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Wenn alles stimmt

Der Liedbegleiter Gerold Huber

Was macht für Sie das perfekte Lied aus?
Ich bleibe ja ein alter Schubertianer. Schubert hat einfach die sicherste Hand dafür, dass Melodie und Struktur das Gedicht als solches wirklich perfekt repräsentieren. Das ist immer wieder verblüffend.

Dafür hat er einige Gedichte vertont, die man als solche gar nicht unbedingt kennen müsste ...
Aber er konnte einfach alles vertonen. Der Text gehört schon dazu, damit man von einem wirklich bedeutenden Kunstwerk sprechen kann. Aber nehmen wir «Das Lied im Grünen» auf einen Text von J. A. F. Reil: mindestens acht Strophen lang immer wieder «im Grünen, im Grünen», eigentlich schrecklich. Aber diese Melodie hätte niemand besser erfinden können zu diesem Text – im Verlauf, in der Rhythmisierung, in allem. Und für das Klavier hat Schubert ein Modell entwickelt, das in perfekter Weise zur Gesangslinie passt. Für den Pianisten ist es allerdings durchaus anspruchsvoll. Man muss die Begleitungen sehr sinnvoll konzipieren, damit harmonische Schwerpunkte, Betonungen, Rhythmisierung, Tempo stimmen. Das Wesentliche in der richtigen Weise zu spielen ist bei Schubert viel schwerer als bei Schumann und Brahms.

Bei welchem Komponisten bedauern sie, dass er nicht mehr Lieder geschrieben hat?
Da gibt es ein paar, die durch unglückliche Umstände vom Komponieren abgehalten wurden. Etwa Rudi Stephan, der im Ersten Weltkrieg gestorben ist. Von ihm gibt es leider nur einige Lieder. Janáček hätte doch noch ein bisschen mehr schreiben können. Sehr liebe ich auch Pavel Haas. Er wäre als Liedkomponist noch bedeutender geworden, wenn er nicht in Auschwitz ermordet worden wäre.

«Bin ich zu laut?» ist seit Gerald Moores gleichnamigem Buch die berühmteste aller Liedbegleiterfragen. Wie oft stellt man sie sich tatsächlich?
Sehr oft. Wenn ich zu laut bin, versteht man den Sänger nicht, und wenn man das nicht tut, wird es für den Hörer kein guter Liederabend – oder die Kritiken schimpfen über die schlechte Aussprache. Also bin ich aktiv mitverantwortlich dafür, zu kontrollieren, wie viel Text im Publikum ankommt. Das ist tatsächlich sehr leicht zu erspüren, wenn man offen ist für den Raumklang. Aber ich kann genauso intensiv spielen, wenn ich leise spiele.

Was machen Sie, wenn Sie spüren, dass Ihr Partner nicht gut drauf ist?
Das ist schlimm, da kommt man um vor Mitleid. Aber helfen kann man fast nicht, höchstens manchmal noch leiser spielen oder häufigere Zäsuren für den Atem setzen.

Das gesamte Interview von Michael Stallknecht lesen Sie in Opernwelt 5/22