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Filme und Serien #3

«Der Prinz und der Dybbuk»

«Der Prinz und der Dybbuk»

Michal Waszynski? In meinen Filmenzyklopädien (Halliwell, Katz, Thomson) fehlt der Name, aber zum Glück haben wir ja das Netz und Wikipedia, und da können wir nachlesen, dass er 1904 in Kowel geboren wurde und 1965 in Madrid gestorben ist, «ein polnischer Filmregisseur jüdischer Abstammung».

Ursprünglich hieß er Mosche Waks, und als wäre das nicht schlimm genug, musste er obendrein noch homosexuell sein, keine gute Idee, nicht unbedingt karrierefördernd im Polen der zwanziger und dreißiger Jahre, und deshalb brach er früh alle Kontakte zu seiner Familie ab, änderte seinen Namen in Michal Waszynski und wurde auch gleich katholisch – warum nicht, wenn man sich verbessern kann? Und siehe da, innerhalb von zehn Jahren drehte er an die vierzig Filme, meistens Komödien, die verschollen und vergessen sind. (Dass er bei Murnau assistiert hatte, ist eine der lustigeren Selbstmystifikationen.)

Als sein bedeutendstes Werk (ein eher merkwürdiges Sujet für einen abtrünnigen Juden) gilt «Der Dybbuk» (1937), ein Stoff aus der jiddischen Mythologie, dem Volks- und Aberglauben (wie «Der Golem» oder «Der Student von Prag»). Ich mag das alles nicht, aber Sie können sich gerne Ihre eigene Meinung bilden und den Film auf YouTube ansehen.

Im Zweiten Weltkrieg tritt Waszynski den Polnischen Streitkräften in der Sowjetunion bei, landet schließlich in Italien, filmt die Schlacht um Monte Cassino, charmiert eine steinalte Gräfin und lässt sich von ihr adoptieren, nun firmiert er als «il principe», nicht schlecht für einen Mosche Waks aus Kowel! Er betätigt sich weiter im Filmgeschäft, diesem Tummelplatz für zwielichtige Existenzen, als Co-Produzent und prinzlicher Kumpan, also Maskottchen, bei amerikanischen Großproduktionen wie «Der Untergang des Römischen Reiches».

Rolls Royce mit Wappen und Chauffeur, Fotos von «Mike», wie ihn nun seine «Freunde» nennen, mit Stars wie Sophia Loren, James Mason, Orson Welles – alles prima, aber es riecht doch verdammt nach Hochstapelei und Verzweiflung; oft ist er depressiv und schließt sich tagelang ein, berichtet der Chauffeur, und ein alter Komparse von «El Cid» erinnert sich, wie sie sich 1960 über «il principe» lustig machten, der so gerne in der Umkleide bei den jungen Männern herumlungerte.

Ein kurzes, mittelglamouröses, aber auch trauriges, von Verrat und allzu vielen Lügen beschädigtes Leben – muss man darüber mehr wissen, als in Wikipedia steht? Ja, unbedingt, wenn es so klug und anrührend erzählt wird wie in «Der Prinz und der Dybbuk» (2017) von Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski. Denn ihr Dokumentarfilm, vom ziemlich interessanten Gegenstand Michal Waszynski ganz abgesehen, vermeidet konsequent die Falle so vieler Dokus; er ist keine detektivische Ermittlung: Wir werden dir auf die Spur kommen, wir werden dich überführen. Das ist mittlerweile der allbeherrschende Gestus von TV-Dokus, und verbunden damit ist zumeist Sensationalismus und penetrante Selbstbeweihräucherung der «Ermittler», die dann aufgekratzt in die Kamera quatschen. Alles das fehlt hier, Niewiera und Rosolowski sind nie im Bild, sie nähern sich dem Leben des Prinzen nicht polizeilich, sondern, nunja, «essayistisch» – keine Angst, das heißt eigentlich nur «versuchsweise».

Am Anfang wirkt dieses vorsichtige materiale Verfahren geradezu verwirrend, wenn nicht chronologisch erzählt, sondern permanent in den Zeiten gesprungen wird, wenn auf grobkörnige Stummfilmaufnahmen konturierte und knallbunte TV-Bilder folgen. Aber dann bemerkt man, dass dieses Durcheinander und versuchsweise Herangehen hier vielleicht doch angemessen ist, wo die Fakten und die Fakes, die Lügen und die Furie des Verschwindens eine kaum zu durchdringende Unübersichtlichkeit hervorgebracht haben.

Der Film präsentiert eine Vielzahl unterschiedlichster Materialien, alte Fotos und Filmaufnahmen (leitmotivisch Szenen aus «Der Dybbuk», ein bisschen zu oft für meinen Geschmack), von den Dreißigern bis in die sechziger Jahre, Interviews mit Freunden und Weggefährten; man hat Kriegskameraden und Dokumente und sogar ein militärisches Führungszeugnis (nicht für höhere Aufgaben geeignet) aufgetan, und, am wichtigsten, Waszynskis Tagebücher, die auf Jiddisch geschrieben sind! Und so entsteht, nach und nach, doch ein Gesamtbild, eine Physiognomie, ein Antlitz. Es ist das eines traurigen alten Mannes, der beträchtlichen Erfolg hatte, aber wohl doch sein Leben tragisch verfehlt hat. Oder hat das Leben ihn, den Juden, den Polen, den Homosexuellen verfehlt, in der ersten, der schrecklichen Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Jede Form selbstgefälliger Kritik – er hätte eben nicht seine Herkunft, seinen Glauben usw. verraten dürfen – verstummt, wenn aus Waszynskis Tagebüchern vorgelesen wird, auf Jiddisch, einer Sprache, die dem Deutschen so ähnlich klingt und die nun so unsagbar fremd geworden ist. Michal Waszynski bekommt hiermit eine Stimme, und es ist nicht die des Prinzen, sondern eines mit den Geistern der Vergangenheit Ringenden, der sich vom Dybbuk verfolgt wähnt.

«Der Prinz und der Dybbuk» ist ein Dokumentarfilm, den man sich im Kino ansehen sollte. Er ist mit Können und Liebe gemacht und klug genug, nicht vorzugeben, die Wahrheit gefunden zu haben. Er präsentiert seine sehr schönen und oft auch sehr komischen Fundstücke – die beiden uralten Kriegskameraden im Interview, die Nachkommen der Familie Waks in Israel, die nicht so genau wissen, ob sie sich Mosches schämen oder mit ihm angeben sollen. Montiert sie eher nach ästhetischen denn forensischen Prinzipien, und es entsteht keine Bilanz, kein Urteil, sondern: ein Kunstgebild der eignen Art. Fast könnte man sagen: Nicht «Der Dybbuk» ist Michal Waszynskis bedeutendste filmische Hinterlassenschaft, sondern «Der Prinz und der Dybbuk».

Kurt Scheel