Rezensionen 24. Mai
Kaiserslautern: Sutherland «Othello»
Am 25. Mai, 21. Juni im Pfalztheater
Packend und dicht, im idealen Zusammenwirken von Choreografie und Musikauswahl und mit einem faszinierenden Hauptdarsteller adaptiert James Sutherland das Shakespeare-Drama. Es wird ein modernes Tanztheaterstück daraus, das sich mit filmischen Schnitten, gesprochenen Texten und abstrahierten Szenen so weit wie möglich vom braven Erzählballett entfernt, selbst wenn das manchmal auf Kosten der Nachvollziehbarkeit geht.
Schwarze Zacken ragen aus dem hohen, transparenten Wände-Geviert, das die Bühne zum Innenhof, zur Arena macht und erst ganz am Schluss des insgesamt schattigen Stücks hell aufleuchtet. Schon Claus Stumps Bühnenaufbau, bei dem das Orchester erhöht im Hintergrund sitzt, erinnert an John Neumeiers Hamburger Fassung des Stoffes, und auch hier wird das berühmte Taschentuch, an dem sich die Eifersuchtsintrige gegen Othello entzündet, von Leib zu Leib gewickelt. Aber Sutherland pflegt eine andere Bewegungssprache, deutet die fatalen Ereignisse in einem distanzierteren, oft nur minimal handlungstragenden Stil an. Sein eher zeitgenössisches Idiom enthält nur noch spärliche Reste von Ballett, die Arme sind in heftigem Einsatz, aber nie illustrierend. Tempo und Dynamik werden dabei zu entscheidenden, sensibel eingesetzten Faktoren.
So wirbelt das Ensemble als dräuend-dunkles Meer in langen Röcken oder gefriert in kalten Posen, die Duos zwischen Othello und Desdemona entwickeln sich still und voller Vertrauen. Seine Bauchbinde wird zu ihrer Weste, er umhüllt sie mit seiner Liebe, auch hier trifft Sutherlands spannende Musikauswahl die Emotionen. Zwischen Barocksonaten, die jeweils nach ihrem Titel «Folia», also Verrücktheit, ausgewählt wurden, sind es vor allem die modernen, verstörenden Klänge von Iannis Xenakis, die getriebene Musik von Wojciech Kilar oder John Adams, die den Seelenzustand der Hauptfigur schildern; dass man dabei das große Orchester unter Anton Legkii und die Soloviolinistin Anna Sophie Dauenhauer auf der Empore sieht, lässt auch sie quasi zu gaffenden Zuschauern bei Othellos Qualen in der Arena werden. Der Schauspieler Luca Zahn zitiert englische Passagen aus dem Stück, wird dabei auch optisch immer mehr zum verzweifelten Narren. Sprache dient als Musik, manchmal wird direkt zum Rhythmus von Shakespeares Versen getanzt, manchmal auch zur Stille.
Neben Ermanno Sbezzo als düsterem Jago und Jura Wanga als Desdemona hat James Sutherland einen wahrhaft beeindruckenden Othello gefunden – der in der kommenden Saison sein Co-Direktor wird: Huy Tien- Tran zeigt einen stolzen, verschlossenen Mann, der mit seiner Aura eines Martial-Arts-Helden stets fremd und distanziert im Ensemble wirkt. Das lauert manchmal als Pulk in der Ecke und lacht ihn aus, Othello fühlt sich beobachtet, erlebt Visionen, verliert nach und nach völlig seine Würde, die strenge Haltung. In seiner Wut knallt er Desdemona gegen die Wand, sie bleibt dort kleben wie eine Fliege, bis er die Tote in seine Arme nimmt.
Angela Reinhardt