. 

Castorf ist da direkter; zynischer. Die Arbeit hat alle Vorzüge einer Erstbegegnung, «ich kannte den Stoff gar nicht», bekennt Castorf im Programmheft. Er leistet mit der Dramaturgin Amely Joana Haug keine Weiterentwicklung des Stoffs, er hysterisiert ihn nur leicht – und transportiert mithin eine große Lust, sich einfach mal einzulassen auf diesen Dürrenmatt-Kosmos. 

Nach fünfeinhalb verschleißreichen, manisch schweizerischen, loungemusikalisch dafür umso entspannteren Stunden endet der Abend denn auch mit einer berührenden Hommage an den Meister selbst. Das Schlusskapitel von Dürrenmatts Romans ist eine grimmige Welt- und Selbstbetrachtung des Autors unter dem Neuenburger Sternenhimmel. «Ich verlasse mein Arbeitszimmer, das nun leer ist, befreit von meinen Geschöpfen. Halb fünf. Am Himmel seh ich zum ersten Mal den Orion. Wen jagt er?» Ueli Jäggi spricht es mit Dürrenmatt-Akzent. In diesem singenden und näselnden Dürrenmatt-Deutsch. Und in keinem Moment ist sie so greifbar an diesem Abend wie hier: die existentielle Verdrossenheit Dürrenmatts, sein beißender Hohn. Das sardonische Lachen. Castorf inszeniert ihm dazu einen Schlaganfall.

Andreas Klaeui

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