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Rezensionen #3

Basel, Hannover, Leipzig

Basel: Strawinsky «The Rake’s Progress»

Am 18., 22., 24. Juni

Der Schlussgag hätte besser nicht klappen können. Fröhlicher Applaus im erschreckend spärlich besuchten Theater Basel. Karl-Heinz Brandt, eben noch ein engagierter Auktionator, stolpert beim Schritt zurück, strauchelt und stürzt. In diesen Augenblicken passiert etwas Faszinierendes: Man kann spüren, wie das gewissermaßen kollektive «Hoppla» einer unschönen Angst und Ahnung weicht, da könne Schlimmeres passiert sein. Es raunt ringsum, dann quiekt es, während Brandt am Boden brüllt und der Inspizient hilflos auf die Bühne eilt. Arbeitslicht! Vorhang! Nein, Kommando zurück und Schlussensemble: ha, reingelegt! Die spielerische Präzision, mit der dieser Bühnentrick exekutiert wird, das Staunen und die Ratlosigkeit sind bezeichnend für die gesamte Basler Produktion. Einen Abend lang nämlich erweckt Lydia Steier mit Lust und vergnügten Sängerdarstellern die Tableaus in Strawinskys «Rake» zum Leben. Dafür hat ihr Katharina Schlipf eine opulente Bühne entworfen, die alles buchstäblich einrahmt. Erst ganz zum Schluss purzelt und poltert diese wundervoll absurde Moralkomödie ins Publikum. Man sollte sich eben doch nie zu sicher fühlen.

Dieser Rat gilt nicht zuletzt für den Teufel Nick Shadow. Seth Carico paart den schmeichelnd dunklen Charakter seiner Stimme mit blitzenden Augen, er ist ein bis in die Haarspitzen geschniegelter Bühnenmagier. Gleich zu Beginn der Oper gibt er eine Kostprobe: ein Fingerzeig, und schon tanzen die Scheinwerfer. Für den Rest braucht es ihn eigentlich nicht. Da kann er sich am Bühnenrand die Schuhe polieren und seinen Mandanten Tom Rakewell in aller Ruhe dabei beobachten, wie der sich ganz allein um den Verstand bringt.

Matthew Newlin singt und spielt diesen Rake als leicht naiven Jungbullen, in Gestik und Gang einem Otto Waalkes erschreckend ähnlich. Dass dieser Rake mit seiner Freundin Anne zu Beginn am Schachbrett hockt, wirkt so noch absurder. Zwei Spielfiguren bleiben Pfand ihrer Liebe, aber glücklicherweise verliert sich später diese angestrengte Regietheaterepisode im Nichts.

Andere, zunächst scheinbar nebensächliche Einfälle entwickeln dafür eine umso größere Kraft. Rake liebt es, der Welt nicht nur die Stirn, sondern auch die Brust zu bieten. Leidenschaftlich reißt er sich dabei das Hemd vom Leib. Heiterkeit auch noch, als er verdutzt feststellt, dass er Unterhemd trägt. Endgültige Hilflosigkeit schließlich im Irrenhaus: Die Zwangsjacke muss man ihm gar nicht erst binden, dieser Rake zerreißt nichts mehr.

Die luxuriöse Verspieltheit von Bühne und Kostümen ist eine Wonne. Lydia Steier nutzt beides als zentrale Zutaten für ihr Theater. Mother Goose, die alte Puffmutter, lässt sie als hilflose Mumie im Rollstuhl und mit Sauerstoffflasche auf die Bühne rollen – bevor sie dann doch noch Lebensgeist im Nahkampf mit Rake zeigt, flankiert von einer hypnotisch roboterhaft choreografierten Orgie.

Dem Chor des Theaters Basel könnte man ohnehin ewig zusehen. Ist Rakes Hochzeit mit Baba, der bärtigen Türkin, sonst immer ein Blitzlichtgewitter der Paparazzi, tobt in Basel ein unbeschreiblich kunstvoll ausgetragener Kampf der Selfie-Sticks. Baba ist hier nur Staffage. Dabei verfügt sie, in der Partitur nur furchterregendes Monstrum, über Auftreten, Charme und Covergirl-Qualitäten einer Conchita Wurst. Ihr Mitteilungsdrang freilich bleibt unverändert. Rake bringt sie, wie man das mit gefährlichen Tieren eben macht, aus sicherer Distanz per Blasrohr zum Schweigen.

Die wichtigste Frau in dieser vergnügten Produktion ist kaum zu sehen. Kristiina Poska leitet das Kammerorchester Basel, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Das Staunen zu Beginn: über ihre behutsame, vorsichtige, beinahe skrupulöse Klanggestaltung. Wer das Stück aus dem üblichen Zugriff mit voller Pranke kennt, kommt hoffentlich ins Grübeln.

Zu brav? Von wegen. Dieser «Rake» wirkt aufregend neu. Poska musiziert mit beglückender Genauigkeit, sie legt damit Schönheiten frei, die sonst untergehen. Solistischen Gesten gibt sie genügend Raum, feine Klangstrukturen balanciert sie immer wieder neu aus. Da klingt nichts überzeichnet und nichts gewollt, sondern ganz nach einer selten gelungenen Übereinkunft zwischen Orchester und seiner Dirigentin. Akustisch wäre ein weniger tiefer Graben die bessere Wahl gewesen, auch im Zusammenklang mit den Solisten. Besonders Hailey Clarks dramatischer Impuls wäre viel besser abgefedert worden.

