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Rezensionen 24. Mai

Berlin: Zade «abgrund»

Am 28., 29., 30 Mai, 1., 2. Juni in der Schaubühne

Au weia. Hat man so etwas nicht auch schon gesagt? Vom «blauen fleur de sel» geschwärmt, den Wein als «lecker» gepriesen, womöglich über die Vorzü­ge von Dinkel referiert? Über das Posing durch Postings auf sozialmedialen Kanälen gelästert, jemanden vorschnell des Antisemitismus verdächtigt, den womöglich einzigen Homosexuellen auf der Party ausdrücklich um seine Meinung als Schwuler gebeten und damit diskri­miniert? Die erste halbe Stunde des Abendessens, zu dem in Thomas Ostermeiers Uraufführung von Maja Zades «abgrund» die Prenzlauer-Berg-Eltern Matthias und Bettina einladen, lässt einen beständig zusammenzucken. Und es ist nicht nur Fremdscham, die hier angesichts des hohlen Smalltalktänzelns zwischen Lifestyle-Themen, politischen und moralischen Fragen keimt, sondern das dumpfe Gefühl, selbst schon mit solchen Floskeln hantiert zu haben.

In Maja Zades zweitem in dieser Spielzeit an der Berliner Schaubühne uraufgeführtem Theaterstück (nach der Genderverkehrungskomödie «status quo») gibt es keine Figuren, nur sehr genau realen Abendessen abgelauschte Repliken. Objets trouvés, sozuagen. Durch sie werden zwar nach und nach als Charaktere (das befreundete Paar, die Single-Frau, der schwule Freund) erkennbar, aber der Fokus liegt klar auf der Austauschbarkeit des Gesagten. Wer hier genau mit wem spricht, ist (fast) egal, er oder sie signalisiert durch das Gesprochene vor allem Milieuzugehörigkeit: Die Bobos (Bourgeois-Bohemians), wie der US-Amerikaner David Brooks sie vor rund 20 Jahren getauft hat, sind zumeist Akademiker*innen, sie verdienen genug, um sich Eigentumswohnungen, Fernreisen, Kinderwunschbeihilfe und Einkäufe im Bioladen leisten zu können. Und so wichtig es ist, sein Dazugehören durch Konsum und Meinung ausdrücken zu können, so wesentlich ist auch die Distinktion vom Mainstream: entweder, indem man den noch exquisiteren Geschmack beweist, oder indem man das bei anderen Beneidete abwertet.

An der edlen «Werkbank»-Küche, die Nina Wetzel zentral auf die Bühne gestellt hat, kann gleichzeitig gekocht und gegessen werden; nebenbei zitiert sie die christliche Abendmahls-Ikonografie. Der Tisch ist gedeckt, am Herdabschnitt kocht Christoph Gawenda als Gastgeber Matthias, während Jenny Königs Bettina die eintrudelnden Gäste mit Getränken versorgt. Doch als Zuschauerin sieht man das alles nicht nur aus der üblichen Distanz, man hört es diesmal besser als sonst: Jeder Platz ist per Kopfhörer mit der Bühne verbunden, so dass der Eindruck entsteht, wir säßen mit am Küchentisch. Die Geräusche beim Kochen und Weineinschenken, das Besteckklimpern, vor allem aber die Nuancen der gedämpften Unterhaltung mit allen Räuspern und Nuschlern erzeugen eine räumliche Plastizität, die den ohnehin ausgeprägten Naturalismus der Inszenierungen von Thomas Ostermeier noch übertrifft.

