Inhalt

Rezensionen 3. Mai

Leipzig: Tennessee Williams «Süßer Vogel Jugend»

Am 16. Mai, 2. Juni im Schauspielhaus

Astronomie gehört nicht unbedingt zu den Stärken des abhalfterten Filmstars Alexandra del Lago, die sich aus Angst vor Alter und Abstieg gern auf den «Mond, einen toten Planeten» zurückgezogen hätte. Aber Regisseurin Claudia Bauer hat trotzdem verstanden, was gemeint ist: Gleich zu Beginn hängen vier vereinzelte weiße Ballons im Bühnenhimmel, darauf projiziert Videos mit jeweils kreisrund verbogenen Köpfen, die egozentrische Programmsätze vor sich hin brabbeln: der schwarze Hoteldiener Fly, der gescheiterte Möchtegern-Schauspieler Chance, der rassistische Kleinstadt-Tycoon Boss Finley und natürlich Alexandra del Lago, eine ausgebrannte Hollywood-Ruine, randvoll mit Alkohol, Tabletten und Zynismus. 

Wer immer denkt, er wohne heutzutage dem Niedergang der politischen oder gesellschaftlichen Kultur der Vereinigten Staaten von Amerika bei, dieses Vorzeigelands der Demokratie, dem kann geholfen werden. Ein Blick in die Stücke von Tennessee Williams genügt: Früher, genauer Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, war es dort auch nicht besser, im Gegenteil. «Süßer Vogel Jugend» von 1959  ist ein dramatisches Prachtexemplar westlicher Desillusionierung, das die gängigen Mythen nicht nur des amerikanischen Traums mit bissigem Witz zerlegt. Erfolg, Ruhm, Geld, Liebe und vor allem jede Hoffnung auf zwischenmenschliche Verständigung werden liebevoll zu Feinstaub zermahlen.

Wer hier auf einen selbstlosen Zeitgenossen hofft, kann lange suchen. Alexandra del Lago hat sich auf der Flucht vor dem Alter und schlechten Kritiken einen immer noch vergleichsweise gut aussehenden Bademeister als Fahrer, Maskottchen und Sexspielzeug geangelt. Dieser Chance Wayne, schauspielerisch gründlich unbegabt, träumt schon seit über zehn Jahren vom großen Filmerfolg, auf dessen Flügeln er in seine Heimatstadt, ein spießiges Südstaaten-Provinzkaff, zurückkehren möchte, um dort endlich seine kitschig angebetete Jugendflamme Heavenly zu gewinnen. Chances Traum vom guten Leben besteht im Wesentlichen darin, mit einem Cadillac die Hauptstraße rauf und runter zu fahren, mit Geld um sich zu werfen und am Ende «sein Mädchen» zu gewinnen, dem er übrigens bei seinem letzten Besuch eine üble Geschlechtskrankheit angehängt hat, die in eine Totaloperation mündet. Deren Papa wiederum, der Lokaltycoon «Boss» Finley, träumt von seinem Geld, seiner lokalen Meinungs- und Wirtschaftsmacht und versucht, den Gedanken zu verdrängen, dass ihn demnächst ein Infarkt aus dem Sattel werfen könne. Sein politisches Programm ist ungeschönt rassistisch und er schreckt nur knapp davor zurück, auch im Fernsehen zuzugeben, dass seine Handlanger kürzlich einen Schwarzen kastriert haben. 

Den besonderen Charme von «Süßer Vogel Jugend» macht allerdings aus, dass keiner der Beteiligten über die eigene Niederträchtigkeit und die der anderen im Zweifel ist – und dieses Wissen auch jederzeit sehr pointiert ausspricht. Diese unbedingte Ehrlichkeit kann man sich leisten, weil jeder schon längst die Hoffnung aufgegeben hat, die anderen mit irgendetwas anderem zu bewegen außer mit brutaler Gewalt oder rücksichtsloser Erpressung.

Frank Castorf hat Williams’ Provinzpanorama 2003 unter dem Titel «Forever Young» als ironisch verspielte, etwas chaotische Selbstreflexion auf den damaligen Zustand der Berliner Volksbühne, seiner selbst und seines Ensemble genutzt. Eine Generation und gut 15 Jahre später geht Claudia Bauer das Stück in Leipzig deutlich fokussierter an. Die Bühne (Andreas Auerbach) ist ein mit schwarzer Folie düster abgehängtes Etablissement, auf dem nur ein paar vereinzelte Stühle herumstehen und ein Flügel, an dem Brian Völkner mit Horrorclown-Maske und der Schauerstimme einer kreischenden Blechbüchse programmatischen HipHop singt («I wanna leave»). Auf der Hinterbühne sind Schminktische und Garderobenständer eingerichtet, an denen Kostüme für die diversen Karriere-Luftschlösser und Selbstinszenierungen bereit liegen. Gelegentlich fahren die abgestorbenen Mond-Monaden-Ballons herunter für ein paar weitere einsame Videomonologe. 

Die Schauspieler wissen nur zu gut, dass Authentizität in diesem Panorama der Selbstsüchte, zerschossenen Illusionen und Lebensträume keine Währung sein kann. Was hier zählt, ist die furchtlose Performance absurder Wunsch- und Zerrbilder unter zwischendurch mitleidloser Selbstanalyse der eigenen Fakes und Verbrechen. Florian Steffens’ noch weitgehend unverbrauchter Chance hat unter der hochtoupierten Elvis-Tolle zwar genug Grips, um die eigene Jämmerlichkeit zu begreifen, aber nicht die Kraft, seinen Selbstbetrug aufzugeben. Da ist seine Gönnerin ein Schrittchen weiter. Anita Vulesica als Alexandra del Lago gewinnt unter hochdramatischem Armgefuchtel und furchtloser Koloraturschaupielerei immerhin kurzzeitig die Übersicht über die Grenzen ihres Selbst zurück. Dabei helfen allerdings auch ein paar unerwartet gute Kritiken, die noch eine letzte Karriere-Ehrenrunde versprechen. Auch Michael Pempelforth wirft sich selbstlos mit grotesker Wattewampe in das rassistische Politmonster Boss Finnley, der bei Widerspruch über Leichen geht. Seine ungerührte Lächerlichkeit macht ihn nur gefährlicher. 

Doch seine Tochter übertrifft selbst ihn: Diese Heavenly ist die verstrahlte Hülle enttäuschter Jungmädchenträume, ein zerschmolzenes Reaktorskelett voll tödlicher Bösartigkeit und brutaler Härte gegen sich und andere. Wenn Julia Preuss in ihrem Rüschenröckchen grässlich überschminkt an der Rampe steht (Kostüme Vanessa Rust), ihren Selbsthass ins Publikum schleudert und sich dann plötzlich mit der Aussicht auf eine Shoppingtour verlogen tröstet, darf Tennessee Williams aufatmen: Seine Leichen sind hochlebendig. Wo jeder für sich kämpft, bleiben nur trostlose Gewinner – wenn überhaupt. Es war schon immer brandgefährlich, wenn angeblich unbegrenzte Möglichkeiten auf die Wirklichkeit treffen. 

Franz Wille

Infos