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Filme und Serien #5

«Kolyma», «Wunderübung»

«Kolyma»

Eine Reise durchs hinterste Sibirien, die Kolyma-Region, von Magadan nach Jakutsk? Das sind über zweitausend Kilometer! Und war Kolyma nicht die kälteste und tiefste Hölle des stalinistischen Lagersystems, in dem Hunderttausende durch Zwangsarbeit umgebracht wurden?

Wer Schalamows Erzählungen gelesen hat, wird es sich zweimal überlegen, ob er sich Stanislaw Muchas «Kolyma» (2017) ansehen sollte, der diesen Roadmovie mit einem winzigen Team, wie es sich für gute Dokumentarfilme gehört, gedreht hat: im Winter und im Sommer, die grandios-bedrohliche Landschaft. Und dabei hat er ein paar Leute interviewt, Männer und Frauen, Kinder, Exaltierte und Spinner, Opfer und Täter, Leugner und Bekenner, superhübsche Mädchen und sogar eine wundersame Katze (Russian Blue!). Die sitzen oder stehen dann vor der Kamera (Enno Endlicher), häufig zentriert, die Fragen werden aus dem Off gestellt, und dann antworten sie, bereitwillig, oder auch nicht.

Beispielsweise ein Angler; ein altes, pfiffiges Gesicht lugt regungslos aus der Pelzkapuze hervor, er sitzt an den beiden Eislöchern, in jeder Hand eine Angelschnur, an der er permanent zupft, und auf die Fragen antwortet er so einsilbig und schlagfertig, dass es zum Lachen ist; der unbewegte Beweger.

Der alte Juri hingegen, als Kind von zu Hause in der Ukraine fortgelaufen, hört gar nicht zu quasseln auf, ein Kriegsheld war er, dann ein Mörder, so landete er im GULag; in einer Mischung aus Wut, Angeberei und Sentimentalität tobt und heult er sich aus, und auch wenn man keineswegs alles glauben will, so sind die Bilder und Worte von ihm doch eindrucksvoll und authentisch.

So auch die Kinder und Jugendlichen, die sich in einer Gesangsshow, die Fähnchen schwenkend, in pubertärem Ungeschick, übergewichtig und aknegesprenkelt, als stolze und überlegene Russen präsentieren; im Bewusstsein, dass Russland das beste Land und Putin der beste Führer ist. Und plötzlich begreift man, dass dieser russische Patriotismus besonders mächtig werden MUSS, gerade weil er so gar keine Grundlage hat, keine Begründung vorweisen kann und will; es ist eine Beschwörung, die Realität wird, wenn man nur fest genug daran glaubt, praktisch Triumph des Willens, wie er heute ja in jeder Castingshow verramscht wird.

Das wird gezeigt, aber nicht kommentiert, nicht einmal durch den Schnitt oder andere filmtechnische Formatierungsmöglichkeiten. Muchas Film täuscht vor, dass er objektiv ist, und zwar macht er das so gut, dass der Film, soweit dies eben möglich ist, es tatsächlich auch wird: souverän, unvoreingenommen.

Es sind schon, für einen europäischen Blick, ziemlich merkwürdige Gestalten, die Mucha da vor die Kamera holt. Ein GULag-Sträfling, der bereitwillig und schuldfrei erzählt, wie er Feinde und Folterer umbrachte, mit einem Stich in die Leber, und wichtig: das Messer darin umdrehen! Oder einen Sammler von Kolyma-Reliquien, der sich nicht so recht entscheiden kann, ob sein Privatmuseum (er hat dafür von Putin PERSÖNLICH einen Orden erhalten!) eher als Anklage oder als Rechtfertigung des Lagersystems gelten sollte.

Zwei leicht debil wirkende Mongolen (erstaunlich, dass das Wort noch nicht unter rassistischem Verdacht steht) setzen ihren alten, blinden Vater schmerzhaft unter Strom, um ihn, stammzellmäßig, zu verjüngen; das ist das einzige Mal, dass ich dachte: Hier hat sich Mucha von der grässlichen Komik der Szene verführen und sie also zu lang werden lassen. Ansonsten fällt auf, dass er die Interviewszenen eben gerade nicht auspresst, sondern genau dann abbricht, wenn es zu peinlich werden könnte.

Mucha behandelt seine Zeitzeugen mit Neugier, mit Respekt, auch wenn er ihnen nicht alles abnimmt, geschweige sie zu «edlen Wilden» erklärt. Das Komische und Lakonische, das Schwadronieren, die Angeberei seiner Protagonisten – all das wird gutgelaunt gezeigt, aber sie werden nie für einen Gag, einen Lacher dem Publikum zum Fraße vorgeworfen.

Sogar die weisen Sprüche eines jakutischen Schamanen sind vergleichsweise erträglich, wenn der über Schuld und Sühne, über Geschichtsvergessen- und -versessenheit nachdenkt, über Erinnerungskultur und inwieweit eine Landschaft durch die dort begangenen Verbrechen kontaminiert ist, und für wie lange. Alles Fragen, für die eigentlich deutsche Intellektuelle zuständig sind; daher ist es ein Glücksfall, dass der Regisseur Mucha zwar in Berlin lebt und arbeitet, aber ein Pole ist: Er geht mit diesen Fragen sensibel, aber nicht verdruckst oder gar moralin um. Ein deutscher Regisseur, vermute ich, hätte sich nicht so unbefangen an das Thema gewagt, auf diese «Straße der Knochen», wie der Film im Untertitel heißt; oder man hätte ihn mangelnder Sensibilität geziehen, bei so einem sensiblen Thema. «Kolyma» ist ein staunender, kluger Dokumentarfilm, keine Predigt, keine Propaganda.