Wobei es beileibe nicht nur Technik ist, die diesen durch Videoprojektionen auf Gazevorhänge noch verstärkten Hyperrealismus erzeugt, sondern vor allem ein in Tonfall und Habitus extrem präzises Ensemble: Alina Stiegler (Bine) und Moritz Gottwald (Stefan) als kinderloses Pärchen im spöttischen Dauerclinch, Isabelle Redfern als selbstbewusste Singlefrau Anna und Laurenz Laufenberg als Mark («wetten ich bin wieder der einzige schwule») bleiben zwar als Einzelfiguren eher blass und geschichtslos. Aber sie spiegeln und ergänzen das Gastgeberpaar, das zunächst von der Einbauküche bis zum doppelt besetzten Kinderzimmer alles besitzt und verkörpert, was die geglückte Bobo-Existenz auszumachen scheint: «ja, so bildungsbürgertum, das leben läuft in geordneten bahnen, gute ausbildung, guter beruf, erfolgreich, gut geld, dann zwei, drei kinder, ich glaub übri­gens beide ärztepaare hatten zwei kinder, spooky, und wo ist der abgrund», berichtet Bine am Anfang fast angeekelt von einer anderen Einladung und könnte genauso Matthias und Bettina meinen.

Ja, wo ist der titelgebende Abgrund? Zade und Ostermeier träufeln ihn genüsslich in zunächst feinen, dann deutlicheren Dosen in die von immer mehr Sancerre und Chianti befeuerte Konversation. Flashforwards zeigen Bettina zusammengebrochen, in eine graue Decke gehüllt. Im Video stürtzt Matthias das Treppenhaus hinunter. Eltern und Gäste beugen sich entgeistert über ein Bündel. Das alles unterbricht jeweils nur kurz die Menüfolge, genau wie der Auftritt von Tochter Pia in der Küche und Bettinas und Annas Besuch im Kinderzimmer, um Baby Gertrud zu stillen und zu bewundern (Klassiker: «riech mal am Kopf») und den Wunsch des älte­ren Schwesterchens nach ebenso viel Aufmerksamkeit aufzuschieben («gleich»). Man ahnt schon früh, dass irgendeine Katastrophe über die heile Welt hineinbrechen wird. Wobei genau diese Szene unsichtbar bleibt: Das Baby fällt aus dem Fenster, schlimmer noch, die Schwester wirft es hinaus.

Sobald die Tragödie in die Geschichte eher schleicht als einbricht, verlassen Maja Zade und Thomas Ostermeier das bis dahin so genau vermessene Terrain. Durch die nicht inhaltlich motivierten Zeitsprünge entsteht zwar so etwas wie Spannung in der pointenmäßig bereits ausgereizten Dinneratmosphäre, aber auch ein merkwürdig aufreizendes Spiel mit Vorspulen und Verzögerungen. Neben der angedeuteten Verzweiflung der Eltern – Vater und Tochter schließen eine neue Allianz gegen die Untröstlichkeit der Mutter – liegt der Fokus eher auf den Reaktionen der ebenfalls überforderten Gäste: So verstört sie auch sind, sie schaffen es nicht, aus dem Partymodus auszusteigen. Unverdrossen wird weiter geredet, nach Ursachen geforscht, zukünftige Szenarien ausgemalt («du liegst nachts im bett und sie kommt mit einer schere, sticht in deinen brustkorb, deinen bauch / chucky die horrorpuppe»). Vor allem das Konkurrenzpaar Bine und Stefan läuft zu ganz großer Geschmacklosigkeit auf und lädt die anderen beiden zu sich nach Hause auf einen Absacker ein. Allerspätestens hier, beim Ausschenken des Whiskeys («dieser japanische»), beim Zuprosten – «trotz allem, auf das gute im leben, den glauben an das gute / auf das gute» – und demonstrativem Nachschmecken, ist endgültig klar, dass es Zade und Ostermeier nicht nur um die Abbildung einer sozialen Realität geht. Sondern um die These, dass das kompetitive Klima speziell dieses verlogenen Milieus Empathie unmöglich macht. 

Diese didaktische Botschaft hat jedoch ihren Preis. Nicht zuletzt den, dass die Figuren am Ende nur vorgeführt werden – letztlich auch nicht sonderlich empathisch. 

Eva Behrendt

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