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Rezensionen 31. Mai

Basel: Richard Wherlock «The Comedy of Error(z)»

Am 30. Mai, 2., 10., 14., 16., 18., 22. Juni im Theater

Ein neues Kapitel der Shakespeare-Rezeption schlägt Richard Wherlock mit seinem Ballett nach der «Komödie der Irrungen» auf. Die Handlung dreht sich um zwei Zwillingspaare, die bei einem Schiffbruch getrennt werden und zwanzig Jahre später in derselben Stadt wieder auftauchen. Herr und Diener haben je einen Doppelgänger. Der zugereiste Antipholus (Max Zachrisson) wundert sich, warum ihn offenbar jeder kennt und von ihm eheliche Pflichten eingefordert werden, obwohl er nicht verheiratet ist. Sein in Ephesus ansässiger Zwillingsbruder (Jorge García Pérez) ist ein unglücklich verheirateter Mann, der die meiste Zeit bei seiner Geliebten verbringt. Das Verwirrspiel wird auf die Spitze getrieben, wenn die Doppelgänger im Laufschritt auf- und abtreten und keiner mehr weiß, wie viele von ihnen es wirklich gibt.

Wherlock versucht den Spagat zwischen modernem Ballett und großformatigem Tanz-Musical. Er schrammt mitunter scharf am Kitsch vorbei, die Gesamtwirkung aber ist grandios. Die Musik, meist ein süffiger Cocktail, stammt vom britischen Filmmusik-Duo Antony Genn und Martin Slattery. Den stärksten Eindruck hinterlassen die perkussiven Passagen, in denen die Tänzerinnen und Tänzer mit Stöcken an Metallwände schlagen.  Bei den Kostümen von Catherine Brickhill wähnt man sich in einer Fashion-Show. Eine dekadente Jeunesse dorée räkelt sich auf den Stufen eines Amphitheaters. Goldstaub rieselt auf muskulöse Oberkörper herab.  Ein Modeschöpfer (Frank Fannar Pedersen) stolziert im schwarzen Outfit über die Bühne und sieht mit seinem Schnauzbart wie ein hünenhafter Freddy Mercury aus. Mitten hinein in diese Show-Welt werden Flüchtlinge gespült. 

Wherlock inszeniert in seinem Ballett nicht nur Shakespeares Verwechslungskomödie, sondern auch ein heutiges Flüchtlingsdrama: Eine Familie wird getrennt, ein Vater sucht seine verlorenen Söhne. Die Leichtigkeit der Komödie bleibt hier auf der Strecke. Während die Schiffbrüchigen ums Überleben kämpfen und in Käfigen repetitive Bewegungsmuster ausführen, grenzen sich die Bürger selbstzufrieden gegen die Hungerleider in den orangefarbenen Schwimmwesten ab. Doch bald wird auch der Einheimische fremd im eigenen Land. Indem die Bürger von Ephesus sich mit Zäunen gegen die unerwünschten Ankömmlinge schützen, sperren sie die Fremden aus und sich selber ein. Dabei entpuppen die Fremdlinge sich als die verloren gegangenen Zwillingsbrüder, und so findet die getrennte Familie trotz Verständigungsschwierigkeiten wieder zusammen. Wir sind eben alle Gestrandete und laut Shakespeare Wassertropfen, die im Ozean nach einem anderen Tropfen suchen. Glücklich die Paare, die in den packend getanzten Pas de deux zueinander finden. Wer nicht sucht, der nicht(s) findet.

Martina Wohlthat

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