Inhalt

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Werden Sie Abonnent des TheaterMagazins
  • Aktuelle TheaterMagazin-Artikel online lesen
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv (ab Oktober 2017)

Sie können alle Vorteile des Abos sofort nutzen

We are family

Tanzensembles zwischen Kuschelkurs und Konkurrenz

Egal, welcher Ballettstar über sich Auskunft gibt, eine Erkenntnis blitzt so gut wie immer auf, meist als Kompliment verpackt: «Ohne das Corps de ballet wäre ich aufgeschmissen – thank you, dear colleagues!» Wohl wahr, je heller die kollegiale Korona strahlt, umso mehr funkeln und glitzern die Topsolisten in ihrer Mitte. Eine solche Entourage für das Zentralgestirn können sich allerdings nur Stadt- und Staatstheater leisten. In der freien Szene, die überwiegend zeit- und projektweise kleindimensionierte Bündnisse schmiedet, bleibt der Ensemblegeist eine flüchtige Erscheinung, aus Kostengründen, versteht sich.

Wer zum Tanzschwarm gehört, führt jede Drehung, Hebung, Bewegung idealerweise synchron mit Seinesgleichen aus. Hin und wieder zieht der eine oder andere ein Solo an Land, wird von Choreografin XY aus dem Pulk herauspickt und überraschend in die erste Reihe geschoben. Solche Wunder ereignen sich bisweilen auch in der Hochburg der Traditionskunst, im Ballett, das in punkto Rollen, Regiment und Repertoire dem Fortschritt zeitgenössisch orientierter Kollektive hinterherhinkt. Nicht von ungefähr regiert im klassischen Sektor häufig noch die patriarchale Hand (durchaus: des älteren weißen Mannes).

Der Ensembleaufbau sieht nahezu überall gleich aus: An der Spitze der Pyramide steht der Künstlerische Leiter (bisweilen auch die Leiterin), gestützt auf ein Team aus Betriebsdirektion, Ballettmeistern und Dramaturgie. Darunter rangieren die Bühnenkünstler und -künstlerinnen, gestaffelt von oben nach unten, sprich: E bis E (Erste Solisten bis Eleven, die frisch von der Schulstange weg erste Berufserfahrungen sammeln). Inzwischen sind etliche Kompanien dazu übergegangen, das Gefälle zumindest auf dem Papier einzuebnen. Vor allem an kleineren Häusern werden vorzugsweise Solistenkontrakte geschlossen, weil diese mehr Dispositionsfreiheit einräumen als ein Gruppenengagement im Rahmen des «Normalvertrag Bühne». 

Die Vertragsausgestaltung ist ein heikles Thema. Viele Tänzer unterschreiben Vereinbarungen, die sie – Stichwort: deutsche Sprachbarriere – nicht verstehen. Wer je einen Ballettsaal betreten hat, der weiß: die lingua franca des Tanzes ist Englisch. Mit gutem Grund: Keine andere Sparte ist so international, multikulturell und divers aufgestellt. So gesehen, taugt der Tanz ganz gut als gesellschaftliches Integrationslabor. Unter seinem Dach treffen wildfremde Menschen aufeinander, um jenseits aller Wertefragen ein gemeinsames Ziel anzupeilen – sei es die nächste Premiere, sei es die kommende Spielzeit. Längst findet hier statt, was die Theaterschwester Schauspiel noch ausprobiert: die muntere Verwirbelung von Hautfarben, Ethnien, Nationalitäten, Stilen, Körpern, Identitäten, Sexualitäten etc. pp. Das Ergebnis ist eine so bunte wie vielfältige Ensemblekultur. 

Zweifelsohne ist es dafür von Vorteil, dass tänzerische Beredtheit ohne Worte auskommt. Dass Arme, Beine und Köpfe sich ohne Zutun der Stimme verständigen und gemeinsame Schwingung anstoßen können – bis hin zur artistischen Perfektion eines vielgliedrigen und vielköpfigen «Corps de ballet». 

Wo der Sprechakt nachrangig ist, gilt allerdings auch persönliche Mündigkeit nicht allzu viel. Tänzer, die Ansprüche anmelden und dissidente, gar direktionskritische Ansichten vertreten, gelten in Windeseile als Querulanten und Aufrührer. Übertragen auf ein familientherapeutisches Setting: als «schwarzes Schaf» im Stall. In der Tat pflegen Tanzkompanien häufig familienähnliche Strukturen, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Man lebt tagein, tagaus miteinander, teilt Garderoben, Training und Freizeit – en passant kommen Ehen, Partnerschaften und Kinder zustande. In jedem Fall ist Zusammenhalt ein Gegengift, mit dem sich die heftigsten Auswirkungen des enormen Konkurrenzdrucks in Schach halten lassen. Schon auf manchen Auditions drängeln sich hunderte von Bewerbern, die um ein, zwei, drei freie Plätze rivalisieren. Wer den Job ergattert, muss weiterkämpfen. Um Rollen, Auftritte und Aufstiegschancen. Der Alltag führt oft beinhart zum physischen Limit – Absturz durch Krankheit, Unfall, Ermüdungsverletzung jederzeit möglich. 

