Inhalt

Filme und Serien #4

«A Very English Scandal»

In Großbritannien macht derzeit eine neue Serie Furore: der BBC-Mehrteiler «A Very English Scandal», mit Hugh Grant und Ben Whishaw in den Hauptrollen. Es geht um den aufsehenerregenden Fall des Politikers Jeremy Thorpe, der 1979 vor Gericht der Anstiftung zum Mord an Norman Scott, einem ehemaligen Liebhaber, angeklagt wurde. Russel T Davies («Doctor Who») griff für sein Drehbuch auf John Prestons gleichnamigen «nicht-fiktionalen Roman» von 2016 zurück. In drei jeweils einstündigen Folgen wird erzählt, wie Thorpe – Homosexualität ist noch illegal – dem jungen Stallburschen Norman verfällt, ihn mit einer Wohnung in London ausstattet, zärtlich Bunny nennt und mit Liebesbriefen auf Büropapier überschüttet.

Als die Beziehung beendet ist, beginnt Scott, dem Member of Parliament nachzustellen. Nicht etwa, um Geld zu erpressen, sondern weil Thorpe ihm eine Sozialversicherungskarte schulde. Der zieht keine Sekunde in Erwägung, das Papier einfach zu beschaffen, womit die Sache vielleicht gegessen wäre – sei es, weil er keine belastenden schriftlichen Spuren riskieren will, weil er die Sache nicht ernst genug nimmt oder sich schlicht nicht vorstellen kann, dass Scott ohne die Karte keine reguläre Arbeit aufnehmen, keine Leistungen beziehen kann.

Unweigerlich eskaliert die Angelegenheit. Auf den ungemütlich expliziten Brief an Thorpes Mutter folgen diverse Gänge zur Polizei, ein Anruf bei der Alibi-Ehefrau des aufsteigenden Liberalen (was tut man nicht alles für ein paar Punkte in den Umfragen!). Thorpes Versuch, Scott per Auftragsmord entsorgen zu lassen, geht schief – und irgendwann können auch die treusten Seilschaften nicht mehr verhindern, dass der Kosename «Bunny» in der Zeitung und der Fall vor einer Jury landet.

Regisseur Stephen Frears (u.a. «Gefährliche Liebschaften», «Die Queen», «Florence Foster Jenkins», «Victoria and Abdul») meistert mit leichter Hand und Sinn fürs Abgründige den tragikomischen Balanceakt. Dass etwas ganz Besonderes entstand, ist auch dem hervorragenden Drehbuch und einer ganzen Reihe starker Schauspieler zu verdanken. Hugh Grant, längst nicht mehr auf Rom-Com-Charmeure abonniert, gibt Thorpe als geschliffenen Draufgänger, der seine Gefühle so gründlich vergraben hat, dass man nur sekundenweise mit ihm warm wird.

Die Sympathie gehört in Großbritannien natürlich dem Mann mit Hund: Scott. Erst belauscht ihn ein Terrier, dann ein Windhund beim Sex, am Ende wird gar eine dänische Dogge an seiner Statt erschossen. Thorpes verlebter Kultiviertheit steht Scotts natürlicher, wenngleich neurotischer Charme gegenüber (traditionelle Topoi der englischen Literaturgeschichte): Ben Whishaw spielt ihn als reinen Toren, dem alle Herzen zufliegen. Großartig auch Alex Jennings als Thorpes Freund Peter Bessell, Monica Dolan als Gattin Marion oder Blake Harrison als Auftragskiller.

