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Rezensionen 26. April

Krems: Ligia Lewis «Water Will (in Melody)»

Am 3. und 4. Mai beim Donaufestival

Eins versagt hier sofort: der Orientierungssinn. Es ist, als blicke das Publikum in eine Dunkelkammer, in der ein seltsamer Film entwickelt wird – aber jemand macht versehentlich das Licht an. Frauen bewegen sich da wie groteske Avatare durch Zeiten und Zusammenhänge. Wunderbar der Anfang, wenn Ligia Lewis mit dem Grimm’schen Züchtigungsmärchen «Das eigensinnige Kind» einsetzt und Vamp-Performerin Dani Brown mit Gruselton und Hampelmanngalopp so ganz in ihrem Element ist. In «Water Will (in Melody)» gerät Ungeheuerliches, Unheimliches, Unbewusstes in Schwingung. 

Vier Frauen tauchen aus der glänzenden Unterwelt wie Wasserwesen auf: Ligia Lewis und Susanne Sachsse tragen schwarzes Latex, Dani Brown tritt in weißen Hot-Pants und reflektierender Plastik-Latzhose auf, Titilayo Adebayo im Leinennachthemd, samt weißen Handschuhen und schwarzem Hut. Die Handschuhe spielen auf Pantomime und Minstrel-Show an, während Adebayo zu hip-hoppigem Gesten-Stop-and-Go grimassiert. Das Latexmaterial lässt Nachtclub-Assoziationen aufkommen, erzeugt aber auch posthumane Impressionen. Die weißen Figuren wirken vorder-, die schwarzen hintergründig – wie in einem Ballet blanc, in dem die dramatischen Schatten ihrer Körperformen an die Wand geworfen werden. Um klar zu machen: «White must die».

Romantische Anleihen haben Ligia Lewis schon in «Sorrow Swag» (2015) fasziniert, als sie weiße, männliche Überlegenheitsfantasie samt ihrer Brüchigkeiten inszenierte. Auch im geheimnisvoll ausgeleuchteten Raum (Licht: Ariel Efraim Ashbel) von «Water Will (in Melody)» führt die Choreografin die Nachtseiten der Verklärung vor und legt Spuren ins Gothic-Genre. So erzeugt Sprühregen im zweiten Teil ein Sumpfklima, in dem das Ewig-Weibliche zu hausen scheint – und sich in Alligatoren-Manier fortbewegt.

Die Musik macht den Reigen komplett, von Thomas Tallis’ Renaissance-Motette «Spem in Alium» über Rachmaninows «Toteninsel» zu Enyas «Sail Away». Damit knüpft Lewis an die postkoloniale Kritik an, dass in Arbeiten, die sich mit schwarzen Perspektiven beschäftigen, immer öfter Werke aus Renaissance und Barock zum Einsatz kommen, um die geistige Verfasstheit der Epoche – Pathos und Lust an der Exklusion – zu thematisieren. Die Renaissance stellte den Menschen in den Mittelpunkt und ordnete ihm alles andere Leben unter. Die Aufklärung schied in Vernunftbegabte hier, Unvernünftige dort. Ligia Lewis spielt diesem Vernunftbegriff einen Streich, indem sie die weiße Kulturgeschichte in die Orientierungslosigkeit einer «New Dark Age» genannten Gegenwart schlittern lässt. Ein Tau hängt zuletzt in den Bühnensumpf hinein wie ein Ausweg. Er führt ins Nichts. Aber Lewis generiert daraus eine höllische Mischung aus Melodrama, Sarkasmus und Lust.

Astrid Kaminski

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