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Filme und Serien #2

«Tully»

«Tully»

Von alleine wäre ich nicht auf die Idee gekommen, mir «Tully» (2018, Regie Jason Reitman) anzusehen: einen Film übers Kinderkriegen und die Mühsale der Mutterschaft? Habe ich nicht häufig den Spruch von W. C. Fields zitiert: Ein Mann, der Hunde und kleine Kinder hasst, kann nicht ganz schlecht sein?

Und dann sieht man diesen Bauch, einen riesigen, kurz vor dem Platzen stehenden schwangeren Bauch, und breitbeinig watschelnd trägt Marlo (Charlize Theron) ihn mit sich herum, sie ist Anfang vierzig, man erkennt, dass sie mal eine Beauty war; jetzt ist sie müde, überfordert, uffjedunsen, oh schmölze doch dies allzu viele Fleisch, ihr Körper, das sieht sie genauso, hat etwas Monströses.

Zwei Kinder sind schon da! Und ein Mann, Drew (Ron Livingston), SEHR nett, aber keineswegs eine Hilfe im täglichen Leben, für Marlo eher ein weiteres Kind, das tagsüber statt zur Schule zum Geldverdienen geht. Der Sohn Jonah ist «speziell», was konkret bedeutet, dass er zu unkontrollierbaren Wutanfällen neigt; und deshalb fliegt er jetzt, zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt, aus der feinen Schule, ganz sanft und lieb geht das vor sich, er wird geradezu hinausgestreichelt, mit der scheinheiligen Begründung, in der neuen Einrichtung könne man sich dann auch viel besser um einen wie ihn und seine Probleme kümmern.

Da bekommt seine Mutter verständlicher Weise den Wutanfall, und wenig später dann ihr Kind, Mia, deren Geburt ein bisschen blutig ist (aber nicht zu blutig, eben wie ein gutes Steak); dann liegt dieser kleine, hässliche Baby-Wurm (so sehen Babies nun mal aus, ich kann doch nichts dafür!) an der Mutterbrust, nuckelt, alle strahlen, alles ist gut. Eben nicht. Alle sind erschöpft, ausgelaugt, groggy. Alltag: das brüllende Baby, Windeln wechseln, stillen, Muttermilch abpumpen, waschen, brüllendes Baby, beruhigen, umhertragen, Pausenbrot, Ehemann, brüllendes Baby, und die Brustwarzen sind so geschwollen!

In großartig, elegant geschnittenen Sequenzen (Stefan Grube) werden hier die normalen Alltagsstrapazen einer Mutter vorgeführt, geradezu choreografiert; aber Erschöpfung, Schlafmangel, Depression werden trotzdem deutlich gezeigt, für sensible Seelen ist es noch auszuhalten; und Charlize Theron beweist wieder, dass sie eine gute Schauspielerin ist und WAHNSINNIG unattraktiv sein kann (ich glaube es ihr mittlerweile, meinetwegen kann sie damit aufhören).

Jetzt endlich, am Rande des Nervenzusammenbruchs, nimmt Marlo das Geschenk ihres reichen Bruders an und engagiert eine Nacht-Nanny, und es erscheint nicht Mary Poppins (ein grässlicher Film), sondern eine Art Elfe, Tully mit Namen (Mackenzie Davis), so jung und hübsch, so zutraulich und babykundig; nach kurzem Zögern entschließt sich Marlo, diese Kinderfee als Freundin und Mit-Mutter zu akzeptieren – endlich wieder einmal durchschlafen!

Das Geheimnis dieser etwas überirdischen Titelfigur wird am Ende verblüffend und glaubwürdig aufgelöst, aber nicht nur dafür wäre das originelle Drehbuch zu loben; das Besondere und Schöne des Films von Jason Reitman und seiner Autorin Diablo Cody (sie haben schon vier Filme miteinander gemacht, erinnern Sie sich an «Juno»?) ist auch das, was er nicht ist: weder eine Farce mit lustigem Kotzen und vulgären Witzen à la Judd Apatow (keine Sorge, gekotzt wird auch in «Tully», und es fließen Ströme von Muttermilch), noch ein politisch korrektes Pamphlet gegen Patriarchat und Neoliberalismus in Gestalt der bürgerlichen Zwangsehe; aber eben auch keine mutterkreuzverdächtige Hymne auf unsere tapferen Frauen und Mütter. Es ist komplizierter, und es gibt keine grundlegende Lösung dieser Probleme: Man muss sich irgendwie durchwurschteln.

Die Rezensenten, die sich beim Thema auskennen (eigentlich alle, außer mir), betonen wohlwollend und ein bisschen herablassend, dass «Tully» für einen Hollywoodfilm erstaunlich realistisch sei. Für mich ist er jedenfalls realistisch genug; eine echte Geburt mit einer echten Schwangeren wäre mir fast zuviel Realismus; und dass Charlize Theron diese Mutterfigur überzeugend verkörpert und auch mit ihren Pfunden wuchert, lässt das Publikum ja nicht vergessen, dass sie in Wirklichkeit eine sehr schöne Frau ist und sich nur für diese Rolle zehn Kilo angefressen hat. «Tully» ist eben Kino, Spiel, Vereinfachung und Verharmlosung der Realität, aber nicht völlig ausgedacht und auch nicht bloßer Anlass zum Witzereißen, «Tully» ist bei dieser Thematik etwas Neues. Bravo!

Doch es bleibt in höchstem Maße verwunderlich, dass die Menschheit noch nicht ausgestorben ist, seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden funktioniert dieses problematische Fortpflanzungssystem, offensichtlich mehr schlecht als recht, und zweifellos auf Kosten der Frauen, woran sich trotz einiger technischer Verbesserungen (Kaiserschnitt, Windeltwister, Pampers, Babyfon) und der zaghaften Einbeziehung mithelfender Väter, wenigstens in unserem Kulturkreis, im Grundsatz nichts geändert hat.

Das ist eine fatale, eine fatalistische, eine wenig erfreuliche Einsicht, sie wird in «Tully» nicht geleugnet, nicht glorifiziert – sie wird seufzend konstatiert, und ich erinnere mich, dass ich schon einmal voller Erstaunen begriff, was Eltern leisten, beim Lesen von Knausgards berühmtem Roman nämlich: «Menschen, die selbst keine Kinder haben, begreifen nur selten, was dies bedeutet, ganz gleich, wie reif und intelligent sie ansonsten sein mögen, zumindest traf dies auf mich zu, bevor ich selber Vater wurde», und dann schildert Knausgard, was ein Vater auf einem Kindergeburtstag mit den Kleinen so erlebt und erleidet, auf zweihundert Seiten, genau und akribisch, und den Leser erfasst Bewunderung.

Am Schluss hat «Tully» auch das Glück, dass ein Kunstwerk laut Adorno braucht, soll es gelingen; der Film findet ein schönes, wehmütiges Bild für das Gewurschtel der Menschen: Marlo und Drew sind in der Küche, mit Ohrstöpseln hören sie beide ihren Lieblingssong, sie schälen Gurken, schneiden Tomaten, eng nebeneinander stehen sie, wir sehen ihre beiden Rücken und eben nicht glücklich lächelnde Gesichter, das Babyfon bleibt still, und wir wissen: Das ist es, das ist das Glück, mehr davon gibt’s nicht, heute nicht, und morgen wohl auch nicht.

Kurt Scheel