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Der Mozart der Champs-Élysées

Am 20. Juni wird Jacques Offenbach 200

Dass Jacques Offenbach jenseits der allbekannten Repertoirestücke «Pariser Leben», «Hoffmanns Erzählungen» und «Orpheus in der Unterwelt» über 600 Werke geschrieben hat, ist kaum bekannt: Ballettmusiken, geistliche Musik, Kantaten, Opern, Kammermusik, Symphonisches, Konzerte und Lieder. Bis heute haftet seinem Oeuvre – sehr zu Unrecht – ein touristisches und schlüpfriges Image seichter Musik an. Dabei ist Offenbachs außerordentlich einfallsreiche Musiksprache geschult an Mozart, Schubert und den großen Meistern der französischen Opéra bouffe, sie besticht durch superbe Orchestrierung und zuweilen frappante Harmonik. Seine intelligenten, von parodistischem Witz, Ironie und Satire durchzogenen Partituren balancieren virtuos zwischen Melancholie und Posse, Romantik und tänzerischer Ausgelassenheit.

Jakob Offenbach war aufgewachsen im Judenviertel der katholischen Stadt Köln, er war ein Wunderkind des Cellospiels. Seine Begabung war so offenkundig, dass sein Vater, der Synagogenkantor und Musiklehrer Issac Offenbach, beschloss, sein Sohn müsse an der ersten Adresse, in Paris, studieren. 1833 spielt der 14-Jährige dem berühmten Komponisten Luigi Cherubini vor, und der ist so begeistert, dass er den Jungen auf der Stelle ins altehrwürdige Conservatoire aufnimmt. Jacques, wie er nun heißt, bringt eine Vorbildung mit, die nicht konträrer sein könnte: Er ist vertraut mit dem Synagogengesang seines Vaters, und beim Kölner Theatermusiker und Karnevalskomponisten Bernhard Breuer hat er die Musik des Karnevals studiert. Beste Voraussetzungen, einmal zum «Heinrich Heine des Pariser musikalischen Unterhaltungstheaters» zu avancieren. Zunächst aber verdient sich Offenbach seinen Lebensunterhalt als Cellist bei wechselnden Theatern- und Konzertorchestern. Drei Jahre lang spielt er im Orchester der Opéra-comique. Nebenher musiziert er in den Salons als Cellovirtuose. 1849, nach einem Jahr in Köln, wird er Schauspielmusik-Komponist und Dirigent an die Comédie-Française. Ein erster Schritt.

Am 2. Dezember 1853 lässt sich Prinz Louis-Napoléon, ein Neffe Napoléon Bonapartes, zum Kaiser krönen. Und schnellstens sorgt er für alt-neuen napoleonischen Glanz. Die Theater spielen wieder. Opern und Komödienhäuser, Zirkusarenen, Restaurants und Konzert-Cafés erstrahlen heller denn je im Licht der neuen Gasbeleuchtung. Vorhänge, Plüsch, Spiegelzauber breiten sich aus. Paris wird zur Börse und zum Schaufenster Europas. Die Stunde Offenbachs hat geschlagen. 1855 eröffnet Offenbach sein erstes eigenes Theater, die „Bouffes-Parisiens“. Kurz zuvor hat Kaiser Napoléon III. eine erste Weltausstellung angekündigt – nach dem Vorbild der Monsterschau in London. Auf dem Marsfeld, am Rande der Champs-Élysées, soll sie stattfinden, dort baut man einen „Industriepalast“, der die Maschinen und Bildwerke aus aller Herren Länder aufnehmen soll. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich die heruntergekommene Salle Lacaze, in der ein Zauberer und Taschenspieler einst seine Künste gezeigt hat. Freunde machen Offenbach auf die Bretterbude aufmerksam. Jeder Ausstellungsbesucher muss auf dem Weg zum Industriepalast daran vorbei.

In Windeseile wird eine Kommanditgesellschaft ins Leben gerufen, Offenbach wird Autor und künstlerischer Direktor seiner Bühne, die der steinreiche Henri de Villemessant sponsort, ein schillernder Börsen- und Industriemakler, Verleger von Modejournalen und eine der typischen Parvenu-Erscheinungen des Zweiten Kaiserreichs. Am 31. Mai bestätigt ein Dekret des Ministers die Theatergründung. Es wird Offenbach am 4. Juni ausgehändigt und erlaubt Pantomimen, Harlekinaden mit fünf, komische musikalische Szenen mit zwei oder drei Personen, physikalische und andere Taschenspielereien, chinesische Schattenspiele, Tricks und Seltsamkeiten aller Art, Tänze mit höchstens fünf Tänzern, Lieder von einer oder zwei Personen mit oder ohne Kostüm vorgetragen.

