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Grenzen sind zum Überwinden da

Die Künstlerin Lucy Wilke

Aufgewachsen ist Lucy Wilke auf einem Wohnwagenplatz im Münchner Norden – gewissermaßen bodenständig und alternativ zugleich. Ihre Eltern – die Mutter Flamenco-Gitarristin aus dem Chiemgau, der Vater, bildender Künstler und zeitweise als Bühnenbauer am Theater beschäftigt – lebten bereits dort, als sie 1984 geboren wird. «Meine Eltern waren sehr unkonventionell, trotzdem würden sie sich nicht als Hippies bezeichnen», stellt sie klar. «Sie haben sich nie irgendeiner Gruppierung oder Ideologie zugehörig gefühlt. Aber sie hatten offensichtlich Lust, anders zu leben.» Was dazu führt, dass Lucy in einer kulturell vielfältigen Umgebung aufwächst. Künstler aus aller Welt sind häufig zu Gast, Flamenco und Rumba, am Lagerfeuer live gespielt, ist ganz alltäglich. Eine professionelle Gesangsausbildung gehört von früh auf ebenso dazu wie Theater, weil der Wohnwagen eine Zeit lang direkt neben einem Theaterzelt steht. «Diese Atmosphäre habe ich absorbiert und mich da sehr wohl gefühlt», erinnert sie sich. «Mit Musik und Malen allerdings auch, und ich glaube auch nicht, dass ich jetzt bei Performance oder Schauspiel ‹angekommen› bin und dabei bleibe. Für mich ist das alles eine große Spielwiese, und was sich als Medium in dem Moment anbietet, das nutze ich.»

Mit 16 will sie Regisseurin werden, macht eine Ausbildung am International Munich Art Lab, wo sich Jugendliche in verschiedenen Bereichen auf und hinter der Bühne ausprobieren können. Um sich an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film zu bewerben, schreibt sie Drehbücher – schräge Dramen, inspiriert von David Lynch oder Fellini –, ruft Schauspieler wie Lambert Hamel oder Shenja Lacher an und überzeugt sie davon, mitzumachen. «Ich war damals ganz schön dreist und hab einfach behauptet, dass ich das kann» – natürlich ohne am Telefon zu erwähnen, dass sie im Rollstuhl sitzt – warum auch. Eine Kusine, die Kamera studiert, kümmert sich um die technische Crew, und mit den Resultaten kommt Wilke zweimal bis in die letzte Runde der Aufnahmeprüfung der HFF.

Dass es dann doch nicht klappt, gibt man ihr zu verstehen, liege an der Behinderung. «Eigentlich wollten sie mich damit ermutigen, dass es nicht an meiner Leistung liegt», meint sie im Nachhinein. «Aber das war für mich natürlich trotzdem sehr frustrierend. Ich hatte das Gefühl, gegen Wände zu laufen.» Mit Mitte 20 hat sie für einen Moment lang fast aufgegeben, stürzt sich ins Partyleben und danach in eine tiefe Krise. Zur gleichen Zeit wird bei ihrer Mutter Gika eine unheilbare Augenerkrankung festgestellt, die rasch zur völligen Erblindung führt, was die Situation nicht einfacher macht.

Trotzdem ergibt sich aus dieser Konstellation der erste Schritt in Richtung Erfolg. Schon länger wollten Mutter und Tochter musikalisch zusammen auftreten, und weil beide Fans von schwarzem Humor sind, nennen sie sich als Duo «blind & lame». Mit eigenen Texten, zweistimmigem Gesang und mitreißendem Gitarren-Pop geht es rasch aufwärts, ein Label nimmt sie unter Vertrag, arrangiert Auftritte und produziert Videos.

Das gesamte Porträt von Silvia Stammen lesen Sie in Theater heute 5/21