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Rezensionen 14. Juni

Foto: Reinhard Werner

Wien: Pollesch «Deponie Highfield»

Am 15., 17., 18., 19. Juni in der Akademie

Der Diversity-Diskurs hat das Wiener Burgtheater erreicht: Eine der sieben lebensgroßen, täuschend echt aussehenden Lipizzanerskulpturen, die Katrin Brack auf die Greenscreen-Bühne des Akademietheaters gestellt hat, ist braun. Vielleicht ist das Tier noch nicht ganz «ausgeschimmelt» (die meisten Lipizzaner werden erst mit rund sechs Jahren richtig weiß), vielleicht gehört es zu der neunprozentigen Minderheit, die sich ohnehin nie in einen Schimmel verwandeln und deshalb in der Hofreitschule nichts zu suchen hatten. Wie auch immer, die bühnenbildnerische Anspielung auf das kaiserliche Ausbildungspferd der Habsburgermonarchie wird gegen Ende von René Polleschs gefühlt siebzigster Eigeninszenierung noch einmal aufgegriffen, und zwar mit Blick auf die fünf Elitespieler*innen des Burgtheaters, die rund anderthalb Stunden auf den Rücken oder zu Hufen der Zuchttiere posieren.

«Deponie Highfield» kehrt immer wieder zu der Kathi Angerer in den Mund gelegten Beobachtung zurück, dass sie ihre große Liebe zwei Tage nach der Trennung schon wieder restlos vergessen habe. Ums Vergessen oder vielmehr Bewahren kreist auch die Wissenschaftskritik der feministischen Denkerin Donna Haraway, die in ihrem jüngsten Werk «Unruhig bleiben» andere als die nur menschliche Lebensform ins Zentrum ihres Denkens rückt. Sie schreibt damit gegen einen immer noch weiß, männlich, heterosexuell dominierten Humandiskurs des Westens an, in dem das Wissen von Frauen und Indigenen (oder Tieren) als Anekdoten abgestempelt werden, weshalb sie «nicht mit am Tisch sitzen dürfen» und schnell in Vergessenheit geraten. «Lieber Anthropomorphismus als Academicomorphismus!», schnurrt Angerer. Und schon sind wir bei altbekannten Polleschfragen nach dem Verhältnis von Macht und Repräsentation. Denn nur wer die Macht hat, wird nicht vergessen, bleibt (auch auf der Bühne) repräsentiert.

Neben Kathrin Angerer schwingen sich Birgit Minichmayr, Irina Sulaver, Caroline Peters und Martin Wuttke in die Sättel und bequatschen die Herrschaftskritik à la Haraway-Pollesch abwechselnd mit aufbrausender Dramaqueenattitüde oder blasierter Beiläufigkeit, als sprächen sie über Pferdewetten und Reitermoden. Letztere sind übrigens exquisit: Tabea Braun hat eine*n jede*n zu ihrem Vorteil mit schwarzen Rüschenhemden und pferdegeschirrbedruckten Hermèsblusen, knallengen oder lockerweiten Hosen sowie Cowboyhüten bestückt, und dass sich selbst auf streichholzdünnen 12-cm-Heels ein Pferd besteigen lässt, wissen wir jetzt dank Birgit Minichmayr auch. 

Ganz kurz vor Ende der Show gibt es noch mal einen aufwendigen Kostümwechsel. Alle erscheinen nun in prächtigstem Weiß, Spitze, Seide, feinstes Tuch, die bestdressierten Spieler*innen des Burgtheaters, voll ausgeschimmelte Kulturgüter im Glamourhabit. Dafür zielen die Jokes ein paar Etagen tiefer: aus «Lipica» wird «Ibiza», haha, und Martin Wuttke konstatiert mit bestechender Logik: «Eben habe ich meine Line auf dem Lipizzaner gezogen, und jetzt ist sie weg!» Überhaupt geht es in dieser wie in vielen anderen Pollesch-Inszenierungen immer auch um den coolen Look, Repräsentation ist schließlich kein Grabbeltisch. Fast egal, was dabei aus den glorreichen Fünf bis Sieben herausblubbert: Hauptsache, die Pferdchen traben hübsch ihre Runden. Und das tun sie auch, mit gefaketem Galoppruckeln im Sattel und ironischen Salutschüssen in die Luft. 

Stellt sich höchstens die Frage, was daran noch subversiv sein soll? Vor zwanzig Jahren war Polleschs Repräsentationsfrage eine campy Theorie-Bombe, die am Rande des überaus männlichen Volksbühnenbetriebs platzte. Mittlerweile diversifizieren und reformieren sich viele Bühnen aber tatsächlich, und wenn Pollesch mit seinen voguestreckenkompatiblen Star-Inszenierungen demnächst tatsächlich die Volksbühne übernehmen sollte, muss er aufpassen, dass seine Kunst nicht nur noch schickimicki wirkt.

Eva Behrendt

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