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Zum Glück im Ensemble?

Glanz und Elend der Schauspielkünstler

Glückliche Tage! Wenn man Peter Simonischek zuhört, wird einem warm ums Herz. Von St. Gallen über Bern und Düsseldorf an die Berliner Schaubühne und dann weiter ans Wiener Burgtheater. Aus der Fläche an die hochbegehrten Bühnen, an großen Rollen und prominenten Regisseuren wachsen, eine Stadttheater-Karriere nach Maß. Dazu gehörte natürlich auch jede Menge Selbstaufgabe, der Verzicht auf Privatleben, die Unterwerfung unter mal elegantere, mal brutalere Autoritäten wie Peter Stein oder Andrea Breth. Dafür entschädigten aber ein produktiver Ensemble-Familiengeist, recht gute Gagen und lebenslanges Schauspieler-Lernen unter ähnlich Gesinnten, auch wenn es mit der Filmkarriere am Ende aus Dispositionsgründen etwas hapert. Peter Simonischek kann auf ein erfülltes Ensembleschauspielerleben zurückblicken. Gratulation!

Allerdings war so ein Leben schon immer beschränkt auf die happy few, die zudem in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten immer weniger wurden. Gab es in der Spielzeit 1991/92 noch 3.097 «abhängig beschäftigte Schauspieler» (so heißt das in der Statistik des Deutschen Bühnenvereins), waren es fünf Jahre später nur noch 2.707. Die nächsten zehn Jahre bis 2006/07 ging es noch wesentlich steiler bergab auf 2.059 und in der letzten verfügbaren Zählung 2016/17 stehen nur noch 1.867. Macht nach zweieinhalb Jahrzehnten mit immer wiederkehrenden Sparrunden per Saldo 40 Prozent Stellenschwund. Dabei ist es nur ein schwacher Trost, dass sich die Verluste zuletzt etwas abgeflacht haben und der heftigste Abschwung in den frühen Nuller Jahren stattfand, als ausgerechnet der SPD-Kanzler Gerhard Schröder seine neoliberalen Reformen durchboxte.

Im Ergebnis deprimiert aber nicht nur die reine Abnahme der Beschäftigungsmöglichkeiten, es verschiebt sich auch das Machtgefüge innerhalb der Häuser. Das Druckmittel des Intendanten ist vor allem, den Schauspielervertrag jährlich auslaufen zu lassen, wie es der Standard-Tarifvertrag erlaubt; die mögliche Gegenwehr des (beliebten) Schauspielers besteht in der Chance, sich rasch an ein (hoffentlich) besseres Theater zu verabschieden. Je geringer aber diese Ausweichmöglichkeiten werden, desto willfähriger muss der Darsteller werden, wenn er im Job überleben will. Kurz und quantitativ: Die Macht der Theaterleiter gegenüber ihren Ensembles ist in den letzten 25 Jahren durchschnittlich um 40 Prozent gewachsen. Denn an Nachwuchs mangelt es nie: Allein über ein Dutzend staatlicher Schauspielschulen (und unzählige private, aber das wäre ein anderes Thema) sorgen jedes Jahr für gut 200 bestausgebildete Absolventen, die nur darauf brennen, alle Lücken schnellstmöglich zu füllen. 

Solche Druckmittel sind allerdings auch nötig, um die Ensemblereihen fest geschlossen zu halten, denn die Erwartungen an ein erfülltes Leben haben sich erfreulicherweise in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Sozialpraktiken wie öffentliche Demütigungen auf Proben, Anschreien und Macho-Verhalten beiderlei Geschlechts sind auch unter Kunstverdacht nicht mehr akzeptiert. Frauen haben verständlicherweise zunehmend keine Lust mehr, zugunsten der Karriere auf Kinder zu verzichten oder sich als alleinorganisierende Mütter tagtäglich mit wechselnden Probenplänen herumzuschlagen, um einen Gutteil ihrer Gage in Babysitter zu investieren. Es soll inzwischen auch Männer geben, die sich mit ihren Nachkommen beschäftigen wollen, und selbst wer kinderlos bleibt, möchte sein Leben nicht auf Jahre ausschließlich zwischen Black Box, Probebühne und Kantine verbringen. 

Außerdem hat sich herumgesprochen, dass ein Leben fürs Theater, das letzten Endes ein Leben im Theater ist, zwar den Berufsschauspieler ausmacht, aber eben auch eine reichlich verzerrte Weltwahrnehmung mit sich bringt. Und da der Ensembleschauspieler bekanntlich die ganze Welt repräsentieren will/soll und darüberhinaus – gerade in Deutschland – auch noch eine moralische Anstalt vertritt, kann das schnell zu ernsthaften Glaubwürdigkeitsproblemen führen. Wenn man betrachtet, auf welche Weise viele Ensembletheater heute funktionieren, müsste man schon deshalb ihren Leistungsträgern mindestens alle fünf Jahre ein Jahr bezahlten Urlaub spendieren: sozusagen ensemblefrei für weltliches Erfahrungssammeln.

