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Rezensionen Mai 2020

Mélissa Petit (Marzelline), Benjamin Hulett (Jaquino), Nicole Chevalier (Leonore), Foto: Monika Rittershaus

Beethoven: «Fidelio» in der Fassung von 1806 in Wien

Regisseur Christoph Waltz hat sich von dem Architekturbüro Barkow-Leibinger eine moderne Antwort auf Giovanni Battista Piranesis «Carceri» auf die Bühne bauen lassen: ein kurvig ineinander verdrehtes Stufengewirr, das die Atmosphäre ins Kafkaeske zieht. Es wird von unfrohen, gleichgeschalteten Menschen in Besitz genommen. Ihr Military Look (Kostüme: Judith Holste) lässt an Maos China denken.

Die ausgefeilte Personenführung ist die Stärke dieser Inszenierung des Oscar-Preisträgers (wobei uns – Zufall oder nicht – auch Michael Radfords George-Orwell-Streifen «1984» mit John Hurt in den Sinn kommt). Waltz hat «Fidelio» radikal entschlackt, sich dabei jeder aktuellen politischen Message enthalten. Ohnehin zeigen die beiden frühen Fassungen dieser Oper – die dreiaktige von 1805, die im Februar noch vor Publikum an der Wiener Staatsoper gegeben wurde, sowie die etwas verknappte zweiaktige des Folgejahres – Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wie hinter Milchglas. Beide verschieben die Handlung stärker in die Privatsphäre, geben den Nebenfiguren größeres Gewicht und machen das in der letzten Bearbeitung von 1814 geradezu aufdringlich heldische Paar Leonore/Florestan zu Charakteren mit menschlichen Schwächen.

So bietet Leonores große Szene «Ach, brich noch nicht, du mattes Herz» und die Arie «Komm, Hoffnung» statt des konzentrierten Elans in Beethovens finalem «Fidelio»-Versuch eine psychologische Studie in Selbstzweifel und Versagensangst. Man begreift, dass diese junge Frau nicht nur durch das Schicksal des Gatten belastet, sondern zudem durch den Zwang zur Verstellung und den Betrug an Marzelline in moralische Selbstvorwürfe gestürzt wird.

Die gesamte Rezension von Gerhard Persché lesen Sie in Opernwelt 5/20

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