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Rezensionen 26. April

Karim Daoud in «Third Generation - Next Generation», Foto: Ute Langkafel

Berlin: Ronen «Third Generation - Next Generation»

Am 28., 29., 30. April, 1. Mai 2019 im Gorki Theater

Die Tür im Eisernen Vorhang knallt, Niels Bormann kommt auf die Gorki-Bühne und sagt zur Begrüßung: «Entschuldigung». Haha, er ist wieder da: Vor zehn Jahren erfand sich der 45-jährige Schauspieler in der ersten israelisch-deutschen Koproduktion der Theatermacherin Yael Ronen als ultradeutscher, beflissen-klemmiger Wiedergutmachungsstreber, der zwar unter seinem Nachnamen leidet, aber noch in der kriecherischsten Demutsgeste unangenehm dominant auftritt. Seither marschiert Bormann immer wieder bei Bedarf in Bühnenfettnäpfe, zuletzt in Yael Ronens «Winterreise», wo er eine Gruppe Geflüchteter quer durch Deutschland lotste. «Ich möchte mich ganz kurz vorab entschuldigen, dass hier heute ein Stück mit Israelis, Palästinensern und Deutschen stattfindet, das wir schon vor zehn Jahren gemacht haben.»

Tatsächlich war Yael Ronens auf die Screwball-Komik leibhaftiger Stereotypen gebautes Workshoptheater «Dritte Generation», 2009 koproduziert vom Habima Theater Tel Aviv und der Schaubühne am Lehniner Platz, eine der größten Erfolgsgeschichten im deutschen Theater der letzten Zeit. 2013 zog Ronen nach Berlin und machte als Hausregisseurin am Gorki Theater Schule: die offen thematisierte Präsenz von Schauspieler*innen unterschiedlicher Herkünfte, Religionen und sonstiger Identitäten, wie sie schon in «Dritte Generation» praktiziert wurde, ist inzwischen zur Signatur des Hauses geworden und beeinflusst weit über Berlin hinaus die Theaterlandschaft. Jetzt will Ronen, die ihren Regieansatz halb ernst, halb humorvoll als «Gruppentherapie» und sich selbst Schamanin bezeichnet, «überprüfen», was sich im letzten Jahrzehnt verändert hat.

Zu den Veteran*innen von 2009 – neben Niels Bormann sind auch Knut Berger, Orit Nahmias, Ayelet Robinson und Yousef Sweid wieder dabei – gesellen sich im roten Einheits-T-Shirt die Ensemble-Mitglieder Karim Daoud, Abak Safaei-Rad und Dimitrij Schaad; als Gäste finden sich außerdem die palästinensische Schauspielerin Lamis Ammar und Yael Ronens Bruder Michael im Stuhlhalbkreis vor dem Eisernen Vorhang ein; der New Yorker Oscar Olivio tritt einmal kurz als Business- statt Friedensplan-Onkel aus Amerika auf. Auch das Publikum könnte sich verändert haben, wie Niels Bormann gleich zu Anfang erkundet, indem er es nach Juden, Sinti und Roma, Deutsch-Türken, Schwulen, Ostdeutschen und Behinderten im Publikum selektiert und dabei jedes behauptete Mitgefühl und Empowerment konsequent mit einer Abwertung, rassistischen Stereotypen oder auch nur einer plumpen Freudschen Fehlleistung verbindet. Tatsächlich ist es an diesem Abend für Gorki-Verhältnisse besonders weiß, deutsch und heterosexuell.