Was man vom alten Russland, der Sowjetunion, dem Stalinismus sieht, aber auch vom neuen, dem Putinschen, sollte den Befürworter der liberalen Demokratie erschrecken; aber die größte ästhetische und moralische Leistung des Films besteht gerade darin, dass ALLE Protagonisten als Individuen wahrgenommen werden, wie skurril und bizarr sie uns erscheinen mögen.

«Kolyma» liefert kein Bild DES Russen, DES Opfers, DES Täters, es kann gar keine Kollektivschuld geben, weil es keine Kollektiv mehr gibt, sondern nur Menschen, denen man anderthalb Stunden sehr gerne zuhört und zusieht, wie fern und fremd sie einem zunächst erscheinen mögen. Es ist wie bei der Lektüre eines großen Romans, auch wenn einem manches darin nicht gefällt, sagt man am Ende beeindruckt und einverständig: Dies alles gibt es also.

«Kolyma» hat meine beiden Begleiter und mich so angetörnt, dass wir beim Bier nach dem Kino spontan beschlossen, uns jetzt auch andere Filme von Stanislaw Mucha («Absolut Warhola», «Tristia») anzuschauen.

Kurt Scheel

Michael Kreihsl: «Wunderübung»

Ein kleines komisch-katastrophisches Kammerspiel-Kino-Stück. Drei Personen und ein Liebestodesfall. Was will man mehr? Gute Dialoge. Gibt es. Dialog-Pingpong. Gibt es. Glänzende Schauspieler. Gibt es. Eigentlich alles, was das Herz eines Zuschauers begehrt, der für gut 90 Minuten von dem unterhalten werden möchte, was er oft nur allzu gut selbst kennt, erduldet, ersehnt, verachtet, liebt. Rosenkrieg.

Das Setting: genial einfach. Praxis eines Therapeuten. Das Ehepaar nähert sich – momentan höllisch verfeindet und entsprechend distanziert – per Tram dem Tat- und Sprechakt-Ort. Wir sind in Wien. Die Freudsche Coach lauert naturgemäß just um die Ecke. Doch dieser Therapeut ist kein stubenrein emotionsfreier Analytiker, sondern ein begnadeter Interventionist.

Er liefert direktive Gesprächstherapie. Es gibt Übungen. Versetz dich in die Rolle des/der anderen! Es gibt Vertrauensspiele. Es gibt – eben eine Kaskade, ein Kaleidoskop von Problemchen, die sich insgesamt immer mal wieder zu einem Psycho-Tsunami auftürmen. Es gibt Hand-Marionetten im Rollentausch-Spiel. Die Faust wird zum Herzen – und wie öffnet man sie...? «Solche Übungen kann man nur mit Menschen machen, mit denen man diese Übungen auch machen kann. Meine Frau ist eine Frau. Die hätte die Faust niemals aufgemacht», sagt der Mann, nachdem er ihr fast die Finger gebrochen hat beim Faust-Öffnen.

Es ist hinreißend. Böse. Banal. Brillant. Bieder. Durchschaubar. Überraschend. Es ist – Boulevardtheater auf Celluloid – pardon: auf der digitalen „Leinwand“. Will man das auf der Bühne sehen? Ich bin mir nicht sicher. Ich hab nach dem Anschauen des Films im Theaterstück des 58-jährigen österreichischen Autors Daniel Glattauer gelesen (als Buch 2014 im Deuticke Verlag erschienen). Es ist auch perfekt. Witzig. Dabei vielleicht ein wenig zu glatt (wenn die Anspielung erlaubt ist). Und das Drehbuch ist dabei, auf den ersten Leseblick, fast identisch mit dem Stück. Was für beide spricht. Film-Regisseur Michael Kreihsl hatte auch die Bühnen-Uraufführung 2015 im Wiener Theater an der Josefstadt besorgt.

Im Kino mit Zuschauer-führenden Schnitten, faltengenauen Nahaufnahmen, dem etwas nervig lauten Schnauben des Therapeuten, dem katzigen Verbal-Krallen der Ehefrau und dem schein-souveränem Einfach-Wegstecken der Kralligkeiten durch den Gatten wirkt das amüsant & hitzig & tödlich wie nur je ein Ehe-Gefecht. Aus der größeren, irgendwie kritischer stimmenden Entfernung – vom Theaterzuschauerraum bis zur Bühne – betrachtet, mit der Möglichkeit, sich die Betrachter-Perspektive selbst zu wählen, will ich es mir nicht vorstellen.

Also: Ein kleines komisches Kammerspiel-Kino-Stück. TOLLE Schauspieler: Devid Striesow als teigiger Karrierist, den man (oder frau) so wenig wie einen Wackel-Pudding an die Wand nageln kann und der somit keine Form annehmen wird; Aglaia Szyszkowitz als etwas angegriffene ehemalige Grande Dame, die ihre besten Zeiten verteidigt auf Deubel komm raus; und Erwin Steinhauer als gediegener, mit allen therapeutischen Tricks und Wassern gewaschener wampiger Helfer-Satyr, der am Ende zu verlieren scheint gegen seine Klienten wegen eines vermeintlich eigenen Rosenkrieges – und deshalb und dabei dann doch den ihren beendet, denn: Er ist neu-GIERIG wie ein wissendes böses Kind und mit allen Manipulationsmechanismen seines Metiers vertraut...

Eine sympathische Petitesse, ein anregendes Amuse Gueule für alle, die um das Hauptgericht ihres Fußball-Dramas in Russland betrogen worden sind und die nun wieder schrecklich viel Zeit haben für anderes. Jetzt in Ihrem Kino. Lassen Sie sich unterhaltsam bekriegen...

Michael Merschmeier