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Rezensionen 3. Mai

Essen: Aribert Reimann «Medea»

Am 10. Mai im Aalto-Theater

Am Ende, als die Kinder erdolcht sind, das Feuer erloschen, steht sie wieder alleine da: die Ausgestoßene. Selten war das Schwarz der Hinterbühne so erbarmungslos und leer wie in den letzten Takten dieser «Medea» am Essener Aalto-Theater: «Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.»

Die antike Sage erzählt von der Flucht Jasons und Medeas, des griechischen Helden und seiner Geliebten, der Zauberin aus Kolchis. Sie sollen Pelias, den Onkel Jasons, ermordet und das goldene Vlies geraubt haben und werden seither durch die Lande gejagt. Aribert Reimanns Oper beginnt wie das Drama Grillparzers vor den Toren Korinths, wo die Flüchtenden Hilfe erhoffen. Jason und die Kinder werden aufgenommen, Medea ist als Fremde unerwünscht. Ihre Rache wird blutig.

In Kay Links Inszenierung herrscht König Kreon in einem futuristischen Bau, der locker einen Designpreis gewinnen würde. Bühnen- und Kostümbildner Frank Albert hat das grau verschalte Vieleck auf kühle Betonmauern gestellt. Etliche Treppen führen hinunter, von denen die Bewohner hochmütig auf Ankömmlinge herabblicken.

Herrscher Kreon erinnert mit seiner weißblonden Mähne, dem adelsblauen Mantel mit Pelzkragen an Thomas Gottschalk. Tochter Kreusa tänzelt in Designerkleid und Glitzerschuhen umher, ihre blassrosafarbene Perücke würde Lady Gaga Konkurrenz machen. Wie fehl am Platz wirkt da Medea in ihrem blutroten Mantel! Unbeholfen ahmt sie die koketten Bewegungen Kreusas nach, schlüpft in ein blaues Kleid, will dazugehören – doch ihre feuerroten Haare verraten sie in jeder Sekunde. Der Regisseur unterstreicht die stetige Ausgrenzung, indem er scheinbar harmlose Demütigungen aneinanderreiht. Kreusa etwa stellt sich auf der Treppe immer ein paar Stufen über Medea, flirtet vor ihren Augen mit Jason.

Als Symbol der Auflehnung gegen ihre Umwelt, die reich an Gütern, aber arm an Mitgefühl ist, schmettert Medea wutentbrannt Kreusas Geige zu Boden. Holz splittert, Fronten verhärten. Im Bühnenhintergrund schleichen Schattenfiguren umher, Metaphern für die dunklen Mächte Medeas. Sie erwecken das verfluchte Vlies wie von Zauberhand zum Leben, lassen das goldene Tuch geheimnisvoll um Medea herumwabern. Auch Jason distanziert sich zunehmend von ihr. Die Tattoos auf seinen Oberarmen lassen eine wilde Vergangenheit erahnen; kaum in Korinth angekommen, tauscht er den militärgrünen Overall gegen einen schicken Anzug und spielt den kultivierten Bürger.

Doch ohne Reimanns Musik wäre das alles nur halb so zehrend, brutal und bitter. Von den ersten dumpfen Tamtam-Schlägen bis zur pfeifenden Piccoloflöte im letzten Takt herrscht frostklirrende Beklemmung. Streichercluster irren umher, mit Wucht brechen Blechbläserstürme herein.

Die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Robert Jindra krönen den Abend. Messerscharf sind die Kontraste, ungemein präzise die Einsätze, es flirrt, tobt und poltert aus dem Graben, dass man seine gruselige Freude hat. Nicht minder ergreifend agiert das Sängerensemble, allen voran Claudia Barainsky in der Titelpartie. Aus tiefster Seele singt, klagt, schreit sie die Ungerechtigkeit heraus, in immer wilderen Koloraturen, oft über die Grenze des Schönklangs hinaus. Sebastian Noack als Jason singt mit militärisch anmutender Stärke, Rainer Maria Röhr (Kreon) changiert zwischen zynischer Lässigkeit und drohender Kraft. Liliana de Sousa als Kreusa transportiert mit ihrem flexiblen Sopran und tollen Koloraturen tändelnde Falschheit. Eine Wucht ist der  Countertenor Hagen Matzeit als Herold; Marie-Helen Joël als Amme Gora überzeugt mit sezierender Präzision.

Ein Musiktheaterabend, an dem einfach alles stimmt. Ein starkes Stück, stark interpretiert, dazu eine bildgewaltige, musikalisch stimmige Inszenierung. Nicht enden wollender Applaus und viele Bravo-Rufe sind, nachdem das Unbehagen gewichen ist, der verdiente Lohn.

Thilo Braun

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