Hinzu kommt die immanente Sinnkrise der darstellerischen Repräsentationsfunktion. Die deutschen Theater sind eine feudale Erfindung, die alsbald bürgerlich gekapert wurde, aus den Hof- wurden Stadttheater. Deren Grundimpuls war tatsächlich zunächst subversiv – zumindest in Form kleiner Fluchten: Man nehme eine überschaubare Gruppe von Menschen, mehr oder weniger wie du und ich, die sich auf der Bühne allabendlich durch die verschiedensten Figuren der Weltliteratur spielen und fühlen. Und die sich damit erlauben, was dem fleißigen, sesshaften Bürger im Publikum mit seiner angewachsenen Charaktermaske nicht gestattet war: Sich auszuleben in Vielfalt, Veränderung, Besonderung – und dabei im Kern doch der oder die Gleiche zu bleiben. Alles dem Publikum dargereicht mit der Einladung zur teilnehmenden Identifizierung: bürgerlich-antibürgerlich.

Daran haben die soziale Entwicklung in der Spätmoderne und der Wertewandel in der Folge von ’68 heftig gerüttelt. Die ehedem bürgerlich-romantischen Künstlerwerte – Freiheit, Selbstausdruck, Kreativität, Mobilität, Wandlungsfähigkeit und Risikobereitschaft – sind Insignien einer flexiblen Mittelschicht und unter dem zunehmenden wirtschaftlichen Druck in einer globalisierten Konkurrenz-Ökonomie allgemeingültig geworden. Der noch vor 30 Jahren gegenkulturelle Künstler ist in einem schleichenden Prozess zum neoliberalen Musterschüler geworden. Und dafür soll man dann als Zuschauer abends ins Theater gehen und Geld bezahlen? Um sich das eigene Elend in Form des durchliberalisierten Ensemblespielers zu gönnen? 

Die Gewinner dieser Entwicklung sind Kollektive und Performer. Die Kollektive halten den Zumutungen der gesteigerten Individualisierung die Solidarität einer Gemeinschaft entgegen, die sich wenigstens intern jenen Schutzraum gewährt, den die Gesellschaft verweigert. Die Performer nutzen das zeitgemäße Ich-Ideal einer unantastbaren, widerstandsfähigen Authentizität, des energiesprühenden Menschenkraftwerks, das durch nichts und niemand von seinem Selbstgefühl abzubringen ist. Man denke dabei ruhig an Frank Castorfs Volksbühnen-Ensemble, das sich auch von wiederholten Kreuzbandrissen nicht von seinem eigensinnigen Weg abbringen ließ. 

Und noch ein weiteres dissidentes Merkmal der deutschen Stadttheaterkunst gibt es kaum mehr: Die Bühne, das Schauspiel als kreativer Freiraum, als Refugium gegen alle Zumutungen des instrumentellen Handelns und Effizienzdenkens. Wenn, wie der gerade hochgehandelte Regisseur Ersan Mondtag neulich im Berliner «Tagesspiegel» beklagte, durchschnittliche Probenzeiten selbst in größeren Häusern von einst drei Monaten auf sechs Wochen geschrumpft sind, dann kann von freiem Spiel und «Probe» im Sinn von «Ausprobieren» (und möglicherweise Verwerfen) kaum noch die Rede sein. Die Notwehr dagegen heißt «Regiekonzept» – und das muss möglichst reibungsfrei durchgezogen werden. 

Das Theater, so beklagte Peter Simonischeks Zürcher Kollege Robert Hunger-Bühler neulich in einem Gespräch mit der «Neuen Zürcher Zeitung», sei zu einem «Durchlauferhitzer» geworden: «18 eigene Produktionen, dann noch ein paar Fremdproduktionen, zum Schluss sind das pro Jahr – sagen wir mal – zwei Dutzend Stücke. Nach 15 bis 20 Aufführungen pro Stück ist dann der Spuk jeweils vorbei.» Das sei mit einem Wort: «Tödlich!»

Mittlerweile beugen sich auch die entschiedensten und dabei durchaus glaubwürdigen Anwälte des Ensemblegedankens der Übermacht der Strukturen. Oliver Reese, Intendant am Berliner Ensemble, der vor zwei Jahren noch im Gespräch mit dieser Zeitschrift das Ensembleprinzip glühend verteidigt hat und dem Gastschauspieler-Unwesen programmatisch abschwören wollte, beschäftigt in der nächsten, seiner dritten Spielzeit laut Vorschau genau 26 Ensemblemitglieder und 71(!) Gäste. Klingt alles nicht sehr gut. 

Aber wo glüht das Überlebens- und Hoffnungs-Lämpchen für das hochgelobte deutschsprachige Ensembletheater? Paradoxerweise doch trotz aller schmerzhaften Sparrunden wieder in der Ökonomie. Denn – man rechne ruhig nach – es gibt nichts Billigeres als ein mindestens anderthalbdutzend Köpfe starkes, selbstausbeutungsbereites, spielwütiges und notorisch unterbezahltes Schauspielerensemble, wenn man die vielen in deutschen Städten in bester Lage platzierten Schauspielkunsttempel tatsächlich am Brummen halten will. 

Mit knapp 20 Schauspielern lassen sich bei vier Rollen im Jahr und mit geschickter Disposition an die 20 Eigenproduktionen stemmen (Matineen und Rahmenprogramme nicht mitgezählt), die dann gut 250 Spieltage – täglich außer montags und sechs Wochen Theaterferien – bestücken. Jeder Gastspielbetrieb käme auf den Tag und Zuschauer gerechnet deutlich teurer, und die Häuser stünden trotzdem die meiste Zeit geschlossen am Marktplatz. Nach zehn Berufsjahren haben die jungen Talente dann zwar oft verständlicherweise die Nase voll und wechseln zu Film und Fernsehen. Macht aber nichts. Es warten immer genügend bühnenhungrige Schauspielabsolventen für die nächste Runde. Glückliche Tage!

Franz Wille