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Rezensionen 24. Mai

Hannover: Schreker «Die Gezeichneten»

Am 30. Mai, 18. Juni im Opernhaus

Zum fiebrig filigranen Orchestervorspiel ringt ein Menschenknäuel auf einer Halbkugel. Sie erinnert an die Neu-Bayreuther Weltenscheibe, wuchtig wölbt sie sich gen Himmel. Bald sehen wir ein männliches Paar, das sich gar schmerzlich voneinander löst. Der eine gleicht einem buckligen Rigoletto oder Alberich, der andere, mit seinen ausstaffierten Schulterpolstern, einem extra gut gebauten Mucki-Macho, einer Art Jung-Wotan. Ersterer ist der heldentenorale, missgestaltete Schöngeist Alviano, der seiner eigenen Tragödie des hässlichen Mannes zu entkommen sucht, indem er auf einer der reichen Renaissancestadt Genua vorgelagerten Insel einen Lustgarten errichtet, die er seinen mächtigen Freunden großherzig zur Verfügung stellt. Der andere ist sein Gegenspieler Graf Tamare, ein baritonviril potenter Kerl, der das hier allgemein gültige Männermotto ohne jede Hemmung lebt: «Die Schönheit sei die Beute des Starken».

Der initiale Kniff des Regisseurs Johannes von Matuschka legt nun freilich nahe, dass Scheusal und Schönling ein und dieselbe Figur sind, dies getreu einer freudianischen Konstellation, die zur Entstehungszeit des Stücks anno 1918 auf der Hand, ja gleichsam auf der psychoanalytischen Couch lag: Alviano begegnet in Tamare der Personifizierung einer verdrängten Seite seines Seins – dem unterdrückten, nie ausgelebten Triebwunsch. Die Dreiecksbeziehung der beiden Herren zur begehrten Bürgermeistertochter, der Malerin Carlotta, die in Alviano gerade in seiner körperlichen Missbildung ein besonders attraktives Modell entdeckt, sexuell aber den brutalen Avancen von Tamare erliegt, wird so zum schillernden, von einem Extrem ins andere umschlagenden, zwischen Liebe und Abstoßung krass changierenden dualistischen Kampf der Bilder, Projektionen, Rollen- und Geschlechterspiele.

Während die Musik dazu in ihrer Jugendstilverblümtheit geradewegs überschäumt, tristanesk sehnsuchtssatt schwelgt und blüht, setzt der schwarz-grau-weiße Bühnenraum von Christof Hetzer den denkbar klarsten, abstrakten, sich der klanglichen Verführungskraft entziehenden Kontrapunkt, aus dem nur die sonnengelb gewandete Carlotta als weiblicher Farbtupfer hervorsticht. Die in Florence von Gerkans Kostümen aufs phallische Prinzip reduzierte, chronisch übergriffige Männergesellschaft zeichnet Johannes von Matuschka in grotesker, choreografisch gearbeiteter Überspitzung. Der innere Kampf des hybriden Alviano-Tamare-Doppelwesens endet analog zum Beginn mit einem Befreiungsakt, in welchem der Bucklige den Beau in sich tötet und damit einen Akt der Regression vollbringt – durchaus librettokonform hin zu einem fiedelnden, verrückten, der Welt abhanden gekommenen naiven Narren, der womöglich einen Traum von einem anderen, achtsamen Verhältnis der Geschlechter träumt.

Die psychologische Plausibilität des Ganzen ist gleichwohl begrenzt, wird weniger deutlich, als das Produktionsteam sie wohl beabsichtigte. Zwar spielen Robert Künzli und Jordan Shanahan die widerstreitenden Persönlichkeitsaspekte von Alviano und Tamare intensiv aus, sie singen mit viel vokalem Charisma, doch das Objekt ihrer Begierden bleibt mit Karine Babajanyans Carlotta erstaunlich blass. Die sonst im dramatischen italienischen Fach beheimatete Sopranistin denkt ihre Figur zu wenig präzise aus Franz Schrekers Text heraus, sie ist zu sehr selbstgewisse Primadonna als durchgeknallte Künstlerin.

Während Stefan Soltesz in der Bieito-Inszenierung der Komischen Oper Berlin am Pult zuletzt durch Strukturklarheit für Durchsicht im Dschungel sexueller Verstrickungen sorgte und das Dionysische der Partitur geschickt bändigte, setzt Hannovers Erster Kapellmeister Mark Rohde ganz auf spätromantischen Klangrausch. Wir erleben, wie wild, ungezähmt und zügellos diese grandiose Musik ist, wie genialisch Schreker die harmonische Spannkraft eines Wagner mit dem Kolorismus eines Puccini und dem Sensualismus eines Debussy abmischt. Das ist die schamlose Musik eines Erotomanen.

Peter Krause

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