Inzwischen wird die Weltausstellung eröffnet. Paris wird, wie erwartet, von Fremden aus allen Ländern überflutet, die Ball-Lokale, die Café-Konzerthäuser und Theater sind überfüllt. 52 Tage nach Beginn der Ausstellung findet die erste Aufführung in Offenbachs Bouffes-Parisiens statt. Die Gäste der Weltausstellung, darunter viel angereiste Prominenz, strömen in sein Miniaturtheater, das meist ausverkauft ist. Der Einakter Les deux Aveugles – Offenbach nennt diese «beiden Blinden» eine «Musiquette» – wird zum beispiellosen Erfolg, der die Institution der Bouffes auf Anhieb etabliert. Das Weltausstellungs-Publikum klatscht und schreit vor Vergnügen, wenn zwei Komiker als Bettler auf einer Pariser Brücke Posten beziehen und sich singend um ihren Brückenplatz streiten, gestern Lahme, heute Blinde, und das Publikum mit lachendem Spott, mit scharfer Ironie und desillusionierenden Alltagswahrheiten unterhalten. Mehr als vierhundert Mal wird das Stück aufgeführt.

Immer neue Einakter schreibt Offenbach nun in geradezu schwindelerregender Schnelligkeit. Ländliche Idyllen wechseln sich ab mit komischen Duoszenen, Parodistisches mit Sentimentalem, Freches mit Romantischem. Offenbach, mittlerweile eine Institution, eröffnet am 29. Dezember 1855 ein neues, größeres Theater in der Passage Choiseul. Es ist ein ehemaliges Zauber- und Kindertheater, das er renoviert und zu seinem neuen winterfesten Haus macht. Die alte «Bonbonniere» bleibt Sommerspielstätte, für sie hat man ihm inzwischen auch zweiaktige Operetten erlaubt. Bis 1858 schreibt Offenbach mehr als dreißig Stücke, die er selbst inszeniert. Aber er bittet auch Komponistenkollegen wie Bizet, Lecoque, Adam und Rossini um Beiträge.

Am 3. März 1858 fallen endlich alle beengenden Vorschriften für Offenbach. Er darf beliebig viele singende und sprechende Personen auftreten lassen und kann sein Ensemble aufstocken. Sein erstes abendfüllendes Stück hat am 21. Oktober 1858 Premiere: Orpheus in der Unterwelt. 228 Tage lang wird es allabendlich – vor ausverkauftem Haus – gespielt. Auch vor dem Kaiser und seinem Hof. Die Mischung aus Mythen- und Opern-Parodie, Satire auf die Regierenden, Karikatur der durch Polizei, Zensur und öffentliche Meinung eingeengten Gesellschaft, dazu die melodisch wie rhythmisch mitreißende Musik, macht den Erfolg der Offenbachiade aus. Offenbach schreibt ein Stück nach dem anderen. Er hat die besten Librettisten von Paris (Halévy, Meilhac, Crémieux) an seiner Seite und schreibt nicht nur Einakter, sondern auch umfangreiche Werke, die er «Opéra-bouffe», «Opéra-comique», «Große romantische Oper», «Operette», «Revue», «Bouffonerie», «Opéra-féerie» und «Opéra-fantastique» nennt, darunter einige ausgewachsene Opern. Der Erfolg steigt ihm zu Kopfe, er gewöhnt sich an Luxus, seine Genusssucht, sein Lebenswandel, sein Theater, die kostspieligen Ausstattungen verschlingen Unsummen. Mehr als einmal kommt er dem Bankrott nahe. Doch Offenbach ist aus dem Vergnügungskalender der Stadt Paris nicht mehr wegzudenken.

Mit der Opéra-bouffe «Pariser Leben» bringt Offenbach am 31. Oktober 1866, ein knappes halbes Jahr, bevor der Kaiser am 12. April 1867 die zweite Pariser Weltausstellung eröffnet, seine Hymne wie Satire auf das Zweite Kaiserreich und seine Metropole heraus. Er stellt die Eisenbahn, das sichtbarste Zeichen fortschreitender Industrialisierung, schon im ersten Bild des Straßburger Bahnhofs auf die Bühne. Scharen von Fremden und Gästen kommen nach Paris. Sie alle wollen sich amüsieren. Offenbach reißt Pariser Lebemänner und Nichtsnutze, Zeitungsverkäufer und Handschuhmacherinnen, reiche Müßiggänger und arme Bedienstete, Lebedamen und Aristokraten, Halbwelt und Demimonde, Millionäre und Neureiche, Habenichtse wie Möchtegerne in einen wilden Strudel aus pariserischem Can-Can wie spanischem Bolero, Tyrolienne-Anleihen und bayerischen Schnadahüpferln. Ein turbulentes Spiel, in dem die Grenzen zwischen Schein und Sein, gesellschaftlichem Oben und Unten sich verwischen, ein heiterer Zerrspiegel einer Gesellschaft, deren Auf- und Ablösung sich schon abzeichnet.