Dass ein stolzes Schwanenmädchen in der Kulisse kollabiert, sein Prinz später auf allen Vieren ins Bett krabbelt, das gehört zum Geschäft. Zwar ist die medizinische und physiotherapeutische Begleitung der zusehends athletisch auftrumpfenden Tanz-Asse besser denn je (zumindest an größeren Häusern). Aber umgekehrt haben Dehnung, Spreizung, Sprungkraft quasi olympische Ausmaße erreicht: Tanz ist Hochleistungs- und Mannschaftssport zugleich. Eine fesselnde Vorstellung geht mit totaler Verausgabung einher. Jeder für sich und alle zusammen müssen voll aufdrehen.

Was bedeutet: Tänzer sind komplett aufeinander angewiesen. Sie teilen intime Momente der Berührung, müssen ästhetisch harmonieren, sich wortlos verständigen und blind vertrauen. Mit 17, 18 Jahren steigen sie ein, mit +/- 40 aus. Ob es zwischendurch für eine große Karriere reicht? Das hängt nicht zuletzt davon ab, inwieweit sie sich im Gefüge ihres professionellen Clans zurechtfinden und stabile Beziehungen entwickeln. Was nicht einfach ist, weil die Anstellung in Deutschland Jahr um Jahr durch Nicht-Verlängerung auslaufen kann. Ein Damoklesschwert, das in vielen Ensembles für Verdruss sorgt.

Vielleicht wird deshalb das Familienszenario im Tanzstudio – Zusammenhalten wie Pech und Schwefel, unbedingt! – umso hingebungsvoller kultiviert. Was nicht dazu führt, dass sich nun alle ganz schrecklich liebhaben. Auch natürliche Verwandtschaftsverhältnisse kennen schließlich jede Menge Abstufungen, Bindungs- und Gefühlsnuancen. Mit dem einen kann man mehr, mit der anderen weniger, Soundso ist wirklich ein ekelhafter Charakter, dafür die Stangennachbarin das freundlichste Geschöpf weit und breit. Ob Sympathie, ob Antipathie – die Schwachstelle dieser emotionalen Verbundenheit ist ihr systemischer Effekt. Sie zementiert die Hierarchie, erschwert sachliche Kommunikation auf Augenhöhe. Genau daran hapert es im Tanz von Anfang an, schon während der Ausbildung, die vielfach einem ziemlich altväterlichen bis autoritären Lehrer-Schüler-Modell anhängt. Der Körper wird auf Exzellenz getrimmt, für Geist und Seele, für jugendliche Selbstfindungs- und Reifeprozesse bleibt dagegen kaum Zeit. Woher sollen Neuerungen kommen? Die Pädagogen sind schließlich selbst von Kindesbeinen an karrieretechnisch geschliffen worden. 

Mitbestimmungsmodelle sind im Tanzmilieu denn auch regelmäßig gescheitert. Ob New York oder Paris, München oder Wien, ob Ballett oder Tanztheater – das Maß aller Dinge ist die Autokratie. Sie punktet mit straffen Abläufen, führt aber im Konfliktfall zu verhärteten Fronten zwischen Chefetage und Ballettsaal. Was den Theateretat empfindlich strapazieren kann, wie 2015 das Beispiel des Berliner Staatsballetts zeigte. Deutschlands größtes Ensemble stritt seinerzeit erfolglos für einen Haustarif und trat deshalb in Streik, unterstützt von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Vorstellungen fielen flach, Einnahmen in Höhe von 260 000 Euro aus, bis die Arbeitgeberseite schließlich einlenkte. 

Die Berliner Selbstermächtigung in Sachen Haustarif hat bundesweit Kollegen auf den Plan gerufen. Entstanden ist «dancersconnect», ein Netzwerk, das Tänzer verbinden und Ensembles ermuntern will, ihre Interessen offensiver zu vertreten. Als da sind: mehr Geld, mehr Auszeiten, mehr Mitsprache auf allen Ebenen, mehr Unterstützung beim Berufswechsel – der Katalog ist lang, viele Forderungen leuchten ein. 

Also mehr Geschäftssinn, weniger «We are family»? Vorzüge und Defizite beider Strategien lassen sich anschaulich in Wuppertal studieren, wo die verwaiste Pina-Bausch-Familie seit Jahr und Tag die Stellung hält und zugleich von Führungskrisen gebeutelt wird. Als verschworene Gemeinschaft haben die Tänzer zwar das Vermächtnis der Choreografin über die Zeit gerettet. Aber keiner von ihnen hat den Sprung in den Beirat geschafft, niemand kann klar, kühl und öffentlich im Namen aller Stellung beziehen. Mit der Konsequenz, dass am Ende die Politik schaltet und waltet, wie sie will. 

«We are family» ist eine starke Devise. Aber unter professionellen Aspekten eben auch ein Signal der Schwäche.

Dorion Weickmann