«Früher habe ich immer gesagt: ‹Und ich möchte Ihnen sagen, dass ich nicht glaube, dass so etwas auf deutschem Boden je wieder passiert.› Das kann ich Ihnen leider nicht mehr versprechen», bedauert Bormann. Während tatsächlich ein Teil der Welt ein bisschen diverser und queerer geworden ist, ist ein anderer deutlich nach rechts gerückt. Ließen sich 2009 die Entschuldigungsroutinen der Deutschen sowie die Opfernarrative der heroischen Palästinenser und Israelis noch säuberlich aufdröseln, verkomplizieren neue nationalistische Gesetze in Israel, Parteineugründungen und ausdifferenzierte Identitätsbaustellen die Lage beträchtlich. Selbst die Deutschen sind nicht mehr so deutsch, wie sie angeblich mal waren: Dimitrij Schaad etwa wurde in Kasachstan geboren und greift «bei Bedarf» auf seine jüdische Großmutter zurück; Abak Safaei-Rad ist schwarz, kommt aber aus Bayern, was ihr in Tel Aviv, wo sie von der Ausländerpolizei verhaftet wurde, erst geglaubt wurde, als sie ihren Nazi-Großvater vorgoogelte. Niels und sein veggie-aktivistischer Büh­nenlover Knut streiten dar­über, ob Niels Knut als «schwul» bezeichnen darf, nur weil sie dreimal die Woche Sex haben: «Du würdest mit einem Käfer oder einer Pflanze durchbrennen?» – «Natürlich! Wenn die inneren Werte stimmen!»

Vergleiche, das wusste Orit Nahmias schon 2009, rücken Konfliktparteien nicht näher zusammen, sondern führen zu endlosen moralischen Überbietungskämpfen. Trotzdem antworten auch 2019 die Palästinenser «Nakba» (die Vertreibung von ca. 700.000 arabischen Palästinensern 1948 aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina), sobald die Israelis «Holocaust» sagen, während Tierrechtler Knut selbstverständlich gegen den «Chickenholocaust» protestiert. Umgekehrt beschimpfen sowohl linke Israelis als auch orthodoxe Zionisten die israelische Armee als Nazis. Nur um die Absurdität dieser Vergleiche zu demonstrieren, setzt Nahmias den Holocaust mit Beyoncé gleich, was die Sache nicht einfacher macht.

So könnte der hoffnungslos streitlustige Abend ewig weitergehen: Es gibt keinen sicheren Ort, weder rechts noch links noch in der scheinbar vermittelnden Mitte. Es gibt keine schützende Identität, zumal die wenigsten nur eine einzige haben, und Unschuld schon gar nicht. Es gibt aber auch kein Außerhalb der zwar todernsten, aber hier auch sehr komischen Konflikte: Die meiste Zeit schaffen es Ronen und Ensemble, die Dialoge in dieser fundamentalen Unsicherheit zu belassen und praktisch jeder Behauptung den Boden unter den Buchstaben wegzuziehen. Gegen Ende ergreift endlich Dimitrij Schaad, der die meiste Zeit kopfschüttelnd am Rande saß, das Wort.

Kräftigen Applaus erntet Schaad für die Feststellung, dass 30 bis 40 Millionen Russen ihr Leben lassen mussten, um am Ende endlich die Nazis zu schlagen, wofür sie bis heute keine Anerkennung erhalten hätten, geschweige denn eine Entschuldigung von den Deutschen. Jedenfalls bis Schaad sich von seiner angeblich nur strategisch für seine Gorki-Karriere benutzten russischen Identität lossagt («I am not a Wunderwerk of integration from Kasachstan, I am a Wunderwerk of acting from Aulendorf im Landkreis Biberach an der Riss!») und nunmehr als «Dieter Schmidt» ein paar neurechts-chauvinistische Meinungsbomben platzen lässt, von «Ich finde es schön, dass hier alle relativ frisch geduscht sind und sexuell ausgeglichen genug, um sich nicht gegenseitig zu betatschen, und mit ziemlicher Sicherheit keine Waffen tragen» bis zu «Wir hier sind rationaler, professioneller, friedlicher und resistenter gegen Krisen.» Zwar hat dann doch nicht Patriot Schmidt das letzte Wort, sondern sein Antagonist Niels Bormann mit einem letzten flehentlichen «Es tut mir leid»: der Cliffhanger für die nächsten zehn Jahre Gruppentherapie. Vielleicht laden Yael Ronen und Ensemble dann ja wieder zum Lachen über den realen Wahnsinn stereotyper Identitäten.

Eva Behrendt

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