Igor Strawinskys Schlachtruf lautete: «Lasst uns zu den alten Meistern zurückkehren, und es wird ein Fortschritt sein!» Kristiina Poska scheint dieses Leitmotiv ganz wörtlich zu nehmen. Damit entkernt sie die Oper vom monströsen Bühnenzauber und lenkt die Wahrnehmung auf emotionale Zustände und Ahnungen – es sind die immer wieder hereinschwappenden Momente größter Sehnsucht nach der wahren Liebe.

Über lange Zeit kontrastiert das wundervoll mit Lydia Steiers Füllhorn an Einfällen. Für Nick Shadow hat sie drei bemitleidenswerte Lemuren erfunden: Jammergestalten wie aus der Rocky Horror Show, kurz gehalten mit Juniortüten aus der Pommesbude. Kein Wunder, dass solche Hilfskräfte wenig Pietät zeigen, hungrig über Shadows Leiche herfallen und am Gedärm nagen.

Damit könnte eigentlich Schluss sein. Denn das Orchester breitet zuletzt, im Irrenhaus, unermessliche Traurigkeit über ein verpfuschtes Leben. Die Musik erstarrt zu schrecklicher Schönheit. Hätte sich die Regisseurin doch hier auch eine Pause gegönnt.

Clemens Prokop

https://www.theater-basel.ch/Spielplan/The-Rakes-Progress/oYxgCgJO/Pv4Ya/

Hannover: Jörg Mannes «Marilyn»

Am 21. Juni im Opernhaus

Sie waren Rivalinnen, beide von Fotografen geadelt, beide von Paparazzi gejagt: die Präsidentengattin Jackie Kennedy und das Präsidentenliebchen Marilyn Monroe. Ganz schön gewagt, dass Hannovers Ballettchef Jörg Mannes nun ausgerechnet die Superblondine aus Hollywood zur Tanzgöttin befördern will und dabei auch ihre Gegenspielerin ins Rampenlicht rückt. Allein: Das Risiko lohnt, der Plan geht auf. 

Hüftschwung links, Hüftschwung rechts – das schwarze Spitzenkleidchen flattert mit, bei jedem Schritt. Zielstrebig steuert die Circe auf zwei Verehrer im Anzug zu, lockt, betört, umgarnt sie – bis sie am erotischen Gängelband durch die Arena der Verführung stolpern. Die Frau weiß um ihre Wirkung, und sie weiß, was sie will: die mächtigsten Typen erobern. Was ein Kinderspiel ist, denn die Kerle fliegen auf sie – und lassen sie fliegen: durch die Luft, immer vom einen zum anderen, wenn sie nicht gerade wie besessen an ihr herumfingern. 

Die Katastrophe ereignet sich schleichend, ohne erkennbaren Auslöser. Irgendwann wirkt die Domina wie betäubt, wie besoffen. Sie kann gerade noch die Augen auf und die Arme hochreißen. Peinlicher Auftritt, den die Herren mit Brachialgezerre zu beenden suchen. Was verschlägt‘s?! Die Frau war mit einem eifersüchtigen Sportler verheiratet, sie hat hundertfach erlebt, wie Männer über ihren Körper grapschend und tatschend verfügten. Wieso sollten John F. Kennedy und sein Bruder Bobby anders ticken als ihre Vorgänger? Einmal mehr muss die Monroe erkennen, dass Sex eine Macht mit begrenzter Reichweite und absehbarem Verfallsdatum ist. 

Szenen wie diese sind es, aus denen Jörg Mannes das psychologisch aufschlussreiche Porträt der so ehrgeizigen wie begabten «Marilyn» zusammensetzt. Einer Gewinnerin; die Verliererin bleibt, gefangen im Labyrinth der Selbstzweifel. Mannes zeigt das, indem er die Titelrolle kaleidoskopisch bricht, der glamourösen Giada Zanotti eine Begleiterin (Lauren Murray) zur Seite stellt, deren Nägelkauerei noch das diskreteste Symptom der Seelenqual ist.

Die Personenregie fällt durchweg einleuchtend aus, clever die Dramaturgie und eindrucksvoll die Leistung des Ensembles, das bis in die winzigsten Handlungsfältchen hinein mitreißend aufspielt und -tanzt. Catherine Franco gibt gewitzt die brünette Norma Jean Mortenson – das Mädel also, das Marilyn war, ehe ihr Aufstieg zur Pin-up-Ikone begann. Lilit Hakobyan alias Jackie Kennedy lässt den glanzvollen Geist von Camelot auferstehen und zeichnet zugleich das Bild einer First Lady, die sich in Verachtung und Verwünschung der Nebenbuhlerin ergeht. 