Vieles ist zum Ausschütten komisch. Das Amateurs-Ungeschick Thorpes und seiner Ergebenen beim Spinnen des Mordkomplotts zum Beispiel: Tut's eine verlassene Zinnmine in Cornwall für den künftigen Leichnam, oder verfüttert man ihn besser an die Alligatoren Floridas? Humor pur umgibt auch den Möchtegernmörder, der von einem Patzer zum nächsten schlittert. Dann ist da natürlich Scott, der alle Welt mit seiner Versicherungskarte nervt – und nur zu gern offenlegt, wie sie ihm abhanden kam. Sein Freimut kündigt eine neue Zeit an. Bessell spekuliert gar, Scott müsse aller Naivität zum Trotz wohl «einer der stärksten Menschen der Welt sein». Schließlich bezaubert eine Fülle exzentrischer Nebencharaktere: Thorpes verkniffene Frau Mama oder Arthur Gore, 8. Earl of Arran (genannt «Boofy»), der sich nicht nur für die Legalisierung der Homosexualität einsetzt, sondern auch jede Menge Dachse hält und seinen Gästen zum Knöchelschutz Gummistiefel verordnet.

Doch während man noch lacht, gräbt sich die zugrunde liegende Tragik unter die Haut: Boofy hat schon recht, wenn er den Selbstmord seines Bruders («queer as springtime») als Mord durch die Gesellschaft bezeichnet. Dass Thorpe überhaupt wegen eines Mannes um sein Lebenskonstrukt (inklusive zweier Ehefrauen) und seine Karriere fürchten muss, ist auch die Schuld repressiver Umstände.

Schmunzeln über die eigene Inkompetenz, ein toter Hund, dazu der vice anglais – macht das schon einen very English scandal? Oder ist es vielmehr das, was eine Mahlzeit am Tisch im Haus von Thorpes Mutter zu Tage fördert, wo Norman eine erste Nacht mit Jeremy verbracht hat? Während die Thorpes mit lockerem Gelenk ihr Frühstücksei aufklopfen, zögert Scott, will wohl köpfen. Schon hat sich der Unterschichtstölpel offenbart.

Ein Mord an einem wie Scott? «No worse than killing a dog», sagt Thorpe später. Er tritt als Paradebeispiel einer überzüchteten Elite auf, großgezogen in den Gewächshäusern der Knabeninternate, in Oxford und Cambridge auf Hochglanz poliert. Aufgewachsen ohne Kontakt zu einer normal durchmischten Gesellschaft (keine Frauen, keine Unterschicht), im sicheren Gefühl, als Krone der Schöpfung auserkoren zu sein.

Ihrer gemeinsamen Vergangenheit vergewissern sich Thorpe und Bessell mit kindischen Wortspielen und Insiderscherzen. Es fallen Bemerkungen wie die über den Kollegen Emlyn Hooson (Jason Watkins): Ein «grammar school boy» sei er, «not one of us». Wer von einer der staatlichen Schulen für akademisch Begabte kommt statt von einer der Privatanstalten, die zur Tradition der Oberschicht gehören, der ist nicht vertrauenswürdig. Im Allgemeinen gibt Thorpe sich kaum Mühe, diskret zu sein, so sehr ist er daran gewöhnt, ungeschoren davonzukommen. Und genauso geschieht es ja auch: Der Richter, ebenfalls im Club der Old Boys, sorgt für Freispruch.

In einer Gesellschaft, in der auf «Nice to meet you» gleich die Frage nach den besuchten Schulen folgt und die Antwort augenblicklich ein vollständiges Porträt in Sachen Herkunft, Einkommen, Zukunftsaussichten liefert, wirkt nichts davon wie ein Gruß aus der Vergangenheit – die kurze Serie zeigt, angenehm unsentimental und ohne erhobenen Zeigefinger, unangenehm Alltägliches auf.

Jeremy Thorpe starb 2014, doch Scott lebt noch (offenbar mit einer ganzen Hundemeute). Peter Bessels Sohn und diverse liberale Politiker haben sich in diversen englischen Tageszeitungen zu Wort gemeldet. Jetzt soll der Fall sogar neu aufgerollt werden.

Wiebke Roloff

«A Very English Scandal» läuft ab 29. Juni auf Amazon Primevideo.