Der enorme Erfolg Offenbachs basiert auf der Hellhörigkeit des musik- und unterhaltungssüchtigen Publikums für subversive Zwischen- und Untertöne. Die sozialkritischen Mythentravestien, die Karikaturen gesellschaftlicher Typen, die geistreichen Parodien Offenbachs treffen auf offene Ohren eines zwischen Unterdrückung und Freiheit, Glanz und Abgrund tänzelnden Publikums. Wohl nur in prunk- und theatersüchtigen Zeiten, in repräsentationslüsternen Diktaturen mit Zensur und Volksunterdrückung können Genies wie Offenbach und Mozart gedeihen. Nicht ohne Grund nannte Rossini seinen Kollegen und Freund den «Mozart der Champs-Elysées». Mit dem Zweiten Kaiserreich ist Offenbach groß geworden; in die Jahre zwischen den beiden Pariser Weltausstellungen von 1855 und 1867, die Jahre diktatorialer Macht Napoléons III., fällt sein beispielloser Erfolg.

1870 bricht der Deutsch-Französische Krieg aus und stürzt zwei Großmächte: das zweite französische Kaiserreich und die Weltherrschaft der Offenbachiade. Für die Deutschen wird Offenbach plötzlich zum Vaterlandsverräter, für die Franzosen zum Feind. Offenbach ist verzweifelt und niedergeschlagen. Ohnehin zunehmend von Gicht, Rheumatismus und Kurzsichtigkeit gequält, flieht er ins Exil. Über Italien geht die Reise nach Wien, wo er 1864 einen seiner spektakulärsten Opernerfolge gefeiert hat: mit der romantischen Oper «Die Rheinnixen». Um sie herauszubringen, hatte man nach über 90 Proben schließlich Wagners Tristan-Uraufführung geopfert – mit der Begründung, das Werk sei unaufführbar.

Seine Familie erwartet das Kriegsende im spanischen Seebad San Sebastián. Als Offenbach 1871 nach Paris zurückkehrt, findet er die Seine-Metropole völlig verändert. Die Stadt hat eine schlimme Belagerung mit grausamer Hungersnot, sie hat die Tage der Kommune hinter sich, den blutigsten Bürgerkrieg, den Paris in diesem Jahrhundert erleben sollte. Schlimmer ist für Offenbach der Wandel der öffentlichen Meinung. „Die Operette ist ein öffentliches Übel, man sollte sie erwürgen wie ein schädliches Tier“, formuliert es der Romancier Émile Zola später in seinem Roman Nana.

Offenbach, wenn auch krank und sichtlich gealtert, lässt sich davon nicht beirren. Er bringt endlich seinen durch den Krieg verhinderten Roi Carotte heraus. Die ganz auf Revue und Ausstattung setzende Premiere im Théâtre de la Gaîté wird ein rauschender Publikumserfolg. Es ist ein eminent politisches, brandaktuelles Stück, und im Publikum sitzen Republikaner und Monarchisten, Gestrige und Zukünftige. Offenbach übernimmt das Haus schon bald in Eigenregie. Und er komponiert fleißig weiter, nicht nur für sein eigenes Haus, sondern auch für das Pariser Renaissancetheater, das Variété La Boulangère, aber auch für Londons Theater. Doch seine Gesundheit verschlechtert sich dramatisch. Die inzwischen entstandene Operetten-Konkurrenz setzt ihm zu. Schließlich geht er mit dem Théâtre de la Gaité pleite. Offenbach, inzwischen Mitte 50, opfert sein ganzes Vermögen, verpfändet auf Jahre seine Autorenrechte, vermietet seine Villa. Eine Gastspielreise nach Amerika 1876 wird einer seiner größten Triumphe, er hilft ihm moralisch und finanziell wieder auf die Beine. Zur Weltausstellung zwei Jahre später bringt er einige seiner erfolgreichsten Stücke in neuen Fassungen heraus.

Die letzte Premiere, die er noch erlebt, ist sein Opus 100, La Fille du Tambourmajor. Diese Opéra-Comique ist im Grunde eine Neufassung der Regimentstochter von Donizetti, in der Offenbach Étienne-Nicolas Méhuls patriotischen Chant du départ zitiert. Das fanfarenschmetternde Finale provoziert geradezu den frenetischen Beifall des Pariser Publikums. Seine beiden letzten Jahre widmet er – tagelang von heißen Grog mit Branntwein lebend und in Pelze gehüllt – seinem Schwanengesang, der unvollendet bleibt. Jacques Offenbach stirbt am 5. Oktober 1880. Zwei Tage später, vier Monate vor der triumphalen Uraufführung von Hoffmanns Erzählungen, wird er auf dem Cimetière de Montmartre zu Grabe getragen.

Dieter David Scholz