Nur wenn die echte Marilyn «Diamonds Are a Girl‘s Best Friends» flötet und das unnachahmliche Vibrato ihrer Stimme durch die Luft zittert, platscht die Inszenierung zu Boden. Diesem Original kann keine Kopie standhalten. Noch nicht mal eine bravourös getanzte. 

Dorion Weickmann

https://oper-hannover.de/index.php?m=246&f=03_werkdetail&ID_Vorstellungsart=4&ID_Stueck=506

Leipzig: nach Rainer Werner Fassbinder «Angst essen Seele auf»

Am 22. Juni im Schauspiel

Das vierköpfige Maskenteam um Kerstin Wirrmann hat ganze Arbeit geleistet. Aus jedem der Gesichter von acht Schauspieler*innen des Leipziger Ensembles hat es ein in fast jeder Hinsicht bizarr überzeichnetes Alien-Antlitz herausmodelliert, achtmal verschieden und doch achtmal gleich: mit Silikonknete verstärkte Stirn-, Kinn- und Wangenpartie, grellrot geschminkte Kussmundlippen, orangebrauner Sonnenstudioteint, dramatisch verlängerte Wimpernbüsche und feinziselierte Augenbrauenbögen, darüber falsche Haartollen in Kreischblond, Korallenrot oder Nachtschwarz. Regisseur Nuran David Calis huldigt diesen Drags, die ernst in die Kamera blicken, zu Beginn seiner Adaption von Rainer Werner Fassbinders Film «Angst essen Seele auf» (1974) mit einer Serie von Videoporträts, projiziert auf die nach hinten zu einer Art Schaufenster verjüngte, weiße Bühnenkonstruktion von Irina Schicketanz.

Zuerst stehen drei dieser Wesen in jener Münchner Gastarbeiterkneipe, in der die rund 60-jährige Emmi den Jahrzehnte jüngeren Salem kennenlernt. Das könnte noch hinhauen, Nachtleben eben. Putzfrau Emmi und Marokkaner Salem dagegen, gespielt von Bettina Schmidt und Roman Kanonik, treten «natürlich» auf: ohne sichtbares Make-up, in Kleidern, die sie auch privat tragen könnten. Obwohl sie Rollen spielen, arbeitet ihre äußere Erscheinung diesen Rollen nicht zu: Schmidt ist viel jünger als Emmi, Kanonik wirkt zu deutsch für Salem. Ihr liebevoll-scheues Kennenlernen umstehen die Bardamen Dirk Lange, Julia Preuß und Annett Sawallisch wie exotische Insekten. Doch auch in den folgenden, durch Musik (Vivan Bhatti) und Videos voneinander abgegrenzten Szenen bleibt die Welt zweigeteilt: Hier das «echte» Liebespaar, dort in zu maximaler Künstlichkeit übersteigerter Prolligkeit Emmis feindselige Kinder und ihre Familien, die giftigen Nachbarinnen und hämischen Kolleginnen, der Vermieter und Salems Chef (Glitzerkostüme und Raubkatzenprints Amélie von Bülow).

Nuran David Calis dreht den Spieß um. Wo Fassbinders Film sehr genau zeigt, wie die hier kleinbürgerliche und proletarische Gesellschaft den Fremden durch Ausgrenzung erst herstellt, rücken in Calis Inszenierung die Ausgrenzenden als die Anderen ins Zentrum und Fassbinders Film damit auf den aktuellen Stand der Debatte: Rassismus und Sexismus sind keine Klassenfrage mehr, sondern kulturelles Identitätskampfgebiet. Während Bettina Schmidt und Roman Kanonik mit ihrem einfühlsamen Spiel das bürgerliche Publikum zur Identifikation einladen, irritieren die als radikale Außenseiter inszenierten «Normalos»: Sie erinnern an prachtvolle Puppen, stellen sich wie ferngesteuert zu Tableaux auf, haben sich anscheinend irren Schönheits- und Genderdiktaten unterworfen. Unser Blick auf sie spiegelt ihren Blick auf Emmi und Salem.

Dieser konzeptionelle Kniff lässt sich einigermaßen schnell durchschauen und wird von Calis doch mit formaler Strenge durchgezogen. Bettina Schmidt und Roman Kanonik als die einzigen Figuren, die aufeinander zu und voneinander weg eine Entwicklung durchlaufen, müssen ganz schön ackern, um die Spannung zu halten. Calis verordnet ihnen zudem choreografische Einlagen – in Bühnenbildecken kauern, sich um- und übereinanderwälzen –, um die spannungsvollen Gefühlslagen körperlich zu übersetzen – nicht immer überzeugend. Umso leichter scheinen die Drag-Ladies aufzuspielen, deren ganzes Kapital ihre Körper sind. Vor allem die Männer im Ensemble stolzieren mit Grazie und Würde einher, knicken die Becken und wiegen die Hüften mit größter Selbstverständlichkeit. Man könnte ihnen stundenlang zuschauen und muss sich doch fragen, wie man auf ihre bärtigen Damenwangen und aufgepumpten Ballonbrüste blickt: Haben die überhaupt etwas, haben die wirklich gar nichts mit uns zu tun?

Eva Behrendt

https://www.schauspiel-leipzig.de/spielplan/a-z/angst-essen-seele-auf/